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Innovationen : Ein Düsentrieb aus Oberkrämer

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Aber auch Risikobereitschaft gehört dazu. Davon kann Hans Dietl, der Geschäftsführer der Forschungsabteilung Neurostimulation im Medizintechnikunternehmen Otto Bock Health Care, ein Lied singen. Das sogenannte C-Leg, eine neuartige Kniegelenkprothese, die unter seiner Aufsicht entwickelt wurde, zählte die bundesweite Initiative „Partner für Innovation“ 2006 zu den 50 „deutschen Stars“ unter den Erfindungen. Es macht Dietl stolz, dass das mit einem Mikroprozessor gesteuerte Gelenk, dessen Entwicklung er von 1992 bis zur Markteinführung 1997 ständig begleitet hat, nun in einer Reihe mit Rudolf Diesels Motor und Konrad Zuses Computer genannt wird. „Rein ökonomisch war das aber ein Wahnsinn“, sagt Dietl. 8 Millionen Euro hat sein Unternehmen in die Entwicklung investiert.

Das Gelenk kostet das Vielfache einer herkömmliche Prothese, bietet dafür aber auch die größtmögliche Annäherung an das natürliche Gehen. „Wir haben es vor allem wegen des technologischen Fortschritts gemacht. Einen Markt gab es eigentlich nicht dafür.“ Doch natürlich habe man überlegt, wie das Produkt zu verkaufen sei. Als „dollstes Erlebnis meines beruflichen Lebens“ bezeichnet Dietl deshalb heute den Moment, als Patienten das C-Leg auf einer Messe präsentierten, zu der er selbst mit Unbehagen angereist war. „Die Elektronik und Software sind sehr kompliziert. Ich war unsicher, ob wir rüberbringen können, wie gut das ist.“ Die Patienten konnten es offenbar: 2007 verkauften sich mehr als 5000 C-Legs. Dietl hatte einst mit 200 Stück im Jahr gerechnet.

Nischen für kleine Betriebe

„Erfahrungen plus junge Wilde“, so lautet seine Formel für Innovationen. Auch Netzwerke seien wichtig: Der Impuls für die Kniegelenkprothese etwa kam von einem Mitarbeiter der Uni im kanadischen Edmonton. Motivation während der langwierigen Arbeit sei für die Forscher vor allem das Wissen gewesen, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. „Wir haben die Anwender frühzeitig eingebunden“, sagt Dietl. „Das Feedback war unglaublich. Die haben gesagt: ,Macht weiter!‘“

Doch Erfindungen entstehen nicht nur in Unternehmen mit Millionenbudgets. In Oberkrämer, einem kleinen Ort in Brandenburg, arbeiten Tischlermeister Olaf Thiede und seine 15 Angestellten. Kleiner Betrieb, aber oho: Drei Innovationspreise hat er schon eingefahren. Die Tischlerei hat sich auf den Innenausbau von Schienenfahrzeugen spezialisiert und eine neue Fugengestaltungsweise entwickelt, um Holzplatten zu beliebig großen Endlosfußböden zusammenzubauen. Sie sind stabiler als normale Bodenbeläge und lassen sich schnell und kostengünstig verlegen. Seit 2005 bietet Thiede diese Bauweise an; inzwischen fahren unter anderem die Münchner U-Bahn und die Nord-Ostsee-Bahn damit. Das Wissen, etwas Neues geschaffen zu haben, freut Olaf Thiede. Doch nach Innovationen sucht er nicht aus Idealismus. „Es herrscht im Handwerk ein krasser Überlebenskampf“, sagt er. „Wer gewinnen will, muss Neuheiten bieten.“

Ärger mit Plagiaten und brutalen Wettbewerbern

Den Kampf hat Thiede erst einmal gewonnen. Doch er befinde sich in „aggressiver Umgebung“: Konkurrenten stellten Plagiate seines Fußbodens her, große Unternehmen wollten ihn dazu zwingen, die Patente an sie abzutreten, drohten schließlich mit der Abwerbung seiner Leute. Das weckt unangenehme Erinnerungen: Schon zu DDR-Zeiten, berichtet er, sei der 1968 gegründete Familienbetrieb mit einer Kiste Wein abgespeist worden, wenn er Unternehmen einen Tipp gegeben hatte, der diesen viel Geld sparte.

Heute steht Olaf Thiede in Kontakt mit Hochschulen und einem Fraunhofer-Institut, will aus Stoffen der Region für die Region bauen. „Wichtig ist, schon im Vorfeld alles zu schützen und abzusichern, um sich gegen die Industrie behaupten zu können“, sagt er. Besonders schön sei es, wenn etwas klappe, was am Anfang aussichtslos erschienen sei. „Mein Motto ist: ,Das muss doch irgendwie gehen‘“, sagt er. Klingt fast wie Daniel Düsentrieb.

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