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Aufbaustudiengänge : Chaos macht erfinderisch

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Kreative Chaoten am Werk Bild:

Unverständliche Gebrauchsanweisungen, benutzerfeindliche Software, frustrierte Verbraucher - damit soll es vorbei sein. Abhilfe verspricht eine Zusatzausbildung im „Erfinderischen Entwickeln“ am Hasso- Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik in Potsdam.

          Ein Wellness-Hotel könnte das hier sein oder eine Kurklinik: Rechts neben dem gläsernen Portal blüht üppig der Rhododendron, dahinter stehen Stühle und Tische in der Sonne und verbreiten Urlaubsatmosphäre. Tatsächlich ist der moderne Klinkerbau ein Institut der Universität Potsdam, und die Kaffeehausstühle gehören zur Cafeteria.

          „IT Systems Engineering“ heißt die Fachrichtung, die sich hier seit dem Wintersemester 1999/2000 unter angenehmen und gebührenfreien Bedingungen studieren lässt. Möglich gemacht hat das Hasso Plattner, SAP-Mitgründer, Aufsichtsratsvorsitzender und einer der großen privaten Wissenschaftsförderer in Deutschland. Mehr als 200 Millionen Euro lässt sich der gebürtige Berliner die Ausbildung von IT-Ingenieuren an dem nach ihm benannten „Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik“ (HPI) kosten – gerechnet auf eine Laufzeit von zwanzig Jahren. Das HPI ist damit Deutschlands einziges vollständig privat finanziertes Uni-Institut.

          Echte Kunden und echte Probleme

          Der Bachelor- und Master-Studiengang „IT Systems Engineering“ soll eine Alternative zum herkömmlichen Informatikstudium sein. Mit ihrem ingenieurwissenschaftlichen Ansatz wollen die HPIler weg vom Klischee des eigenbrötlerischen Programmierers, der im dämmrigen Kämmerlein zwischen Pizzakartons und dreckiger Wäsche vor sich hinwerkelt, ohne Bezug zum Kunden oder Auftraggeber. „Im wirklichen Leben gibt es keine Informatikaufgaben, sondern Menschen, die wollen, dass ihre Probleme mit den Mitteln moderner IT-Technik gelöst werden“, sagt Institutsdirektor Christoph Meinel. Da die Entwickler von Software jedoch noch häufig am Bedarf der Kunden vorbeiprogrammieren würden, werden am HPI nicht nur die notwendigen Fachkenntnisse vermittelt, um komplexe und vernetzte IT-Systeme konzipieren zu können, sondern auch die vielgerühmten Softskills. Also soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, interkulturelles Verstehen, Führungsstärke und sprachliche Kompetenz.

          Lernen direkt am Springbrunnen: Der Campus des HPI.

          Kenntnisse gleich ausprobieren

          Außerdem können die Studenten ihre neuerworbenen Kenntnisse gleich in industriellen Praxisprojekten ausprobieren. „Sozusagen mit echten Kunden und echten Problemen“, wie Professor Meinel meint. Um jedoch wirklich Innovatives zu erreichen, sei interdisziplinäre Teamarbeit gefragt und die Bereitschaft und Möglichkeit querzudenken. Doch genau hier hapere es in Deutschland. „Die universitäre Ausbildung ist bei uns oft sehr spezialisiert, und es findet kaum Interaktion zwischen den verschiedenen Bereichen statt“, kritisiert der Professor. „In diesem Umfeld ist es schwer, dass sich völlig Neues entwickelt.“ Da jedoch in der Wirtschaft sichtbar werde, dass genau diese Innovationskultur nötig ist, wenn Deutschland in einer globalisierten Welt marktfähig bleiben wolle, müssten entsprechende Ausbildungsangebote her.

          Innovationskultur fördern

          Hier möchte das Hasso-Plattner-Institut Vorreiter sein und bietet ab dem kommenden Herbstsemester die Zusatzausbildung „Design Thinking“ an. Vorbild für diese spezielle Methode des „Erfinderischen Entwickelns“, wie Meinel es nennt, ist das amerikanische Schwesterinstitut des HPI, das „Hasso Plattner Institute of Design“ an der Stanford Universität in Kalifornien, kurz „d.school“ genannt.

          Das Besondere bei der einjährigen Ausbildung, die mit einem Zertifikat abgeschlossen wird, ist die interdisziplinäre Ausrichtung. Studentinnen und Studenten unterschiedlicher Fachgebiete – vom Informatiker oder Ingenieur über den Betriebswirt bis hin zum Geisteswissenschaftler oder Historiker – können daran teilnehmen. Zudem werden die Kurse auch von Professoren verschiedener Studienrichtungen geleitet.

          „Das Interessante sind ja genau die unterschiedlichen Herangehensweisen an eine Aufgabe“, erklärt Meinel. „Die Historikerin hat einen anderen Blick auf die Welt als der Betriebswirt. Und während die Informatikerin mit zwei Sätzen direkt auf das Ziel zusteuert, macht der Geisteswissenschaftler erst mal eine große Schleife und nähert sich dann langsam an.“ Auf die bunte Mischung kommt es also an. Kreatives Chaos, aus dem dann Erfindungen entstünden, die der Menschheit nutzen. Wie der Prototyp einer besonders betriebskostensparenden LED-Lampe für Entwicklungsländer oder virtuelle Bürgerportale für ausführliche kommunale Stadtinformationen.

          Unsicherheit muss bleiben

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