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Hausarbeiten : Rezepte gegen die Aufschieberitis

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z./Tresckow

Viele Studenten fühlen sich von ihren Haus- und Examensarbeiten überfordert. Mal ist das Konzept nicht gut, mal hapert es an den Formulierungen. Gegen die Blockade im Kopf sollen Schreibzentren helfen.

          Hinter den hohen Altbaufenstern ist es dunkel. Laptop-Tippen erfüllt den Raum, konzentrierte Gesichter beugen sich über Lexika und dicke Bücher. Eine Studentin gähnt in ihren Pulli hinein. Ein Kommilitone ist im Sessel hinter der Stellwand eingenickt, in der Ecke gurgelt die Kaffeemaschine. Es ist 1 Uhr morgens an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. „Herzlich willkommen zur langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“, steht vor der Tür auf einem Flipchart.

          Gut 15 Studenten sind der Einladung des Schreibzentrums der Hochschule gefolgt, ihre „Aufschieberitis“ zu bekämpfen. Von 20 Uhr abends bis 8.30 Uhr morgens wollen sie ihre Haus- und Abschlussarbeiten durcharbeiten, dazwischen gibt es Pausen: Schreibtischyoga um 21.30 Uhr, ein Konzentrationsspiel um 2 Uhr. Ein Schreibtutor beantwortet offene Fragen, nebenan stehen ein nicht ganz durchgebackener Schoko-Nuss-Kuchen, Fünf-Minuten-Terrinen und sorgsam geviertelte Karottenstücke bereit. Denn Stärkung braucht man, wenn man eine wissenschaftliche Arbeit verfassen will, glaubt Katrin Girgensohn, die Leiterin des Schreibzentrums. Nicht nur physisch, sondern vor allem methodisch. „Viele glauben, nur weil sie an der Uni sind, müssten sie perfekt schreiben können“, sagt sie. „Aber das ist ein Irrglaube. Wissenschaftliches Schreiben muss man lernen.“

          So verbreitet wie dieser Irrglaube sei das Symptom der „Aufschieberitis“, wie Girgensohn es nennt. „Eine menschliche Schwäche - allerdings eine, an der viele Studenten verzweifeln, wenn ihnen niemand hilft.“ Plötzlich ist die Schreibblockade da und die Motivation weg. Von der glücklichsten Zeit des Lebens, als die das Studium oft bezeichnet wird, bleibt dann nur noch blanker Druck.

          Lieber staubsaugen

          Karl Heinemann zum Beispiel wollte seine Masterarbeit eigentlich schon 2009 abgegeben haben. Er sei aber generell eher der Typ, der Sachen aufschiebe, sagt der Japanologie-Student, der seinen wirklichen Namen ob dieser Schwäche lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Statt zu arbeiten, saugte er lieber Staub. Rief ein Freund an, konnte er sich schlecht zu einer Absage durchringen - er konnte ja später weiterarbeiten. Oder morgen. Oder am Wochenende. „Bis jetzt hatte das immer geklappt“, sagt er. Die Abschlussarbeit über das japanische Schulwesen jedoch habe ihn in einen Teufelskreis von Druck und noch mehr Druck gebracht, der die Blockade ständig verstärke. „Für eine Zeit habe ich sogar den Kontakt zu meinen Freunden abgebrochen, war nur noch zu Hause“, berichtet er. „Ich habe es nicht mehr ertragen, dass mich jemand fragt, wie es mit meiner Arbeit vorangeht.“

          Was genau sein Problem ist? „Wenn ich es wüsste, dann hätte ich wohl das Problem nicht mehr“, vermutet er. Wie sich eine Schreibblockade anfühlt? „Es ist pure Hilflosigkeit.“ Gespräche mit Freunden und Verwandten hätten ihm geholfen; jetzt hoffe er, bald mit der Arbeit fertig zu werden. Ein fester Plan und mehr Kontrolle von Anfang an hätten ihm vermutlich gutgetan. Von einer Schreibberatung wie in Frankfurt an der Oder hat er noch nie gehört.

          Wie ein Knoten im Magen

          Alice Perni hingegen hat sie aus ihrer Master-Krise geholfen. Die Italienerin - auch sie trägt in Wirklichkeit einen anderen Namen - hat die Einrichtung zwei Monate Tag für Tag besucht. „Es waren teilweise ganz einfache Fragen, die mir sehr weitergeholfen haben“, berichtet die 27 Jahre alte Studentin von ihren Erfahrungen dort. „Wie grenze ich meine Fragestellung ein? Wie gliedere ich meine Arbeit?“

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