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Studium in Spitzbergen : Forschen im arktischen Eis

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Im Winter verschluckt die Polarnacht das Städtchen Longyearbyen für drei Monate mit ihrer Finsternis. Dann schrumpft die ehemalige Bergarbeitersiedlung zu einem 2000-Einwohner-Dorf. Bild: AFP

Spitzbergen lockt nicht nur Touristen. Auch Studenten finden den Weg zur dortigen Hochschule. Denn Naturwissenschaftlern bieten sich dort einzigartige Chancen - vorausgesetzt, sie sind im Umgang mit Waffen versiert.

          Die Studentin Ida zieht ihre Daunenjacke enger um sich und lässt ihren Blick durch das Kältelabor schweifen. Überall hängen Eiszapfen herab, wie in einer Tropfsteinhöhle. Es war ein Unfall: Das Wasser war an die Decke geschossen, anstatt in dem Kältebecken zu einem Eisblock zu gefrieren „Wenn Eis schon unter Laborbedingungen so schwer zu kontrollieren ist, wie mag es dann erst da draußen sein“, fragt die angehende Bauingenieurin.

          Die Naturgewalt Eis, ihr Entstehen und Vergehen im Polarmeer: um sie zu erforschen, hat sich die Norwegerin Ida einen Studienplatz 1100 Kilometer nördlich des Polarkreises gesucht. Sie absolviert ein Gastsemester am Lehrstuhl für Arktische Technologie an der Hochschule Unis in Spitzbergen. Die Inselgruppe im Nordpolarmeer hat sich in den vergangenen Jahren den Ruf als führender Wissenschaftsstandort der Arktisforschung erworben. Und dieses Thema hat Hochkonjunktur - nicht nur, weil die schmelzenden Polkappen das arktische Ökosystem gefährden.

          Sie lassen auch neue Schiffsrouten entstehen und wecken Begehrlichkeiten auf neue Erdgas- und Ölvorkommen in den Polarmeeren. Internationale Rohstoffunternehmen investieren Milliardensummen in die Entwicklung neuer Fördertechniken. Man weiß noch viel zu wenig über Rohstoffvorkommen und Tiefseeökologie, über das Driftverhalten von Treibeis oder Materialverschleiß unter Extrembedingungen. Und es fehlt an Nachwuchs.

          Eine Naturgewalt beherrschbar machen

          Im Kältebecken des Eislabors, bei stabilen 15 Grad minus, hat sich die Eisdecke auf dem Wasser wieder geschlossen. Jetzt ist es an der Zeit, den Innendruck abzulassen. Mit ihrem ganzen Körpergewicht muss Ida ein armlanges Bohrgerät in den Eisblock drücken, bis sich der Metallstift jaulend in die Eisschicht frisst. Schließlich, mit einem Plopp-Geräusch, setzt sich der Druck frei, und die Studentin kann ihre Testreihe über die Brucheigenschaften fortführen. Am Ende wird die Forschung dafür gut sein, die Wandstärke arktistauglicher Schiffe zu berechnen.

          An der Westküste Spitzbergens, mit dem Motorschlitten wenige Minuten vom Campus entfernt, erheben sich schneebedeckte Felsen über den Eisfjord. Hier, wo sich der Meeresarm der Barentssee ins Innere der Insel eingegraben hat, kann man die Kraft des Polarmeeres erahnen, in die sich Marine und Rohstoffindustrie nun hineinwagen. „Hier geht es um eine Naturgewalt. Wenn wir die jemals beherrschen wollen, dann haben wir noch eine Menge Forschungsarbeit vor uns“, sagt Ida. Im Winter, wenn die Polarnacht das Städtchen Longyearbyen für drei Monate mit ihrer Finsternis verschluckt und die Touristen abgereist sind, schrumpft die ehemalige Bergarbeitersiedlung zu einem 2000-Einwohner-Dorf. Es bleiben einige Kohleminen-Kumpel und die Mitarbeiter der Satellitenstation, Geschäftsleute, Hochschulangestellte, Studierende.

          Die Hochschule Unis hat ihre Eigenheiten. Das zeigt schon die eigentümliche Architektur des Gebäudes, die dem Permafrostboden und dem Schneetreiben ihren Tribut zollt. Der Grundriss erinnert an ein krummes X. Der Eingangsbereich eröffnet den Blick auf Longyearbyens einzige, hellerleuchtete Straße. Hinter dem Uni-Gebäude beginnt die Eiswüste, nur mit Motorschlitten zu befahren, bewohnt von Eisbären, die jederzeit und überall auftauchen können. Drinnen dagegen empfängt die Studierenden ein Foyer in warmer Holzoptik.

          Mikrokosmos von Arktisfans

          Im Hochschulgebäude herrscht Puschen-Pflicht. Die Winterstiefel müssen am Eingang ausgezogen werden, das ist auf Spitzbergen eine alte Bergarbeitertradition. „Wir sind keine vollwertige Universität, sondern ein universitäres Zentrum“, erklärt die Sprecherin Eva Therese Jenssen. Betrieben wird die Lehr- und Forschungseinrichtung vom norwegischen Bildungsministerium, sie fungiert als gemeinsame Außenstelle der acht norwegischen Universitäten. Seit 1993 ermöglicht sie einer jungen Generation von Arktiswissenschaftlern Feldforschung unter Realbedingungen.

          Willkommen ist, wer an der Heimatuniversität mindestens anderthalb Jahre eine Naturwissenschaft studiert hat. Etwa 500 Studierende können hier an den Lehrstühlen für Arktische Biologie, Geophysik, Geologie und Technologie ihre Gastsemester absolvieren. Studiengebühren erhebt die Unis nicht, die Kosten für Verwaltung, Wohnheimplatz und Verpflegung aber müssen die Studierenden selbst tragen. Ein breitangelegtes Sicherheitstraining ist obligatorischer Teil des Studienplans: Eisbären-Abwehr mit Hilfe von Gewehr und Schreckschusspistole inklusive.

          Und so ist die Studentenschaft ein Mikrokosmos von Arktisfans vor allem aus Europa und den Vereinigten Staaten, aber auch aus Trinidad-Tobago und Malawi, aus Äthiopien, Nepal und Venezuela. „Expeditionen sind bei uns verpflichtend für alle“, sagt Jenssen. „Feldforschung in der hohen Arktis - das kann niemand besser anbieten als wir. Allein schon darum, weil unsere Universität ihren Standort mittendrin hat.“ Kältegestählt, orientierungssicher und versiert im Umgang mit Schusswaffen, hat hier schon manch ein Jungakademiker die Weichen gestellt für eine Karriere in der abgeschotteten Welt der Polarinstitute und konzerneigenen Forschungsabteilungen.

          Hochwertige Laborausstattung, Kooperationen aller Art

          Sozusagen als kognitives Überlebenstraining gilt unter Studierenden Professor Aleksey Marchenkos Seminar „Eismechanik für Ingenieure“. Auf diesem Fachgebiet gilt der gebürtige Russe als eine Koryphäe. Er liebt es, die Seminartafel in gestochener Kreideschrift mit komplexen mathematischen Formeln vollzuschreiben. Bei ihm lernen die Studierenden etwa, den Einfluss von gefrierendem Wasser auf Pipelinerohre zu berechnen - in Druck und Metallausdehnung, unter den Bedingungen von Salz- und Süßwasser, onshore und offshore. Auf Spitzbergen hat Marchenko, der Professor für Eismechanik, einen nahezu idealen Standort für seine Polarstudien gefunden, und das nicht nur, weil seine Ehefrau Nataly ebenfalls an seinem Lehrstuhl arbeitet. An hochwertiger Laborausstattung und Kooperationsprojekten aller Art herrscht kein Mangel: Und was der Staat Norwegen nicht finanziert, das wird von Statoil, Shell oder Gasprom bezuschusst.

          Wenn der Wind um das Uni-Gebäude heult und die Dunkelheit vor den Hörsaal-Fenstern nicht enden will, dann treffen sich die Studierenden gerne in einer der Sitzecken mit knautschigen Polstern. Hier erholen sich etwa Eva aus Kanada, Rinat aus Russland und Carl Magnus aus Norwegen von ihren Seminaren. „Für mich als Kanadierin ist das Studieren hier vergleichsweise preisgünstig“, sagt die Geologie-Studentin Eva. Sie spezialisiert sich gerade auf Risikomanagement bei Küstenerosion: „Bei uns gibt es kaum Möglichkeiten, dieses Thema unter arktischen Realbedingungen zu erforschen.“

          Rinat absolviert schon seinen dritten Studienaufenthalt auf Spitzbergen. Er forscht zum Thema Kollisionswahrscheinlichkeit von Eisbergen mit Bohrplattformen und Schiffen. Seine Feldstudien sieht er als Karrieresprungbrett in die Rohstoffindustrie. Doch es ist mehr als das: „Spitzbergen ist wie ein Magnet: Wer einmal hier gewesen ist, den zieht es immer wieder zurück.“ Und dann geraten alle vier ins Schwärmen: über Skilaufen und Motorschlittenfahren in grandioser Landschaft, über das Studentenleben in der internationalen Community. Und sogar über das, was man auf Spitzbergen unter Nachtleben versteht. Tatsächlich kann Longyearbyen mit einem hochkarätigen Livemusik-Programm aufwarten, in Bezug gesetzt zur exorbitant weiten Anreise der Musiker und der wenigen Menschen, die als Zuhörer in Frage kommen.

          Auch in Grönland wird geforscht

          Spitzbergen ist nicht die einzige Lehreinrichtung im ewigen Eis. Das 2001 gegründete Netzwerk Arktis-Universität, eine Kooperation zwischen Hochschulen und Forschungsinstituten aus Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Russland, Schweden und den Vereinigten Staaten, soll Bildung und Forschung in der Polarregion fördern. Hier können Studierende den Bachelor im Fach Polarwissenschaft (Bachelor of Circumpolar Studies) erwerben (Informationen unter uarctic.org). Zum kommenden Wintersemester wollen die Universitäten Grönland (Ilisimatusarfik), Nordland in Norwegen (UiN), Akureyri (Nord-Island) und Island zusätzlich den Masterstudiengang „West Nordic Studies, Governance and Sustainable Management“ einführen, der die Herausforderungen der sich schnell wandelnden Rahmenbedingungen der Arktis thematisieren soll (westnordicstudies.net). Grönlands einzige Universität Ilisimatusarfik mit Sitz in der Hauptstadt Nuuk bietet speziell für nichtskandinavische Studierende Lehrveranstaltungen aus den Bereichen Sozial-, Kultur- und Geschichtswissenschaft auf Englisch, ebenso Gastsemester und Forschungsaufenthalte.

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