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Hotlines für Studenten : Das Sorgentelefon läuft heiß

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Und wohin mit den Sorgen? Die Nightliner beraten zwar nicht, hören aber bis in die Nacht hinein zu. Bild: Getty

Beziehungsprobleme, Einsamkeit, Stress: Sogenannte „Nightlines“ sind nächtliche Sorgen-Hotlines für Studenten. Der Bedarf wächst - aber solche Gespräche können heikel sein.

          Benedikt Horlemann muss grinsen, als er ein kleines Geheimnis verrät: „Ehrlich gesagt, hasse ich es, zu telefonieren.“ Selbst Gespräche mit der Familie oder guten Freunden möchte er oft nach spätestens fünf Minuten beenden. „Ich bin ungeduldig und deshalb auch kurz angebunden.“ Besonders gut zuhören könne er deshalb auch nicht. Außerdem hält er mit seiner Meinung selten hinter dem Berg. „Ich bin sehr direkt.“ Eigentlich keine guten Voraussetzungen für das Ehrenamt, das er sich ausgesucht hat. Der 24-Jährige ist seit dreieinhalb Jahren Mitglied der Münchner „Nightline“, eines Sorgentelefons von Studenten für Studenten. Während des Semesters sind dienstags und donnerstags von 21 bis 0.30 Uhr zwei Leitungen geschaltet, die Anrufe werden pro Schicht von je zwei Studenten angenommen. Während der Semesterferien wechseln sich die „Nightlines“ mit anderen Hochschulstandorten wochenweise ab. Die Leitungen sind bewusst am Abend geschaltet, weil Probleme und Ängste dann oft besonders bedrängend sind - es gebe jedoch genau dann wenige Kontaktmöglichkeiten oder Anlaufstellen.

          Das Team der Münchner „Nightliner“ ist meistens um die 20 Studenten stark. Pro Semester melden sich etwa vier Interessenten, nach einem persönlichen Treffen entscheidet die Gruppe gemeinsam, wer das Zeug zum Zuhören hat. „Im Gespräch merkt man schnell, wer nur scharf auf einen Nachweis über ein Ehrenamt ist und wer wirklich helfen möchte“, sagt Horlemann. So wie er sind manche schon länger dabei, andere frisch dazu gekommen. Einer von ihnen ist Matthias Guth, der heute mit Horlemann und einem weiteren erfahrenen „Nightliner“ seine erste Schicht absolviert. Ob er nervös sei? „Eher gespannt, was auf mich zukommt.“

          Wie alle Mitglieder des ehrenamtlichen Vereins hat der 28-Jährige eine Wochenendschulung besucht, um vorbereitet zu sein. Dort wurde er von einem Psychologen in die Regeln der nichtdirektiven Gesprächsführung nach Carl Rogers eingewiesen, nach der die „Nightliner“ die Gespräche führen. Der 1987 verstorbene amerikanische Psychotherapeut setzte sich dafür ein, einem Gegenüber die Selbstreflexion zu ermöglichen und ihm dadurch einen Weg zur Selbsthilfe zu eröffnen.

          Ratschläge sind tabu

          Die Beurteilung eines Problems oder konkrete Ratschläge zur Lösung sind tabu. „Spiegeln des Gegenübers“ nennt Horlemann das und nennt ein Beispiel: „Wenn jemand anruft und mir sehr verärgert vorkommt, dann frage ich, warum er so wütend ist.“ Oft helfe das dem Gesprächspartner, dem Problem genauer auf den Grund zu gehen und sich einer Lösung anzunähern. Die Begleitung durch Psychologen und monatliche Treffen der ganzen Gruppe, in denen Probleme und schwierige Fälle besprochen werden, sind bei den „Nightliners“ für deren eigene psychische Stabilität essentiell.

          Ebenso wichtig ist Anonymität. Die Telefonisten sollen so vor Belästigungen geschützt werden. Deshalb wissen auch nur Beteiligte, wo der Raum der Münchner Hotline, ein schmuckloses, nüchternes Besprechungszimmer in einem der vielen Uni-Gebäude, genau liegt. „Vor kurzem hat ein Anrufer immer wieder gefragt, wo wir denn stationiert seien“, sagt Horlemann. Vor allem die Studentinnen im Team seien seitdem etwas beunruhigt, sei nach Dienstschluss doch weit und breit niemand mehr im Gebäude und auf dem Gelände. Den meisten Anrufern sei jedoch selbst sehr daran gelegen, unerkannt zu bleiben. So entstehe für sie eine angstfreie Atmosphäre ohne Druck, in der sie sich öffnen könnten. Zudem könnten sie das Telefonat jederzeit beenden - so wie auch die „Nightliner“, wenn Grenzen der Belastbarkeit überschritten seien.

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