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Gender-Deutsch an Unis : Professx trifft Student*innen

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Der Asta formuliere alle seine Papiere und Einträge auf seiner Homepage gender-gerecht, berichtet er. Und der Asta setze sich auch dafür ein, dass diese Formen überall an der Uni verwendet werden. Was das Mündliche betrifft, ist Heisterkamp gelassen: „Eine hundertprozentig gender-gerechte gesprochene Sprache - das kann kaum jemand durchhalten. Das wäre ein fast totalitärer Anspruch.“

Jenovan Krishnan vom RCDS berichtet von Seminaren, in denen gender-gerechte Rednerlisten geführt werden. Nach einem Mann müsse dann unbedingt eine Frau sprechen. RCDS-Mitglieder in mehreren Städten hätten erlebt, dass für vermeintlich nicht gender-gerechte Sprache in einer Hausarbeit Punkte abgezogen würden. „Linke, Antifa-Mitglieder und Jusos versuchen zum Teil aggressiv, ihre Forderungen nach politischer Korrektheit an den Hochschulen durchzusetzen“, sagt er und beklagt: „An Diskussionskultur haben die meisten von ihnen kein Interesse.“

Neue Schilder, Briefbögen, Internetseiten - das kostet viel Geld

Wie viele andere Kritiker von Gender-Deutsch moniert Krishnan auch die Kosten, die für dessen Einführung anfallen. Schilder, Briefbögen, Internet-Seiten und vieles mehr müssen geändert werden. In Berlin wird es nach Angaben eines Sprechers des Studentenwerkes rund 500.000 Euro kosten, dieses in Studierendenwerk Berlin umzutaufen. Die Umbenennung in Studierendenwerk Thüringen schlägt laut seiner Sprecherin mit rund 100.000 Euro zu Buche. Viele Mitarbeiter seien von dem neuen Namen nicht begeistert, erzählt sie: „Studentenwerk“ sei auch in den neuen Bundesländern mittlerweile ein eingeführter Begriff, eine Marke. Der Mitarbeiter eines weiteren deutschen Studierendenwerks murrt: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Name wieder in Studentenwerk geändert wird, wenn in unserem Bundesland eine bürgerliche Regierung übernimmt.“

Die Münchner Frauenbeauftragte Margit Weber setzt jedoch darauf, dass sich die Menschen an die neuen Begriffe gewöhnen, wie sie auch die Rechtschreibreform akzeptiert hätten. Sie bekomme gelegentlich Anfragen von Menschen, die skeptisch seien. „Wenn ich ihnen erkläre, warum ich den Leitfaden gender-gerechte Sprache verfasst habe, stoße ich in der Regel auf Verständnis“, sagt sie. Oft würden diese Menschen sogar ein Bewusstsein für gender-gerechte Sprache entwickeln. Mitarbeiter von Behörden, anderen Hochschulen und Institutionen würden sich jedenfalls erkundigen, ob sie Ratschläge aus dem Leitfaden übernehmen dürften, berichtet Margit Weber. Das Gender-Deutsch ist nämlich längst auch an wissenschaftlichen Einrichtungen und in der Politik zu finden. So wenden sich auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und ihre Mitarbeiter regelmäßig an „Studierende“. Als kürzlich die Linken im Rathaus von Flensburg in einem satirisch gemeinten Antrag die gender-gerechte Bezeichnung von „StaubsaugerInnen“, „Briefkopf/-köpfin“ und anderen Arbeitsmitteln forderten, nahmen das viele Menschen so ernst, dass ein Orkan der Entrüstung über die Politiker hinwegfegte.

Jenovan Krishnan vom RCDS erzählt, dass das Gender-Deutsch auch Ausländern Schwierigkeiten bereite. Statt nur Student und Studentin müssten sie inzwischen noch die vielen anderen neuen Formen lernen - oder sie wenigstens verstehen, wenn sie in einem Text auftauchen. Dem widerspricht jedoch Elke Rößler, die das Sprachenzentrum der Humboldt-Universität Berlin leitet. „Für die meisten ausländischen Studierenden stellt das gender-gerechte Deutsch kein Problem dar“, sagt sie. Einige seien allerdings „irritiert“ - so zum Beispiel Menschen mit der Muttersprache Italienisch oder Spanisch. In beiden Sprachen wird die männliche Form verwendet, sobald mindestens ein Mann zur Gruppe gehört.

Liebe Leser_innen

 Natürlich auch: Liebe Leser*innen oder Liebe Lesende - je nach Standpunkt in der aufgeladenen Debatte um eine politisch korrekte Sprache an den Hochschulen: Schreiben Sie uns, ob der gute alte Student und die gute alte Studentin zu Recht durch neue, sensiblere Sprachschöpfungen ersetzt werden sollten. Und wenn ja durch welche und warum? Oder ob all die Varianten mit Gender-Gap, Sternchen oder anderem eine einzige Zumutung sind. Meinungsfreudige Beiträge erhoffen wir unter der Mail-Adresse Campus@FAZ.de oder in der Leserkommentarspalte unter diesem Text.

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