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Kommentar : Leute, geht studieren!

Viele, viele Studenten. Aber, ist das wirklich eine schlechte Entwicklung? Bild: ZB

Wenn in diesen Tagen an den deutschen Hochschulen das Sommersemester beginnt, sind Hörsäle und Seminarräume so voll wie nie. Hilfe, Akademisierungswahn, rufen viele. Was ist dran?

          Welch ein Glück: Wenn in diesen Tagen an den deutschen Hochschulen das Sommersemester beginnt, sind Hörsäle und Seminarräume so voll wie nie. Rund 2,8 Millionen Studierende waren hierzulande zuletzt eingeschrieben, davon eine halbe Million Anfänger. Das ist kein Wunder, beendet heute doch die Hälfte eines jeden Jahrgangs die Schullaufbahn mit dem Abitur. Von einem Mangel an Bildungshunger oder Aufstiegswillen kann hierzulande also keine Rede sein.

          Die Freude darüber ist erstaunlicherweise geteilt. Neuerdings gelten hohe Studierquoten nicht mehr als unbestrittenes Zeichen des gesellschaftlichen Fortschritts. Spätestens seit der Arbeitsmarkt in Deutschland die Krisenstürme der zurückliegenden Jahre weit besser überstanden hat als in vielen Ländern mit mehr akademischem Personal, hat sich die Debatte gedreht. Heute gilt es als erstrebenswertes Ziel, möglichst viele junge Leute in eine Berufsausbildung zu bringen. Professoren der Philosophie warnen in schrillem Tonfall vor dem „Akademisierungswahn“, auch weil die vielen Studierwilligen angeblich das wissenschaftliche Niveau gefährden.

          Zahlreiche Firmenchefs stimmen ein, weil sie einen Mangel an praxistauglichen Fachkräften befürchten. Gerne werben sie für die Vorteile, die ein früher Berufseinstieg angeblich bietet: eigenes Einkommen, sicherer Job, spätere Aufstiegsmöglichkeiten. Leider halten sie die Versprechen allzu oft nicht ein. Die Statistik spricht eine klare Sprache: Akademiker verdienen im Laufe ihres Lebens im Schnitt 74 Prozent mehr Geld als Nichtakademiker, also fast das Doppelte - bezahlt nicht von akademisierungswütigen Politikern, sondern von den Unternehmen selbst. Und mit dem Traum von der großen Karriere ist es für die meisten Ex-Azubis schnell vorbei. Ab einem bestimmten Punkt geht es ohne Studium heutzutage nicht mehr weiter, berichten alle Personalberater aus praktischer Erfahrung.

          Die Zahl der sozialen Aufsteiger ist zurückgegangen

          Die Schulabgänger verhalten sich also überaus vernünftig, wenn sie an die Hochschule gehen. Das Vorurteil, sie wollten sich vor der rauhen Wirklichkeit des Arbeitslebens im universitären Elfenbeinturm verstecken, trifft die Sache heute weniger denn je. Die Zeiten, in denen eine kleine akademische Elite von morgens bis abends über Adorno diskutierte, sind längst vorbei. Viele Studierende jobben nicht nur nebenher. Sie gehen einer richtigen Arbeit nach, gründen ein Start-up, knüpfen Kontakte. Auch das ist eine Art duales System. Manchmal funktioniert es so gut, dass gerade die Findigen keinen Abschluss machen. Das ist zwar für sie selbst nicht empfehlenswert (es sein denn, sie heißen Marc Zuckerberg), aber noch kein Zeichen für ein Versagen des Bildungssystems.

          Bedenklich stimmt eher, dass die Zahl der sozialen Aufsteiger unter den Studienanfängern stark zurückgegangen ist. Das ist aber auch eine Folge der Bildungsrevolution: Es gibt heute schlicht weniger Eltern ohne Abitur oder Uni-Abschluss. Und wenn überhaupt jemand den wohlfeilen Ratschlägen zum Verzicht aufs Studium folgt, dann werden es fatalerweise die Schulabgänger aus diesen Familien sein. Mütter und Väter, die selbst studiert haben, kennen die Vorzüge dieses Bildungswegs. Anders als das Klischee es will, bewahren sie ihren Nachwuchs damit vor dem Schicksal des Taxifahrers: Seit das Gewerbe so prekär geworden ist, beschäftigt es zu mehr als 98 Prozent Nichtakademiker.

          Es geht nicht um das Downgrading von Qualifikationen, sondern um deren gezielte Förderung. Der Weg zu mehr und besseren Azubis führt über bessere Kitas und Schulen, über mehr Anstrengungen in den Betrieben. Die Firmen können sich nicht allein darauf verlassen, dass das Bildungssystem planwirtschaftlich ihren Bedarf erfüllt. Sie müssen sich auf wandelnde Arbeitsmärkte auch selbst einstellen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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