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Gehörlose an der Uni : Stilles Studium

Bild: F.A.Z./Tresckow

Für Gehörlose gibt es eigene Kindergärten und Schulen. An der Uni sind sie dagegen oft allein unter Hörenden. Um mitzukommen, sind sie auf Helfer angewiesen und müssen viel organisieren.

          Es ist nicht so, dass sie gar nichts hören könnte. Wenn laute Musik läuft zum Beispiel, nimmt sie den Rhythmus wahr. Wenn sie Hörgeräte trägt, kann sie zuweilen unterscheiden, ob gerade ein Mann oder eine Frau spricht. Was genau sie sagen, versteht Olga Hertle aber nicht. Vielleicht ab und zu ein Bruchstück, indem sie die Worte von den Lippen abliest. Zu wenig, um einer Vorlesung zu folgen oder einem Seminar.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Medizinisch gesehen leidet Olga Hertle unter „an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit“. Praktisch gesehen gilt sie als gehörlos und kommuniziert im Alltag fast ausschließlich in Gebärdensprache. Trotzdem studiert sie im sechsten Semester „Pädagogik der Kindheit und Familienbildung“ an der Fachhochschule Köln. Danach möchte sie in einer Kindertagesstätte für Gehörlose arbeiten, nicht nur als Erzieherin, sondern konzeptionell, gern als Führungskraft. Doch der Weg dorthin ist für die 25-Jährige schwieriger als für ihre Mitstudenten. „Wenn ich in der FH bin, fühle ich mich oft wie eine Fremde“, sagt sie. Viele Kommilitonen hätten keine Erfahrung mit Gehörlosen und daher Berührungsängste.

          Allein unter Hörenden. So geht es vielen gehörlosen Studenten in ganz Deutschland. Während die meisten in ihrer Schulzeit spezielle Gehörlosenschulen mit Unterricht in Gebärdensprache besuchen, gibt es auf universitärem Niveau keine derartige Möglichkeit. Auf der ganzen Welt existiert nur eine einzige Gebärdensprachhochschule - die Gallaudet University in Washington D.C. Zwar gibt es Bemühungen, auch in Deutschland eine Gebärdensprach-Uni zu gründen - seit dem vergangenen Jahr kümmert sich ein Verein im hessischen Bad Kreuznach um ein solches Projekt. Doch steckt das Vorhaben noch völlig in den Kinderschuhen. Nun hat sich auch noch der Vorstand des Gründungsvereins zerstritten; ein Teil der Initiatoren versucht jetzt, ein ähnliches Projekt in Berlin auf die Beine zu stellen. Gehörlosen Abiturienten bleiben derweil nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie suchen sich einen Ausbildungsberuf. Oder sie versuchen, sich in der Uni-Welt der Hörenden durchzuschlagen.

          Zwei Dolmetscher, eine Mitschreiberin

          Olga Hertles Studienalltag beginnt morgens um halb zehn. Einzeln trudeln die Studenten im Innenhof der Fachhochschule ein, stehen auf den Stufen vor dem Gebäude in der Sonne, trinken Kaffee, treffen Freunde. Olga Hertle trifft stattdessen ihre Gebärdensprachdolmetscher, Michael Zymelka und Dorothea Funk. „Guten Morgen“, „wie geht's?“ und allerlei Smalltalk wird mit schnellen Gesten in die Luft gemalt.

          Im Hörsaal setzt sie sich direkt in die vorderste Reihe, ihre beiden Dolmetscher bauen ihre Stühle neben dem Pult des Dozenten auf, so dass die Studentin sie gut sehen kann. Die Übersetzer sind zu zweit gekommen, weil sie sich bei längeren Lehrveranstaltungen alle Viertelstunde mit dem Gebärdendolmetschen abwechseln. „Umfassende Qualitätsmanagementkonzepte II - TQM und EFQM“ lautete der Titel der Vorlesung. Olga Hertle schreibt ihn auf ihren Block, dazu das Datum und den Namen des Dozenten. Ansonsten bleibt das Blatt leer. Gleichzeitig den Gebärden der Dolmetscher zu folgen, die Folien an der Wand zu lesen und sich Notizen zu machen - das ist fast unmöglich. „Ich brauche meine Augen zum Zuhören, Lesen und Mitschreiben“, erklärt die Studentin. Deshalb hat Olga Hertle neben den beiden Dolmetschern noch eine dritte Unterstützerin in der Vorlesung dabei: Eine Kommilitonin arbeitet für sie als „Mitschreibekraft“ und kopiert ihr am Ende der Veranstaltung ihre Notizen.

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