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Interview : „Für einen Nebenjob pfeifen Professoren auf die Lehre“

  • Aktualisiert am

Einem Berufsstand droht Imageverlust Bild: fotolia.com

Das Buch „Professor Untat“ hat für Furore gesorgt: Hochschullehrer bieten ihre Arbeitskraft außerhalb der Uni an, statt sich den Studenten zu widmen. Die Autoren über die Folgen im „Streichelzoo des Beamtentums“ - das Interview.

          Nach den „Nieten in Nadelstreifen“ und dem „Lehrerhasser-Buch“ liegt seit einigen Wochen die entsprechende Kampfschrift gegen den deutschen Professor vor: voller Anekdoten und bizarrer Fälle. Im Interview erzählen die beiden Autoren - der Betriebswirtschaftsprofessor Uwe Kamenz und der Unternehmensberater Martin Wehrle - was sich seitdem getan hat im „Streichelzoo des Beamtentums“.

          Das Medienecho ist groß auf Ihr Buch. Herr Professor Kamenz, reden Ihren Kollegen noch mit Ihnen?

          Uwe Kamenz: Professoren reden grundsätzlich recht selten miteinander. Schließlich sehen sie sich fast nie. Deshalb hat sich diesbezüglich bei mir nicht viel geändert. Es ist aber anzunehmen, dass die Kollegen mehr über mich reden, seit „Professor Untat“ erschienen ist.

          „Faustdicke Überraschung” erlebt: Martin Wehrle

          Und klopfen Ihnen die Studenten auf die Schulter?

          Damit halten sich die Studierenden bisher vornehm zurück. Sie warten darauf, dass wir unsere Vorschläge wie zum Beispiel das Professorenportal auch umsetzen. Fromme Sprüche und kluge Ideen haben sie schon oft genug gehört, und passiert ist dann immer nichts.

          Die Dreistigkeit, mit der Professoren auf Ihre fingierte Job-Anzeige ihre bereits bezahlte Arbeitskraft noch einmal verkaufen wollten, ist groß. Hat Sie das überrascht?

          Martin Wehrle: Ja, eine faustdicke Überraschung. Fast 50 Bewerber waren bereit, bis zu drei Tage pro Woche für den lukrativen Nebenjob auf Forschung und Lehre zu pfeifen. Erschüttert haben mich die Gespräche, die ich getarnt als „Headhunter“ mit den Bewerbern geführt habe. Unglaubliche Fälle sind in dem Buch dokumentiert: ein Didaktik-Professor, der als Atomlobbyist Schulkinder in ein Zwischenlager geschleppt hat. Der Präsident einer skandalumwitterten FH, der unbedingt für Montag und Freitag den Nebenjob haben wollte. Und fast alle Profs haben gesagt: In den Semesterferien - also rund fünf Monaten - haben wir rund um die Uhr Zeit. Dabei hören Studierende immer den Jammerchor: „Wir sind überlastet, wir haben keine Zeit.“

          Sie behaupten, die glatte Hälfte der deutschen Professorenschaft forsche nicht und liege quasi auf der gut bezahlten faulen Haut. Warum geht die andere Hälfte nicht in großem Stil dagegen auf die Barrikaden?

          Kamenz: Warum sollten Sie? Sie hätten nur Nachteile: Imageverlust des eigenen Berufsstandes, Verteilung der knappen Mittel gegebenenfalls auf mehr tätige Professoren bedeutet weniger Geld für den einzelnen, Zeit- und Energieverlust in der Bürokratie. Unsere These: In den entscheidenden Gremien sitzen mehrheitlich untätige Professoren, da tätige keine Zeit dafür haben.

          Haben Sie da nicht zu viele der guten Professoren mit den schlechten über den Kamm geschoren?

          Wehrle: Im Gegenteil, wir sagen ausdrücklich: Die Hälfte aller Profs leistet erstklassige Arbeit. Aber diese Professoren sind es doch gerade, die unter ihren faulen Kollegen leiden. Beispiel: Wenn ein Professor als Lehrmuffel verschrien ist, sammeln sich die Studierenden bei seinem engagierten Kollegen. Und an dem bleibt dann auch die Arbeit hängen. Daher wundert es mich nicht, dass gerade engagierte Professoren unser Buch begrüßen - während die weniger engagierten auf die Barrikaden gehen.

          Sie schreiben, der typische Professor sieht sich als jemand, der das Lehren so wenig lernen muss wie die Nachtigall das Singen, Was macht gerade den deutschen Professor so anfällig für die von Ihnen kritisierte Selbstüberschätzung?

          Wehrle: Erstens bekommt ein Professor auf seine Lehre kaum Rückmeldungen, anders als bei der Forschung, die von den Kollegen und von den wissenschaftlichen Publikationsorganen kritisch beurteilt wird. Und zweitens sind Professoren immer noch ungelernte Hilfslehrer. Jede Kindergärtnerin bekommt in ihrer Ausbildung mehr didaktische Kenntnisse als sie vermittelt. Und von freiwilliger Didaktik-Fortbildung, wie sie viele Bundesländer anbieten, halten die meisten Professoren nichts. In Bayern nehmen zum Beispiel nur ein Prozent der Uni-Professoren das Fortbildungsprogramm „Profi-Lehre“ in Anspruch.

          Ein Professor wird zu wenig kontrolliert, wer könnte diese Aufgabe effektiv übernehmen?

          Kamenz: Nur die Öffentlichkeit und die Studierenden mit unserem Professorenportal.

          Um das Übel an der Wurzel zu packen, müsste man wohl das ganze System umgraben. Wann wird der Beamtenstatus für Professoren abgeschafft?

          Wehrle: Je eher, je besser. Denn ohnehin stellt sich die Frage: Wie soll ein Professor, der sich selbst im Streichelzoo des Beamtentums bewegt, seine Studierenden auf die Wildnis der freien Wirtschaft vorbereiten?

          Hätte ein Systemwechsel die Folge, dass man mehr Profs-auf-Zeit, also mehr Praktiker, aus Industrie und Wirtschaft an die Unis locken könnte?

          Ja, die Grenze zwischen Hochschule und freier Wirtschaft könnte fließender werden. Sicher würde das auch bedeuten, dass man Spitzen-Profs höhere Gehälter zahlen müsste. Da spricht nichts dagegen, wenn man auf der anderen Seite endlich die faulen Früchte aus dem Korb sortieren könnte.

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