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Master statt Staatsexamen : Jurist werden ohne Qual

Weniger Examensstress, dafür oft mehr Tiefe in bestimmten Bereichen: Ein Master-of-Law-Student an der Bucerius Law School in Hamburg. Bild: dpa

Das gefürchtete Staatsexamen in Jura lässt sich vermeiden: Mit einem Master-Studiengang. Doch damit kann man weder Richter noch Anwalt werden. Ein hoher Preis.

          Ihren Arbeitsvertrag hat Anne-Catherine Lorek schon in der Tasche. In diesem Sommer fängt sie bei einer großen Steuerberatungsgesellschaft in Frankfurt an. Dabei ist die Jurastudentin gerade mal 23 Jahre alt. Und ihren Abschluss macht sie erst kurz vor dem Arbeitsbeginn. So eine Karriere wäre in England oder Frankreich nicht außergewöhnlich. In Deutschland aber sind Juristen beim Jobeinstieg normalerweise mindestens Ende zwanzig. Und Bewerbungen ohne das Abschlusszeugnis sind von vornherein zwecklos. Denn über die Einstellung entscheidet allein die Note.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Nur mit zwei Prädikatsexamina stehen dem Bewerber alle Türen offen, ob Richteramt oder Großkanzlei. Das schaffen aber noch nicht einmal 15 Prozent aller Studenten. Die anderen müssen sich auf Frustrationen bei der Stellensuche einstellen. Eine so zentrale Bedeutung haben Noten in keinem anderen Fach. Schon unter Erstsemestern kursieren Anekdoten aus dem Gruselkabinett Examen. Und mancher Jurist spricht noch im hohen Alter über die sadistischen Spielchen seiner Prüfer im mündlichen Examen.

          So eine Traumatherapie wird Anne-Catherine Lorek nicht brauchen. Ihr Studienabschluss ist nicht das qualvolle Staatsexamen. Die Universität Mannheim bietet ihr einen anderen Weg: den Bachelor und Master in Jura. Die Universität Mannheim ist damit eine von etwa zwanzig Hochschulen in Deutschland (die meisten anderen sind Fachhochschulen), die einen wirtschaftsrechtlichen Studiengang anbieten und damit die Vorgaben des europäischen Bologna-Prozesses zur Vereinheitlichung der Studienabschlüsse umsetzen.

          „Die Absolventen werden uns aus den Händen gerissen“

          Die Einrichtung des Studiengangs in Mannheim vor beinahe zehn Jahren war fast eine Revolution. An den meisten anderen juristischen Fakultäten sträubt man sich nach wie vor gegen die Umstellung auf Bachelor und Master. Von einer drohenden Verwässerung der Qualität ist die Rede; von einem gefährlichen Bruch mit der Tradition. Die Staatsexamina genießen hohes Ansehen. Der Mensch fängt erst beim Volljuristen an, sagt manch ein Richter schon mal halb scherzhaft in Anlehnung an Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“. Doch die Mannheimer ließen sich davon nicht beeindrucken - auch wenn sie die Entscheidung, die traditionellen Wege zu verlassen, nicht ganz freiwillig getroffen haben. Die juristische Fakultät war damals von der Schließung bedroht.

          Die guten Studenten gingen nach Heidelberg, Tübingen oder Freiburg. Mannheim galt als nicht sonderlich attraktiv. Ein neues Konzept musste her. Im Jahr 2008 begann der erste Jahrgang mit 133 Erstsemestern den Bachelor-Studiengang „Unternehmensjurist“. Inzwischen haben schon zwei Jahrgänge mit dem Master abgeschlossen. Der Mannheimer Master hat mit den LL.M.-Programmen ausländischer Hochschulen nicht viel gemein. Die einjährigen Studienprogramme sind eine Zusatzqualifikation zum Staatsexamen. Ein LL.M. aus Amerika, England oder Neuseeland bewerten Kanzleien als Nachweis für gute Englischkenntnisse. Das Master-Programm in Mannheim dagegen ist eine Alternative zum Staatsexamen. „Die Absolventen werden uns aus den Händen gerissen“, kann der Mannheimer Studiendekan Friedemann Kainer berichten.

          Doch von wem eigentlich? Ohne zweites Staatsexamen darf man in Deutschland weder Richter noch Staatsanwalt und auch nicht Anwalt werden. 2008 hat Deutschland das Feld der Rechtsberatung zwar etwas geöffnet. Doch ohne die „Befähigung zum Richteramt“, die man nur mit dem zweiten Staatsexamen erwirbt, darf man nur Familienangehörige und Freunde beraten und dafür noch nicht einmal Geld verlangen. Aus der Begründung zum Rechtsdienstleistungsgesetz ergibt sich, dass der Gesetzgeber sich über die Absolventen wirtschaftsrechtlicher Studiengänge Gedanken gemacht hat und eine Gleichstellung mit Volljuristen ausdrücklich ablehnt. Der Mannheimer Absolvent darf also auch nicht mehr oder weniger werden als ein Historiker oder Philosoph.

          Jünger als Volljuristen, niedrigere Einstiegsgehälter

          Doch es gibt Betätigungsfelder für Juristen jenseits der Rechtsberatung, in denen juristische Kenntnisse von Nutzen sind. Die Tätigkeit in der Rechtsabteilung eines Unternehmens etwa fällt nicht unter das Verbot der Rechtsberatung - selbst, wenn der Mitarbeiter dort Ratschläge gibt. Unter den Begriff der Rechtsberatung fällt nämlich nur die Tätigkeit in fremden Angelegenheiten, und der eigene Arbeitgeber ist kein Fremder. Für die Mannheimer Absolventen bietet sich auch eine Tätigkeit in einer Personalabteilung an, als Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater oder in Verbänden und Gewerkschaften. „Wir haben diese Bereiche weitgehend an die Betriebswirte verloren“, meint Barbara Dauner-Lieb, Professorin für Zivilrecht und Wirtschaftsrecht an der Kölner Universität.

          Die Absolventen der Wirtschaftswissenschaften sind beim Berufseinstieg jünger als Volljuristen und verlangen in der Regel auch niedrigere Einstiegsgehälter. „Mit Studienmodellen wie in Mannheim können die Juristen hier Boden gutmachen“, so Dauner-Lieb, die damals im Akkreditierungsauschuss des Studiengangs saß. Anne-Catherine Lorek entdeckte schon im zweiten Jahr des Bachelor ihre „Liebe zum Steuerrecht“, wie sie sagt. Hätte sie für das Staatsexamen lernen müssen, wäre sie wohl kaum dazu gekommen, diesen Spezialbereich zu vertiefen, denn der Pflichtstoff ist schon so enorm umfangreich. Doch nun steht Unternehmenssteuerrecht auf Anne-Catherine Loreks Studienplan, außerdem Umwandlungssteuerrecht und europäisches Steuerrecht. Sie besucht auch Vorlesungen und Seminare für Betriebswirte. Dafür kann sie das Strafrecht und das öffentliche Recht - beides Kernbereiche des Staatsexamens - fast vollständig weglassen.

          Das Master-Studium in Mannheim setzt eine Begeisterung für das Steuerrecht nicht voraus. Etwa die Hälfte der knapp dreißig Studenten entscheidet sich für die zweite inhaltliche Option: Human Ressources. Hier stehen neben dem Arbeitsrecht Veranstaltungen in Corporate Governance, öffentliches Wirtschaftsrecht sowie, aus dem BWL-Bereich, Fächer wie Leadership and Motivation auf dem Plan. Den Unterricht geben nicht nur Universitätsprofessoren, sondern auch Rechtsanwälte, Steuerberater und andere Praktiker. „Die Theorie ist essentiell, bereitet aber allein nicht auf den Job vor“, erklärt Studiendekan Kainer. „Daher spielt bei uns die Praktiker-Perspektive eine wichtige Rolle.“

          Die Mehrheit macht doch das Staatsexamen

          Wer sich für das Jurastudium in Mannheim entscheidet, muss die Option Staatsexamen damit nicht notwendigerweise aufgeben. Zwar beginnen alle Erstsemester das Bachelor-Studium „Unternehmensjurist“. Die Mannheimer Prüfungsordnung bietet aber Anreize, anschließend das Staatsexamen abzulegen. Diesen Weg wählt auch noch die Mehrheit der Studenten. Mit den Bachelor-Klausuren haben sie nämlich schon den zivilrechtlichen Teil des Examens in der Tasche. Und die Bachelor-Hausarbeit entspricht der universitären Schwerpunktprüfung, die seit der Reform der Juristenausbildung dreißig Prozent der Examensnote ausmacht.

          Die Studenten müssen also nur noch die Examensklausuren im Strafrecht und im öffentlichen Recht schreiben. Das hat auch den Vorteil, dass sie, anders etwa als die Kommilitonen auf der anderen Seite des Neckars in Heidelberg, nicht den gesamten Prüfungsstoff zum selben Zeitpunkt parat haben müssen. Und sollten sie tatsächlich die Klausuren nicht bestehen, haben sie, anders als andere Jurastudenten, mit dem Bachelor immerhin schon einen universitären Abschluss. Die Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Praxis hat freilich ihren Preis. In Mannheim lehren zwar namhafte Wirtschaftswissenschaftler und Steuerrechtler, doch in anderen Rechtsbereichen ist die Fakultät sehr ausgedünnt.

          Jüngst etwa durfte ein renommierter Völkerrechtler seinen Vertrag über das Alter von 65 hinaus nicht verlängern, weil es nicht mehr ins Konzept der Fakultät passte. Am Ende der klassischen juristischen Ausbildung steht ein juristisch umfassend gebildeter Generalist, der an sich in allen juristischen Berufen einsetzbar ist - so jedenfalls die Theorie. Davon hat sich Mannheim ein ganzes Stück entfernt. Doch seit es das Jurastudium gibt, wird über die richtige Ausrichtung diskutiert. Mit einer Abbruchquote von knapp dreißig Prozent und der weiten Verbreitung privater Repetitorien (die sogar schon zu Goethes Zeiten üblich waren) gibt es denn auch genügend Gründe für einen kritischen Blick auf das System.

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