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Kritik am Jurastudium : Herr Professor, wo bleibt die Selbstkritik?

  • -Aktualisiert am

III. Die Alternative: Examensvorbereitung und Wissenschaft versöhnen

Das Staatsexamen in seiner bestehenden Form sollte als Abschluss der Ausbildung beibehalten werden. Es garantiert nach wie vor ein gewisses Grundniveau aller Absolventen und ist als Qualifikation hoch angesehen. Gerade im ersten Staatsexamen werden nicht nur reines Anwendungswissen, sondern auch wissenschaftliche Theorien abgefragt. Dieser akademische Anspruch ist in Deutschland sogar deutlich stärker ausgeprägt als in vielen anderen europäischen Ländern, wo etwa die selbstständige Arbeit mit dem Gesetzbuch an der Universität kaum oder gar nicht verlangt wird. Reformbedürftig erscheint daher vor allem der Weg bis zum Staatsexamen. Die Lehre muss in der Lage sein, eine effektive Vorbereitung auf die staatlichen Prüfungen mit dem wissenschaftlichen Anspruch einer Universität zu verbinden.

Der Vorschlag Professor Oestmanns erscheint da wenig zielführend. Eine zweigliedrige Juristenausbildung – anwendungsorientiert an der Fachhochschule und wissenschaftlich an der Universität – wird den Anforderungen der staatlichen Prüfungen nicht gerecht. „Wissenschaft“ und „Anwendung“ sind keine eigenständigen Blöcke, sondern bedingen sich gegenseitig. Die Spaltung in „Juristen erster und zweiter Klasse“ würde die Einheit und das Vertrauen in viele Bereiche der Rechtspflege, wie etwa der Anwaltschaft, verringern. Schließlich würden die unliebsamen „Karrierejuristen“ auch weiterhin an die Universität streben, um den Einstellungsvoraussetzungen ihrer zukünftigen Arbeitgeber gerecht zu werden.

Wie könnte also eine Versöhnung von wissenschaftlichem Anspruch und angemessener Examensvorbereitung aussehen? Wenn ein König seinen Sprössling auf die Regentschaft vorbereitet, dann wird er ihm das Königreich zunächst von einem Berg aus zeigen, und dann erst die einzelnen Provinzen mit ihren Eigenheiten. Der Überblick über das Ganze muss vor den Besonderheiten kommen. Der Beginn des Studiums sollte eine Gesamtschau ermöglichen, anstatt auf eine Vielzahl examensrelevanter Schwierigkeiten einzugehen, die der Erstsemester nur schwerlich in Gänze verstehen kann.

Konkret heißt dies etwa im Zivilrecht: eine Veranstaltung über zwei Semester, die vom Allgemeinen Teil des BGB über das Sachenrecht bis hin zum Zivilprozessrecht alle Teilbereiche dieses Rechtsgebiets umfasst. Wenn dieser Überblick nach zwei Semestern erreicht ist, sollten die einzelnen Teilbereiche mit wissenschaftlichem Anspruch vertieft werden. Erst dann kann auch eine „symphilo-sophische Geselligkeit” entstehen, die mehr ist als das gelegentliche Abendessen zwischen Professor und seinen studentischen Hilfskräften. Wer ein Grundstudium dieser Struktur durchlaufen hat, traut sich auch eher eine Examensvorbereitung ohne kommerziellen Repetitor zu. Wer den Weg vom Berg aus erkannt hat, findet auch ohne teuren Reiseführer seinen Weg durch die Provinzen und ihre Paragraphendschungel. Um diese Vorschläge umsetzen zu können, bedarf es keines Königs, noch nicht mal einer Wissenschaftsministerin. Ein Professor, der einige seiner Kollegen zu überzeugen vermag, würde völlig ausreichen.

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