https://www.faz.net/-gyl-7xpg9

Kritik am Jurastudium : Herr Professor, wo bleibt die Selbstkritik?

  • -Aktualisiert am

Auch die stetig steigende Anzahl von Erasmus-Austauschstudenten widerspricht dem gezeichneten Bild. Und ja, vielleicht finden einige Studenten sogar mehr geistige Nahrung in einer Oper von Mozart als im allerneuesten Aufsatz ihres heimischen Professors in der „Neuen Juristischen Wochenschrift“. Wenn dabei, wie wehmütig beklagt wird, keine „symphilosophische Geselligkeit“, zwischen Lehrenden und Lernenden zustande kommt, wie sie Savigny angeblich erlebt haben soll, so hat dies folgenden Grund: Durch die begrüßenswerte Öffnung der Universität für alle Gesellschaftsschichten und dem daraus resultierenden Anstieg der Studentenzahlen ist es deutlich schwieriger geworden, ein persönliches Verhältnis zwischen Professoren und Studenten zu etablieren.

Diesen Effekt zumindest abzuschwächen, kann aber nur Aufgabe derjenigen sein, die dazu auch in der Lage sind. Es ist nicht der 17-jährige Erstsemester, der sich in einem ganz neuen Umfeld erst einmal zurechtfinden muss; vielmehr läge es an den Professoren, eine Kultur der „offenen Tür“, feste Sprechzeiten und interaktive Vorlesungen anzubieten, inspiriert vom anglo-amerikanischen Vorbild. Die Realität sieht jedoch anders aus. Ein genuines Interesse am Erfolg des einzelnen Studenten ist bei einem Großteil der Professoren nicht zu erkennen. Dies zeigt etwa der ab der ersten Vorlesung notorische Verweis auf die „einhundert bis zwei-hundert“ Kommilitonen, die das Examen sowieso nicht bestehen werden.

II. Herr Professor – wo bleibt die Selbstkritik?

Damit wäre ein Hauptverantwortlicher für die bestehenden Defizite identifiziert. Denn es stünde unserer Ansicht nach durchaus in der Macht des Professorenkollegiums Lehrplanänderungen, etwa mehr Seminare und weniger Klausuren, durchzusetzen. Die strukturelle Mehrheit in allen universitären Gremien, dem Senat sowie den Fachbereichsräten, in denen über Lehrinhalte und Prüfungsordnungen entschieden wird, haben die Professoren nie verloren. Im Gegenteil, Vorschläge aus der Studentenschaft, die Mehrheitsverhältnisse zu ändern, trafen bei den Hochschullehrern nie auf besonders große Gegenliebe. Wenn es Professor Oestmann hier um die Sache und weniger um eine öffentliche Auseinandersetzung gehen würde, müsste er die von ihm gewünschten Änderungsvorschläge mit ebensolcher Verve seinen Kollegen entgegenbringen.

Stattdessen wird die Verantwortung für die Misere auf kommerzielle Repetitoren und deren Examensjünger abgewälzt. Dabei gehen die Repetitorien bis auf das Jahr 1794 zurück. Damals weigerten sich die Professoren, das neu eingeführte Allgemeine Landrecht der Preußischen Staaten zu lehren, sodass eine Vorbereitung auf die staatliche Prüfung an der Universität nicht mehr möglich war. Heute kann man den Professoren zwar nicht mehr wie 1794 vorwerfen, dass sie das aktuelle Recht nicht lehrten. Den didaktischen Methoden dieser Zeit sind viele jedoch treu geblieben. Der Erfolg der Repetitoren wird jedoch weiterhin mit der Denkfaulheit der Studenten begründet.

Dabei liegt der folgende Schluss doch eigentlich näher: Aufbau und Inhalt der Vorlesungen befördern weder das Interesse an Jura als Wissenschaft, noch können sie den examensrelevanten Stoff in ausreichendem Maße vermitteln. Daher muss der Vorwurf des wissenschaftlichen Desinteresses der Studenten auf die Hochschullehrer selbst zurückfallen. Während eine Weiterentwicklung der Rechtsdidaktik stets stiefmütterlich behandelt wurde, bevorzugt das bestehende System die Entstehung der sechsten Mindermeinung zum dolus eventualis.

Weitere Themen

Die Herzkammer der Wissenschaft

Promotionsrecht : Die Herzkammer der Wissenschaft

Das Wissenschaftssystem braucht ein Zentrum, das bahnbrechende Erfindungen mit dem gesellschaftlichen Konsens vermittelt. Das können nur die Universitäten sein. Bei ihnen sollte daher auch das Promotionsrecht liegen.

Kein Sonnenkönig

Max-Planck-Gesellschaft : Kein Sonnenkönig

Martin Stratmann ist gänzlich frei von Allüren eines Alleinherrschers. Darin unterscheidet er sich von seinen Vorgängerinnen. Nun stellt der Korrosionsforscher die Max-Planck-Gesellschaft neu auf.

Topmeldungen

Unsere Sprinter-Autorin: Maja Brankovic

F.A.Z.-Sprinter : Großkampftag fürs Klima

Arbeiten oder fürs Klima streiken? Heute wollen die Schüler, dass die Erwachsenen es ihnen gleich tun. In Berlin ringt die große Koalition weiter um ein klimapolitisches Reformpaket. Alles Wichtige im F.A.Z.-Sprinter.
Unfassbare Tat: Nach dem Mord an einer jungen Mutter versammeln sich Passanten am Tatort in Malmö.

Kriminalität in Schweden : Im Griff der Banden

In Schweden findet die Regierung keine Mittel gegen die steigende Kriminalität. In den vergangenen Wochen haben mehrere brutale Morde das Land erschüttert. Selbst der König äußert sich besorgt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.