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Jurastudium : Bildet Anwälte des Rechts, nicht Rechtstechniker

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Rechtsprechungskenntnis oder Grundlagenreflexion: Wie schult man Juristen für die Anforderungen einer globalisierten Welt? Bild: dpa

Im Normwandel der globalisierten Welt kommt es im Jurastudium mehr denn je auf die Grundlagen an: Eine weitere Antwort auf den Gastbeitrag des Münsteraner Juraprofessors Peter Oestmann.

          Was soll die Universität jungen Juristen vermitteln? Solides Handwerk und umfassendes Wissen oder die Grundlagen für kritisches Urteilen und verantwortliches Entscheiden? Diese Fragen haben die Münsteraner Juristen Peter Oestmann und Hinnerk Wißmann bereits diskutiert. Konsens herrschte in der Diagnose von Defiziten im gegenwärtigen Ausbildungs- und Examensbetrieb. Uneins waren Oestmann und Wißmann in der Therapie: Gehört die juristische Grundausbildung an Fachhochschulen, und soll man das erste juristische Staatsexamen durch einen universitären Abschluss ersetzen?

          Peter Oestmann ging es um den akademischen Geist. Er will junge Juristen für Bildung und Wissenschaft begeistern. Für die Massenausbildung von Rechtsanwendern brauche man Universitäten nicht. An der Universität sollten die Grundlagen im Vordergrund stehen. Und in der Tat: Für Studenten, die nicht mehr als eine professionelle Ausbildung suchen, sind Fachhochschulen privilegierte Institutionen mit intensiverer Betreuung und besserer Ausstattung. Fachhochschulstudiengänge sind deshalb häufig begehrter als ihre universitären Pendants. An der Universität muss es also um anderes gehen als um die Vermittlung technischen Detailwissens.

          Hinnerk Wißmann verteidigte das gegenwärtige System. Er hob hervor, dass das freie Studium des 19. Jahrhunderts keinen Selbstzweck dargestellt habe. Vielmehr zielte es auf die Ausbildung kompetenter Eliten, auf die sich der junge Staat in einer zunehmend komplexen Welt angewiesen sah. Gegenwärtig sieht Wißmann im Staatsexamen sogar einen Garanten der Freiheit - nach Bologna wird man dem kaum widersprechen. Er plädiert für eine verstärkte Beteiligung von Professoren am Staatsexamen und für eine Abschaffung des universitären Schwerpunktstudiums, um Freiheit und Wissenschaftlichkeit zurückzugewinnen.

          Das Staatsexamen abzuschaffen bringt nicht die Lösung

          Die Vorzüge des deutschen Wegs erweisen sich besonders deutlich im Vergleich mit amerikanischen law schools. Dort gibt es kein Staatsexamen; und an den Spitzenuniversitäten zählt allein interdisziplinäre Wissenschaft. Leitdisziplinen sind law and economics, legal an-thropology, critical legal studies oder law and literature. Man arbeitet also nicht mit dogmatischen, sondern mit ökonomischen, politischen, soziologischen oder literaturwissenschaftlichen Methoden. Dem Rechtssystem ist das nicht gut bekommen.

          Denn wer auf dogmatische Jurisprudenz mit Verachtung herabschaut, wird nicht leicht ein guter Jurist. Amerikanische Juristen glauben nicht an eine Eigenlogik oder an einen spezifischen Wert des Rechts. Sie betrachten das Recht von außen als Mittel gesellschaftlicher Steuerung und politischen Streits.

          Viel weniger als deutsche Juristen verfügen sie über das methodische Rüstzeug, um komplizierte Gerechtigkeitsfragen juristisch zu operationalisieren und damit rational zu entscheiden. Die Probleme des deutschen Studiums lassen sich also nicht einfach dadurch lösen, dass man das Staatsexamen abschafft, und erst recht nicht dadurch, dass man die dogmatische Ausbildung in den Hintergrund drängt. Dafür plädiert auch Oestmann nicht. Aber warum sonst sind akademische Freiheit und kritischer Geist in der juristischen Ausbildung so bedroht wie niemals zuvor? Drei Punkte scheinen mir wichtig.

          I. Differenzerfahrung statt Rechtsprechungskenntnis

          Bis zum Ende des 19. Jahrhundert war das Studium vorrangig am römischen Recht orientiert, also an einem kulturell fernen Recht, das auch damals nur ausnahmsweise galt. Warum unterrichtete man nicht stattdessen preußisches Recht in Preußen oder bayerisches in Bayern? Und warum folgen führende europäische Fakultäten noch heute der traditionellen Methode, zumindest in den Anfangssemestern? In Zürich werden die Grundstrukturen des bürgerlichen Rechts anhand der Institutionen Justinians gelehrt. Gleiches gilt in Oxford.

          Dabei geht es nicht darum, jungen Juristen die Ursprünge ihres Rechts vor Augen zu führen. Entscheidend ist vielmehr die Konzentration auf das Wesentliche. Wer Jura anhand römischer Texte studiert, beschäftigt sich ausschließlich mit dogmatischen Grundstrukturen und juristischen Methoden. Gerichtsentscheidungen auswendig zu lernen hilft jedenfalls nicht weiter. Es ist also sichergestellt, dass Studenten juristisches Wissen nicht mit Rechtsprechungskenntnis verwechseln. Zugleich vermittelt dieser Ansatz eine elementare Differenzerfahrung. Wer anhand einer fremden Rechtsordnung ausgebildet wird, weiß, dass nichts im Recht selbstverständlich ist. Man wird dann wie von selbst auf die Frage nach dem Warum gestoßen, auf die es im Studium sonst wenig ankommt.

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