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Hausarbeiten im Studium : Nachtschicht gegen die Aufschieberitis

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Studenten schreiben im Lesesaal der germanistischen Bibliothek der Goethe-Universität an ihren Hausarbeiten. Bild: Daniel Vogl

Für Studenten, die ihre Hausarbeiten ständig vor sich herschieben, bieten viele Unis Schreib-Nächte an. Wir waren dabei – bis morgens um vier.

          Zwischen Werken von Max Frisch, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Benjamin von Stuckrad-Barre sitzen Dutzende Studenten in der germanistischen Bibliothek der Goethe-Universität Frankfurt. Das Besondere: Es ist nicht etwa früher Nachmittag, sondern zwei Uhr nachts. Im etwas muffigen, aber gemütlichen Bibliothekssaal, umschlossen von dunklem Holz und angestaubten Büchern, ist es leise, beinahe andächtig. Nur der Blick nach draußen, aus den Fenstern in die Finsternis und auf die Lichter der Frankfurter Skyline, zeigt, dass es kein normaler Tag in der Bibliothek ist. Dort raschelt Papier, knistert eine Tüte, entlädt sich die aufgestaute Kohlensäure einer gerade geöffneten Mineralwasserflasche. Über allem liegt die konstante Geräuschdecke von schnellen Fingern, die über Laptop-Tastaturen huschen. Eine grüne Goethe-Statue schaut prüfend auf die Studenten herab. Die haben sich zwischen Energydrinks und Cola, Keksen, Gummibärchen und Studentenfutter kleinere und größere Schreibburgen errichtet: Laptop, Kopfhörer, Smartphone, Bücher und Snacks. Einige haben ihre Schuhe ausgezogen und die Füße entspannt auf einem benachbarten Stuhl ausgestreckt – es dürfte spät werden heute Nacht, sehr spät.

          Eine lange Schlange wartet vor dem Bibliothekszentrum der Geisteswissenschaften.

          In den Semesterferien hat Anna „absolut keine Zeit“. Sie arbeite Vollzeit in einer Personalberatung in Frankfurt. Nach einem harten Tag im Büro möchte sie sich nicht auch noch mit ihrer Master-Hausarbeit in Politikwissenschaften herumplagen, sagt sie. „Deshalb lege ich heute eine Nachtschicht ein.“ Ihr Thema: „Normenherausbildung in Indonesien“, eine Weiterführung ihrer Bachelorarbeit. Die Abgabefrist ist Ende März. Bevor Annas Anstellung in der Personalberatung beginnt, möchte sie fertig sein. Da kommt die „lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ gerade recht.

          Neun Stunden schreiben auf sechs Stockwerken

          Zum neunten Mal findet die nächtliche Veranstaltung des Schreibzentrums der Frankfurter Uni statt. Auf sechs Stockwerken können Studenten im Bibliothekszentrum Geisteswissenschaften von 20 Uhr bis 5 Uhr morgens schreiben. Normalerweise schließen die Lesesäle um 22 Uhr. Auch viele andere Hochschulen hierzulande oder anderswo auf der Welt machen zur selben Zeit vergleichbare Angebote. Denn die meisten Universitäten machen ihre lange Nacht, so die übliche Kurzform, ebenfalls immer am ersten Donnerstag im März. So wie das Vorbild, die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder: Die hat die lange Nacht 2010 zum ersten Mal veranstaltet. Von da an breitete sich die Idee aus und wurde an vielen Hochschulen zum Erfolg. Das gemeinsame Ziel aller, die an einer dieser langen Nächte teilnehmen: Die vieldiskutierte Prokrastination, kurz: „Aufschieberitis“, überwinden, mit der eigenen Hausarbeit ordentlich vorankommen.

          Viele Studenten nutzen die Zeit, um ungestört und intensiv an ihren Hausarbeiten zu schreiben.

          Für die Studenten ist der nächtliche Arbeitseinsatz eine bunte Mischung aus Workshop-Angeboten wie „Lese- und Markierungsstrategien“ oder „Zeitmanagement für akademische Schreibprojekte“ und konzentrierter Einzelarbeit. Sie ist jedoch mehr: Ein Termin, der dazu drängt, mal so richtig fleißig mit vielen anderen Studenten gemeinsam zu schreiben. Als Auflockerung dienen Schreibtisch-Yoga und ein kostenloses Büfett mit Kaffee-Flatrate.

          „Ich habe heute Nachmittag extra noch mal geschlafen“

          Vor der Infotheke des Bibliothekszentrums Geisteswissenschaften wartet eine lange Schlange junger Studenten. Diese wird lange nicht abreißen: Mehr als 300, etwa hundert mehr als im Vorjahr, haben sich angemeldet. 222 sind tatsächlich gekommen. Eine von ihnen ist Katharina Reichert. Die 23-Jährige studiert Philosophie und Musikwissenschaften im 7. Semester. Auch sie ist zum ersten Mal bei einer langen Nacht dabei. „Ich habe heute Nachmittag extra noch mal geschlafen“, sagt sie – und dass sie heute unbedingt Schreibtisch-Yoga ausprobieren möchte. Ihre Hausarbeit dreht sich um die Organspende bei Hirntod – kein leichtes Thema für eine Nachtschicht. Das Arbeiten zu später Stunde ist für Katharina aber nicht unüblich. Spätabends oder sogar nachts werde sie erst so richtig produktiv, sagt sie. „Wenn die meisten Leute schlafen, hat man seine Ruhe.“ Während der langen Nacht möchte sie einige Protokolle für Vorlesungen schreiben und ihre Hausarbeit konzipieren – einfach ein paar Stunden ungestört und konzentriert arbeiten. Ob sie in ihrem Studium Probleme mit dem ständigen Aufschieben habe? Nein, das sei für sie noch nie eine Hürde gewesen.

          Etwa eine halbe Stunde dauert eine Schreibberatung während der langen Nacht, wie etwa hier mit Ibrahim von Denffer.

          Für Anna hingegen ist das Aufschieben ein ständiger Begleiter im Studium. „Aber das geht doch irgendwie fast allen so“, sagt sie. Zur langen Nacht ist sie mit zwei Freunden verabredet. Alleine, sagt Anna, wäre sie wohl nicht gekommen. In eine Bibliothek gehe sie zum Arbeiten normalerweise ohnehin nicht: „Zu laut, zu voll.“ Von der langen Nacht verspricht sie sich Ruhe in den Bibliothekssälen, um zumindest einige Stunden konzentriert zu schreiben. Einen Workshop möchte sie daher während der langen Nacht nicht besuchen: „Nach sieben Semestern weiß man dann ja doch irgendwann, wie man seine wissenschaftlichen Arbeiten am besten schreibt.“

          Schreibberatung und Workshops gegen Prokrastination

          Studenten, die noch nicht so weit mit ihrem Studium sind wie Anna oder konkrete Probleme bei ihrer Hausarbeit haben, berät die studentische Schreibberatung des Schreibzentrums der Goethe-Uni in etwa dreißigminütigen Gesprächen. Das Angebot gibt es auch während des Semesters. Dann nehmen sich die Berater sogar bis zu einer Stunde Zeit. „Wir verfolgen einen systematischen Ansatz, fragen nach dem Grund der Beratung und formulieren am Ende gemeinsam einen Auftrag“, sagt Schreibberater Alexander Kaib. Das erleichtere vielen das wissenschaftliche Arbeiten und nehme Druck raus. Der 25 Jahre alte Philosophiestudent ist zum vierten Mal bei einer langen Nacht dabei, immer als Berater. Was in einem Beratungsgespräch passiere, hänge vom Studenten selbst und seinem Problem ab: „Brainstormen, kurze Passagen gemeinsam lesen, Formulierungskritik – je nach dem Stadium des Projekts.“ Wichtig sei, so Kaib, nicht in den Inhalt der Arbeit einzugreifen. „Die Beratung ist nicht Endtext-zentriert.“ Das Ziel sei es vielmehr, dass sich die Studenten wohl fühlen beim Schreiben und Techniken an die Hand bekommen, die ihnen beim Arbeiten helfen. Kaib bietet am Abend neben der Einzelberatung auch den Workshop „Argumentation in akademischen Texten“ an – „ein Hobby von mir“. Später am Abend sorgt er für Kaffee-Nachschub am Büfett.

          Philosophiestudent und Schreibberater Alexander Kaib holt Kaffee für das Büffet.

          Denn raucht den Studenten beim Schreiben mal der Kopf und die Konzentration ist weg, gibt es ganz oben im sechsten Stock des Bibliothekszentrums einen Aufenthaltsraum mit gemütlichen Sitzsäcken. Dort wartet auch das Büfett: Brötchen, Gurken, Tomaten, dazu Hummus und Käse. Als Nachtisch: Schokoriegel, Kekse, Äpfel, Bananen und Trauben. Und ganz wichtig: jede Menge Kaffee.

          „Einfach mal drauflos schreiben“

          Anders als Alexander Kaib ist Nora Hoffmann zum ersten Mal bei einer langen Nacht in Frankfurt dabei. Sie ist im vergangenen Jahr von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zur Goethe-Uni gewechselt. Seitdem leitet sie das Schreibzentrum der Hochschule. Sie hat zudem an einem Positionspapier der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung gearbeitet, das Antworten liefern möchte, wie Hochschulen Studenten beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten besser unterstützen können. Seit 18 Uhr ist sie heute an der Uni und bereitet mit elf Mitarbeitern vom Schreibzentrum die lange Nacht vor. Die Workshop-Räume müssen hergerichtet, die Organisation mit den Mitarbeitern abgestimmt und der Einlass kontrolliert werden.

          Was sie Studenten gegen das Aufschieben rät? „Das ist sehr individuell“, sagt sie. „Aber es ist gut, den Perfektionismus abzubauen, sich zu erlauben, Gedanken zu entfalten und einfach mal drauflos zu schreiben.“ Als Techniken empfiehlt sie Schreibpläne, die den Text durch Stichpunkte skizzieren, und die sogenannte Pomodoro-Technik. Dabei wird eine Aufgabe schriftlich formuliert, um daran dann 25 Minuten ohne Unterbrechung zu arbeiten. Danach werden fünf Minuten Pause eingelegt. Nach vier Einheiten von jeweils 25 Minuten ist dann eine längere Pause angesagt. Das soll helfen, fokussierter zu arbeiten und die Kraft einzuteilen.

          Ayse Tücel, 23 Jahre alt, neigte früher tatsächlich zur Prokrastination. Sie empfand es als mühsam, wissenschaftliche Arbeiten für ihr Studium zu verfassen. Daher hat sie eigene Strategien entwickelt: „Ich setze mir zum Beispiel Deadlines, die vor den eigentlichen Abgaben liegen, und plane im Voraus, was alles zu tun ist.“ Während der langen Nacht möchte sie an ihrer Examensarbeit zum Thema Lernschwierigkeiten an Schulen arbeiten. Sie könnte heute damit fertig werden, sagt sie. Die lange Nacht soll den letzten Schub dafür geben: „Ich kann deutlich besser schreiben, wenn andere um mich herum das Gleiche machen – das motiviert.“

          Motivieren sollen auch die etwa einstündigen Workshops mit Namen wie „Ins Schreiben kommen“ oder „Schreibstrategien“. Darin lernen die Teilnehmer Methoden wie Freewriting, in dem spontan alles, was einem in den Sinn kommt, etwa fünf bis zehn Minuten lang aufgeschrieben wird. Das soll helfen, überhaupt ins Schreiben zu kommen. Das Mehrversionenschreiben hingegen dient der Entwicklung einer stringenten Argumentation. Durch mehrmaliges Ausformulieren sollen so Absätze immer präziser und konsistenter werden.

          In Workshops erlernen die Studenten Lese- und Schreibstrategien sowie Zeitmanagement.

          Schreibtisch-Yoga zur Entspannung

          Zur mentalen und körperlichen Auflockerung gibt es zwischendurch Schreibtisch-Yoga. Das interessiert auch Ayse Tücel. Im ganz und gar nicht sportlich anmutenden Seminarraum 254 führen die beiden Yogalehrer Emeel Safie und Süreyya Safie durch den Kurs. Etwa ein Dutzend Studenten sind gekommen, einige mit steifen Jeans und schickem Hemd, andere tragen lässigere Kleidung: Jogginghosen und weite T-Shirts. Die Yogalehrer legen ruhige, entspannende Musik auf, empfehlen den Teilnehmern, die Schuhe auszuziehen, und schon geht es los: „Wiege deinen Oberkörper von rechts nach links – Wirbel für Wirbel“, sagt sie. Derweil geht er von einem Yoga-Anfänger zum nächsten, hebt mal hier einen Ellbogen etwas höher, verschiebt mal dort einen Arm, korrigiert die eine oder andere fehlerhafte Haltung. „Dein Rücken möchte noch länger werden – genieße die Dehnung“, sagt sie, ihren eigenen Körper verrenkend. Die Studenten ahmen die Bewegungen nach – und wichtig: „Immer atmen!“ Etwa dreißig Minuten dauert das Schreibtisch-Yoga.

          Emeel Safie sorgt mit Schreibtisch-Yoga bei den Studenten für Auflockerung und Entspannung.

          „Richtig schlimm“ sei das stundenlange Tippen am Laptop für den Körper, sagt Emeel Safie nach der Sitzung, „da verkrampft der ganze Körper“. Wichtig sei es also, sich während des Schreibens zu bewegen. Dafür reichten schon kleine Rituale und einfache Übungen: Handgelenke dehnen und Schultern kreisen lassen etwa. Auch Katharina war im Yogakurs. „Um neue Energie zu tanken.“ Die lange Nacht laufe bei ihr bisher gut: „Eben war ich richtig im Schreibfluss“, sagt sie, „dann ist leider mein Laptop abgestürzt – eine ganze Seite war weg.“ Frustrieren lässt sie sich dadurch jedoch nicht: „Das meiste weiß ich zum Glück noch. Jetzt schreib ich halt die Seite noch mal runter.“

          Gegen halb drei lichten sich so langsam die Reihen in der Bibliothek. Jetzt hat auch Katharina genug und fährt mit dem Fahrrad nach Hause Richtung Bett. Trotz ihres Laptop-Blackouts habe sie „alles gut hinbekommen“. Die lange Nacht sei für sie ein Erfolg gewesen. Durch die Motivation der anderen Studenten sei sie drangeblieben, und das, wie sie sagt, „viel produktiver als sonst“. Nur etwas häufiger könnte es die „lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ ihrer Meinung nach geben, „gerne auch im Semester“.

          Ibrahim von Denffer ist gegen vier Uhr der letzte Mitarbeiter vom Schreibzentrum an der Infotheke des Bibliothekszentrums. Insgesamt zwölf Beratungsgespräche habe er in der Nacht mit Studenten geführt, sagt er, die meisten davon seien gut gelaufen. Bis zum Ende der langen Nacht in etwa eineinhalb Stunden wird er noch auf seinem Posten bleiben: „Um fünf Uhr müssen hier alle raus – dann kommen die Reinigungskräfte.“

          „Um fünf Uhr müssen hier alle raus.“ Das I.G.-Farben Haus der Goethe-Universität.

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