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Junge Akademie Mainz : Mitgefühl unter Juristen und Bakterien

Interdisziplinärer Austausch? Im Uni-Alltag oftmals selten. Bild: dpa

In der neugegründeten Jungen Akademie Mainz suchen Nachwuchsforscher den Austausch über Fächergrenzen hinweg. Zentral ist die Neugier auf das, was Wissenschaftler in anderen Disziplinen tun.

          Im Smalltalk soll ja schon manches originelle Projekt entstanden sein. Vielleicht hat Magdalena Zorn den Anstoß für ein spannendes Kolloquium oder eine Vortragsreihe gegeben, als sie Elitza Mihaylova fragte, inwiefern Empathie im Recht eine Rolle spiele. Aus dem Stand fiel Mihaylova ein, dass manche Urteile des Bundesgerichtshofs in Juristenkreisen als „Mitleidsrechtsprechung“ bewertet würden - was dann eher abwertend gemeint sei.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht ausgeschlossen, dass die Juristin Mihaylova irgendwann in den nächsten vier Jahren eine Veranstaltung zu diesem Thema organisiert und ihre Kollegen von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur dazu einlädt. Gut möglich auch, dass die Musikwissenschaftlerin Zorn dann im Publikum sitzt. Neugier auf das, was Wissenschaftler in anderen Disziplinen tun, ist nämlich ein zentrales Aufnahmekriterium für die neu gegründete Junge Akademie - eine Art Nachwuchsforum der 1949 gegründeten Mainzer Akademie, in der Naturforscher, Geisteswissenschaftler und Künstler den interdisziplinären Austausch pflegen.

          Fachliche Exzellenz wird bei den 36 Mitgliedern der Jungen Akademie vorausgesetzt. Versteht sich also, dass Mihaylova, Zorn und die anderen Auserwählten gemessen an ihrem Alter schon imposante Lebensläufe vorzuweisen haben. Die Deutsch-Bulgarin Mihaylova hat ihr Abitur mit 1,0 gemacht, wurde von der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert und bestand ihr erstes Jura-Staatsexamen in Rheinland-Pfalz als Landesbeste. Nach dem Referendariat konnte sie sich aussuchen, ob sie in Harvard oder Yale weiterstudieren wollte. Sie entschied sich für die Yale Law School, die jährlich etwa 25 Studenten in ihr Masterprogramm aufnimmt. Ihre Zukunft sieht die 29 Jahre alte Forscherin aber in Deutschland. Derzeit schreibt sie an der Uni Mainz ihre Doktorarbeit. Berufsziel: natürlich Professorin.

          Auch der generationenübergreifende Dialolg ist wichtig

          Magdalena Zorn hat ihre Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München schon fertig und peilt jetzt die Habilitation an. Zorn, zwei Jahre älter als Mihaylova, interessiert sich für die Frage, wie die Wahrnehmung von Musik das Schaffen von Komponisten bestimmt. „Bisher wird üblicherweise die Komposition als Ursache und das Hören als die Wirkung angesehen“, sagt Zorn. „Ich will diese Betrachtungsweise umdrehen.“ Dabei interessieren sie auch die Erkenntnisse von Neuro- und Sozialwissenschaftlern - in der Mainzer Akademie dürfte Zorn genügend Gesprächspartner mit passender Expertise finden.

          Dass sie sich mit der Insolvenzrechts-Expertin Mihaylova ebenso angeregt unterhalten kann, obwohl deren Fachgebiet dem ihren denkbar fern liegt, spricht für ihre Aufgeschlossenheit und Kommunikationsfreude. Auch diese Eigenschaften sollen die Jung-Akademisten mitbringen, schließlich wird von ihnen laut Ausschreibung erwartet, dass sie sich am fächer- und generationenübergreifenden Dialog der Wissenschaften beteiligen. Berührungsängste gegenüber den Angehörigen der „großen“ Akademie, meist Koryphäen in gesetztem Alter, scheint Mihaylova nicht zu kennen. Schon als Stipendiatin der Studienstiftung genoss sie nach eigenen Worten bei Veranstaltungen die „schöne, einladende Atmosphäre“ in der Mainzer Akademie.

          Kontakte knüpfen, Ideen austauschen

          Kontakte zu knüpfen, Ideen für Forschungsvorhaben zu entwickeln und eventuell selbst Veranstaltungen zu organisieren, das sind die Hauptzwecke der auf vier Jahre befristeten Mitgliedschaft in der Jungen Akademie. Auf größere finanzielle Zuwendungen dagegen dürfen die in diesen Zirkel Berufenen nicht hoffen. Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur könne die Reisekosten für die Treffen übernehmen, aber kein Geld für Forschungsprojekte bereitstellen, sagt ihr Präsident Gernot Wilhelm. Dass die laufenden Kosten der Jungen Akademie gedeckt werden, stellt die Fritz-Thyssen-Stiftung sicher: Sie unterstützt das Programm mit 100.000 Euro.

          Um seine materiellen Arbeitsbedingungen braucht sich Daniel Unterweger vermutlich ebenso wenig zu sorgen wie seine Akademie-Kolleginnen Zorn und Mihaylova. Der 1987 geborene Biologe ist zurzeit am Department of Zoology der Universität Oxford tätig. Dort untersucht er Lebensgemeinschaften von Bakterien, etwa im menschlichen Darm. Unterweger kann sehr anschaulich von Mikroben erzählen, die manchmal gegeneinander „Krieg“ führten, bisweilen aber auch Stoffe absonderten, die anderen Bakterien nützten. Mit der Musikexpertin Zorn dürfte er sich schon deshalb gut verstehen, weil er mehrere Jahre in Orchestern Bratsche gespielt hat. Aber auch ein Kolloquium über Empathie würde er sich gerne anhören, wie er sagt. Mit einem Vortrag über Zu- und Abneigung in der Welt der Bakterien könnte er es sogar selbst bereichern.

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