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Genderforschung an der Uni : Der große Streit über den kleinen Unterschied

Dass Kenntnisse der Geschlechterforschung nicht nur für Biologielehrer nützlich sind, ist die Überzeugung von Helma Lutz und Marianne Schmidbaur. Schließlich wirken die beiden Wissenschaftlerinnen vom Cornelia-Goethe-Centrum der Uni Frankfurt gerade am Aufbau des interdisziplinären Bachelor-Nebenfaches „Gender Studies“ mit (siehe Kasten). Soziologieprofessorin Lutz beteuert aber auch, dass sie ihre Theorien niemandem aufnötigen wolle, schon gar nicht Kollegen aus anderen Fakultäten. Den Vorwurf, die Gender Studies seien in diesem Sinne übergriffig, könne sie nicht nachvollziehen: „Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Curriculum zu Gender Studies einem Fachbereich von außen aufgezwungen wurde. Das würde sich wohl auch niemand gefallen lassen.“

Keine Sektiererinnen

Lutz und Schmidbaur haben nichts von Sektiererinnen an sich. Einige ihrer Ideen wirken auf Biologen irritierend, vor allem wenn sie sie zugespitzt formulieren, was selten vorkommt. Manches erscheint aber auch dem Naturwissenschaftler plausibel, wenn er die Annahme zugrunde legt, dass es sehr wohl biologisch festgelegte Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt - dass es aber Sache der Gesellschaft ist, wie sie mit ihnen umgeht.

Da ist zum Beispiel das Wort von der „Zwangsheterosexualität“. Man kann es als einen Kampfbegriff schwuler, lesbischer, trans- oder intersexueller Aktivisten auffassen, der Heterosexualität abwertet. Oder, wie Lutz es versteht, als Beschreibung dafür, dass es einen gesellschaftlichen Druck gebe, sich für ein bestimmtes Geschlecht zu entscheiden. Als Beleg führt sie, nicht unplausibel, den Zwang an, beim Beantragen des Personalausweises zwischen den Optionen „männlich“ und „weiblich“ zu wählen. „Erst vor kurzem wurde diese Vorschrift glücklicherweise aufgehoben, um zum Beispiel Intersexuelle nicht mehr zu diskriminieren.“ Dass es - wenn auch wenige - Intersexuelle gibt, also Menschen mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen, ist eine biologische Tatsache, die selbst Kutschera und Klein nicht bestreiten werden.

Empirisch gut belegbar ist auch Lutz’ Beobachtung, dass sich die gesellschaftliche Vorstellung von dem, was typisch „männlich“ oder „weiblich“ ist, immer wieder verändert - ein Blick in die Modegeschichte genügt. Dass andererseits kleine Kinder, deren Geschlecht oft nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, noch heute mit rosa oder blauen Kleidern als Mädchen oder Junge gekennzeichnet werden, ist für Lutz ein Beleg dafür, dass Geschlechtsunterschiede sozial konstruiert werden können. „Biologie ist kein Schicksal“, fügt die Professorin hinzu.

„Gegenseitige Verteufelung führt zu gar nichts“

Über diese These könnte sie mit Hans Peter Klein vermutlich lebhaft streiten. Bisher gibt es allerdings an der Uni Frankfurt keinen systematischen Austausch zwischen Genderforschern und ihren Kritikern, was Lutz bedauert, wie sie sagt: „Gegenseitige Verteufelung führt zu gar nichts.“ Kollegin Schmidbaur ahnt, dass die Verständigungsschwierigkeiten auch mit den unterschiedlichen Fachsprachen von Natur- und Gesellschaftswissenschaftlern zu tun haben. „Man muss bereit sein, Übersetzungsarbeit zu leisten.“

Evolutionsbiologe Kutschera lässt unterdessen wissen, er arbeite an einem Buch, das die „Gender-Religion“ mit vielen historischen und aktuellen Belegen ad absurdum führen werde. Dass speziell er für den gewünschten Dialog der Fächer zur Verfügung stehen wird, ist unwahrscheinlich.

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