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Internationalisierung der Unis : How do you do, Hausmeister?

  • -Aktualisiert am

Buntgemischte Studierendenschaft: Bibliothek der Ruhr-Universität in Bochum Bild: dpa

Die deutschen Hochschulen werden immer internationaler. Erstaunlich, welchen Aufwand sie treiben, um ihre Mitarbeiter auf ausländische Studenten vorzubereiten.

          „When I live in Zurich, what is my nationality?“, fragt eine Frau ihre Nachbarin. „I think you are Swiss“, antwortet diese. Die beiden sitzen in einem lichtdurchfluteten Raum an der Humboldt-Universität Berlin und trainieren ihr Englisch. Sie üben Bezeichnungen für Länder und Nationalitäten, Wörter, die sie in ihrem Arbeitsalltag häufig benutzen. Die beiden Frauen sind keine Studentinnen, sondern in Bibliotheken der Humboldt-Universität tätig. Jede Woche nehmen sie an einem neunzigminütigen Englischkurs für nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni teil. Er findet in ihrer Arbeitszeit statt, zahlen müssen sie für die Fortbildung nicht.

          Die Dozentin Alexine Good stammt aus Großbritannien und lebt seit den neunziger Jahren in Deutschland. Als Freiberuflerin unterrichtet sie an verschiedenen Institutionen in Berlin. Die hochgewachsene Frau spricht mit ihren Kursteilnehmern ausschließlich Englisch. Nur so können sie sich auf die Fremdsprache einlassen, findet sie. Jetzt geht Alexine Good zu Fragen über, die Menschen aus dem Ausland in einer Bibliothek stellen: Wo ist der Kopierer? Wie bekomme ich einen Leseausweis? Kann ich meine Sachen in einem Schrank einschließen? Darf ich mein Baby mit in den Lesesaal nehmen? „Ja“, antworten mehrere Teilnehmerinnen wie aus einem Mund. „Aber wir haben extra einen Raum für Familien“, ergänzt eine Frau. Sie üben die Fragen und Antworten noch mal in kleinen Gruppen und gehen dann zu Dialogen am Telefon über.

          Acht Frauen und ein Mann sitzen in dem Kurs – allesamt arbeiten sie in Unibibliotheken. Der Englischunterricht ihrer Schulzeit ist schon ein paar Jährchen her. Einige Teilnehmer haben danach noch Englischkurse besucht. Im Durchschnitt entsprechen ihre Kenntnisse dem Niveau A2: Basis-Wissen, mit dem sie ein Hotelzimmer buchen oder nach dem Weg fragen können. Das reicht kaum für ihren Arbeitsalltag. Dort brauchen sie Wörter, die sie in der Schule nicht gelernt haben, und müssen noch dazu Dialekte von englischen Muttersprachlern und manchen exotischen Akzent von Ausländern verstehen. Manchmal falle es ihr schwer, am Tresen Auskunft zu geben, erzählt eine Frau nach dem Kurs. Viele Menschen würden schnell sprechen. Am Telefon könne sie die Mimik ihres Gegenübers nicht sehen, sagt ihre Kollegin: „Wir müssen aber den Namen korrekt in unseren Computer eintippen, um den Nutzer in unserem System zu finden.“ Das sei schwierig, wenn die Person undeutlich spricht, die Telefonverbindung schlecht sei.

          Nicht alle sind lernmotiviert

          Nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) studierten 2016 in Deutschland 32 300 Menschen aus China, 13 500 aus Indien, 11 400 aus Russland. Zu diesen drei wichtigsten Herkunftsländern kommen viele weitere Nationen – und Hunderte Doktoranden und Forscher aus dem Ausland. Natürlich reden sie nicht nur mit deutschen Studenten und Dozenten, sondern auch mit nicht-wissenschaftlichen Mitarbeitern von Hochschulen, mit dem IT-Service, mit Menschen in Sekretariaten, Personalbüros, Studienberatungen. Sie bestellen Essen in der Mensa, schließen Mietverträge für das Studentenwohnheim ab und gehen auch mal zur psychologischen Beratung – die zuletzt genannten Einrichtungen werden nicht von den Hochschulen selbst, sondern von den Studentenwerken betrieben.

          In den vergangenen Jahren stellte man sich vielerorts auf den Ansturm aus dem Ausland ein. „Schon bald nachdem in den neunziger Jahren die internationale Vermarktung des Bildungsstandortes Deutschland begann, haben wir die Servicestelle Interkulturelle Kompetenz eingerichtet“, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Diese Servicestelle bietet unter anderem Schulungen für Mitarbeiter der Studentenwerke an. Stolz erzählt Meyer auf der Heyde von weiteren Erfolgen: Mietverträge für die Studentenwohnheime gebe es zum Teil schon auf Englisch. Den ausländischen Bewohnern stehen Bildwörterbücher auf Arabisch und Chinesisch zur Verfügung. Sie sollen ihnen helfen, Geräte zu bedienen und sich im Alltag zurechtzufinden. An einzelnen Hochschulen bieten die Studentenwerke soziale und psychologische Beratungen auf Englisch an. „Aber nicht flächendeckend“, sagt er.

          Die Humboldt-Universität führte 2016 Englischkurse eigens für Mitarbeiter der Verwaltung ein. Solche Kurse gibt es inzwischen an vielen Hochschulen, oft flankiert von Workshops, in denen Angestellte ihre interkulturellen Kompetenzen schulen. Die Nachfrage ist groß. Doch von einzelnen Hochschulen ist auch zu hören, dass Mitarbeiter sich weigern, ihr Englisch zu trainieren oder die Sprache überhaupt zu erlernen. Manchmal sind es Ältere, die sich nicht mehr fit genug dafür fühlen. Es sind auch Menschen, die meinen, ihr Job sei ihnen sicher und sie brauchten ihre Kraft nicht mehr in eine Weiterbildung zu investieren. Es ist auch zu hören von Teamleitern, die solche Mitarbeiter mit freundlichen Worten zu motivieren versuchen, denn zum Erlernen einer Fremdsprache kann man kaum jemanden zwingen. Doch da die freundlichen Worte nicht immer fruchten, kann es vorkommen, dass ausländische Studenten an der Telefonvermittlung ihrer Hochschule verzweifeln. Ausländische Forscher benötigen dann die Hilfe ihrer deutschen Kollegen, wenn sie mit dem Hausmeister der Uni kommunizieren möchten.

          Höflichkeit statt Verständnis

          John Cardenas stammt aus Kolumbien und promoviert in Berlin über ein historisches Thema. Sein Doktorvater hat dieselbe Muttersprache wie er, Spanisch. An der Humboldt-Uni findet sich Cardenas auf Englisch zurecht. „Die Angestellten der Unibibliothek sprechen ein flüssiges Englisch“, lobt er. „Ich bekomme von der Univerwaltung gute Unterstützung.“ Die brauche er auch, denn der Kulturschock nach seiner Ankunft in Berlin sei groß gewesen. „Die Deutschen sind so ernst“, sagt Cardenas. Er würde den Small Talk vermissen, der in Lateinamerika üblich sei.

          Ein Viertel der Studenten an der TU Chemnitz stammt aus dem Ausland. Mehr als 90 Nationen sind vertreten. „Wir haben viele Studierende aus Indien und China, besonders an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik“, sagt Gerd Strohmeier, der Rektor der TU Chemnitz. So wie viele andere Hochschulen bietet sie Studiengänge komplett auf Englisch an. Englischkurse für nicht-wissenschaftliche Hochschulmitarbeiter gibt es in Chemnitz schon seit 2009.

          Seit 2013 trainieren sie auch ihre interkulturelle Kompetenz. „Im Kurs wird erläutert, dass in Indien das gesprochene Wort oft mehr gilt als das geschriebene“, nennt der Pressesprecher der TU, Mario Steinebach, ein Beispiel. „Deshalb kommen oft Studierende aus Indien allein oder in der Gruppe in die Verwaltung, um schriftlich mitgeteilte Entscheidungen noch einmal zu hinterfragen beziehungsweise zu diskutieren.“ Während deutsche Studenten auf die Frage, ob sie alles verstanden hätten, ehrlich mit Ja oder Nein antworten, würden Studierende aus China auch aus Höflichkeit mit „Ja“ reagieren. Es könne aber auch bedeuten, dass sie die Frage überhaupt gehört haben, sagt Steinebach. „Hier empfiehlt es sich, genauer und wiederholt nachzufragen.“

          Auslandsaufenthalte für Fortgeschrittene

          Auch David Glowsky von der Humboldt-Universität kennt solche Situationen. Der Mitarbeiter der Stabsstelle Internationalisierung hat die Englischkurse für die nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiter mit organisiert und weiß, dass es oft um Zwischentöne geht. Daher üben Kursteilnehmer in Rollenspielen Situationen, die für ihren Alltag typisch sind – und auch das Schreiben von dienstlichen E-Mails. Die Englischdozentin Alexine Good ist nach vielen Jahren in der Hauptstadt eine profunde Kennerin der Berliner Seele. Der rauhe Ton mancher Berliner würde viele Ausländer abschrecken, erzählt sie in perfektem Deutsch: „Berliner verschwenden keine Worte, die sie nicht nützlich finden.“ Aus ihrer Heimat ist Good anderes gewöhnt: „Auf Englisch darf man nie etwas Negatives sagen, ohne sich dafür zu entschuldigen.“ Man müsse immer dazu sagen: „I am sorry! I am afraid! Unfortunately.“ Alexine Good trainiert solche höflichen Sätze mitsamt der korrekten Betonung in ihren Kursen immer wieder. Denn wenn ausländische Studenten und Forscher ungefiltert auf die Berliner Tonart treffen, besteht nach ihrer Beobachtung die Gefahr eines unmittelbaren Rückzugs: „Die drehen sich einfach um und gehen. Die denken: Wenn alle hier so sind, dann schaffe ich es einfach nicht.“ Eine Mitarbeiterin der Bibliothek bestätigt: „Mir ist auch schon aufgefallen, dass wir oft ohne Floskeln vor uns hin reden. Aber das ist gewiss nicht böse gemeint.“ Bei manchen Fragen auf Englisch sei sie froh, dass sie sie überhaupt beantworten könne.

          Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg verleiht nicht-wissenschaftlichen Mitarbeitern, die sich weiterbilden, seit dem Herbst 2016 ein Zertifikat namens „Admins going global“. Es existiert in einer Basisversion und einer für Fortgeschrittene. Für die Basisversion müssen Teilnehmer einen Sprachkurs und ein interkulturelles Training absolvieren. Für die Fortgeschrittenen ist zusätzlich ein Auslandsaufenthalt vorgesehen, etwa zu einer Fachtagung. Wenn eine Hochschule so etwas anbietet, ist das ein kompliziertes Unterfangen, denn es muss Etliches geklärt werden – von Versicherungsfragen bis hin zu der Frage, wer den Mitarbeiter in der Zwischenzeit daheim vertritt. Doch in Erlangen-Nürnberg klappt das gut. „Die meisten Mitarbeiter fahren ins europäische Ausland“, erzählt die Personalentwicklerin Berrin Tezcan. „Das Zertifikat hat den Vorteil, dass die Kolleginnen und Kollegen intern und extern ein Dokument vorlegen können, das ihre Leistungen bescheinigt.“

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