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Geistiges Eigentum : Aus der Praxis der Plagiatoren

Bild: F.A.Z. - Tresckow

An Unis wird geschummelt - aber nicht nur von Studenten. Auch Doktoranden und Professoren nehmen es mit dem geistigen Eigentum nicht immer genau. Gute Wissenschaft sollte anders aussehen.

          Seit die anonyme E-Mail in ihrem Postfach blinkte, fühlt sie sich bedroht. Deshalb trägt Julia Kleinhaus in diesem Text auch einen anderen Namen als in der Wirklichkeit. Dabei hat die Fünfunddreißigjährige nichts Unrechtes getan. Sie ist nur zu spät argwöhnisch geworden. Schon damals, 1999, hätte es sie stutzig machen können: 300 Seiten, das ist sehr viel für eine Diplomarbeit. Ihr Betreuer, damals Doktorand an der Dortmunder Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, hatte sie dazu angetrieben, die Arbeit so lang werden zu lassen. Als sie fertig war, speicherte sie den Text über das Controlling in Baubetrieben für ihn auf einer Diskette. So könne er ihn besser korrigieren, habe er ihr gesagt. Gut sechs Jahre später las sie den Text wieder - in der Doktorarbeit ihres einstigen Mentors. "Die ersten 200 Seiten konnte ich einfach so mitblättern, Tippfehler inklusive", sagt sie. Sie machte die Uni darauf aufmerksam. Und kurz danach schrieb ihr jemand jene E-Mail mit eindeutigem Inhalt. Sie informierte die Polizei, geholfen hat das nicht.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          "Dieser Fall ist ziemlich eindeutig", urteilt Debora Weber-Wulff. Die Informatik-Professorin an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, die die beiden Texte miteinander verglichen hat, ist in der deutschen Hochschullandschaft als Plagiate-Jägerin bekannt. Meistens geht es ihr darum, die Abschreiber unter den Studenten zu enttarnen. Aber sie weiß, dass auch auf der anderen Seite der Hörsäle nicht nur weiße Schafe weiden. "Sogar C-4-Professoren schreiben ab - nicht dauernd, aber sie tun es." Vielleicht auch deshalb, weil sie kaum Konsequenzen fürchten müssen.

          Nur die Spitze des Eisbergs?

          Zwei Beispiele, womöglich nur die Spitze des Eisbergs: Der Rechtswissenschaftler Hans-Peter Schwintowski aus Berlin schreibt für ein Lehrbuch von mehreren Autoren ab, ohne die Zitate zu kennzeichnen. Der Präsident der Humboldt-Universität tadelt das "wissenschaftliche Fehlverhalten" als "nicht akzeptabel", Schwintowski selbst räumt eine Verletzung der Zitiernorm ein - in populärwissenschaftlichen Werken sei dies aber üblich. In Darmstadt veröffentlicht Axel Wirth, ebenfalls ein Jurist, einen Kommentar zum BGB. In weiten Teilen gibt der Text aber offenbar wörtlich einen Jura-Klassiker wieder. Als das auffliegt, macht der Professor einen wissenschaftlichen Mitarbeiter dafür verantwortlich. Wie die Pressestelle der Technischen Universität bestätigt, rügt der Präsident beide, aber arbeits- oder disziplinarrechtliche Schritte bleiben aus.

          "Das ist die übliche Reaktion der Unis - sie stellen sich tot", kritisiert Debora Weber-Wulff die fehlende Bereitschaft zu Sanktionen. So kann Wissenschaft nach dem Prinzip der Nahrungskette funktionieren, vom Erstsemester bis zum Ordinarius: Haus- und Examensarbeiten werden zu Doktorarbeiten verdaut, aus Dissertationen Habilitationsschriften zusammengestückelt - und am Ende publizieren Lehrstuhlinhaber die Artikel von Mitarbeitern unter ihrem eigenen Namen. "Ehrenautorschaft", so nennt sich diese Praxis, die an manch altehrwürdiger Fakultät nicht einmal als Kavaliersdelikt angesehen wird - weil die Chance auf eine Veröffentlichung in angesehenen Zeitschriften und Verlagen für akademische Neulinge so gering sei, heißt es.

          Es geht auch anders

          Dass es anders gehen kann, hat der Historiker Götz Aly gezeigt. Als Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt hielt er vor zwei Jahren ein Forschungsseminar zur Akzeptanz des nationalsozialistischen Regimes in der deutschen Bevölkerung. Die Ergebnisse kann man nachlesen - in dem bei Fischer erschienenen Buch "Volkes Stimme". Aly firmiert zwar als Herausgeber, über den einzelnen Artikeln aber stehen die Namen der Studenten, die sie geschrieben haben. Das Seminar sei sehr arbeitsintensiv und für das schnelle Scheinesammeln untauglich gewesen, räumt Aly ein, aber ein Gewinn für beide Seiten - mittlerweile sogar in finanzieller Hinsicht. 15 000 Exemplare haben sich verkauft, jeder Autor hat nach Alys Schätzung bisher 1000 Euro damit verdient. "Ich glaube, das Buch macht Schule", sagt er.

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