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Frühstudium : Hochbegabte Hörsaalküken

Bild: F.A.Z. / Tresckow

Sie können schon im Kindergartenalter lesen oder rechnen vorzeitig das Mathebuch durch. Für viele begabte Teenager zieht sich die Schule wie Kaugummi. Deshalb wollen sie früher an die Uni als üblich. Die F.A.Z. hat einige von ihnen getroffen.

          Felix Schmid wirkt so gar nicht wie einer, der alles vergisst, wenn er sich hinter seinen Büchern vergräbt. Schlank und braungebrannt ist er, und man sieht ihm an, dass er gern Sport macht. An seinem Handgelenk baumelt das Eintrittsbändchen vom Rock-Festival South Side, wo er sich mit seinen Freunden die Eagles of Death Metal angeschaut hat. Felix Schmid wirkt wie ein ganz normaler Neunzehnjähriger, der nach dem Abitur den Sommer genießt. Doch für diese Wirkung hat er schon oft kämpfen müssen. Denn Felix ist hochbegabt. Mit fünf brachte sich der Junge aus einem Dorf in der Nähe von Würzburg selbst das Lesen bei. In der Grundschule las er „Der Herr der Ringe“, mit zehn stibitzte er Bücher aus den Schränken seines acht Jahre älteren Bruders. Wie hoch sein IQ genau ist, will er nicht verraten. Ein Test im Grundschulalter ergab jedenfalls, dass er sich zu den zwei Prozent der intelligentesten Deutschen zählen darf. Das ist nicht nur ein Segen. Immer wieder geriet Felix in einen Teufelskreis aus Unterforderung und Frust. Doch er hatte Glück: Er bekam die Chance, sich schon mit 15 Jahren dorthin zu begeben, wo er endlich genug Bücher und genug Herausforderung fand: an die Universität.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Felix Schmid ist einer der 1000 bis 1500 Jugendlichen, die nach einer Hochrechnung der Telekom-Stiftung jedes Semester ein sogenanntes Frühstudium absolvieren. Darunter versteht man ein paralleles Hochschulstudium von Schülern mit regulären Kursen und Prüfungen, für das die Teilnehmer sogar manche Schulstunden ausfallen lassen können. „Das Frühstudium bieten inzwischen immer mehr Hochschulen an“, sagt Ekkehard Winter, der Geschäftsführer der Telekom-Stiftung. Allein für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik seien es mindestens 50 Universitäten.

          Der alte Weg des frühen Studiums

          Früher gab es nur einen ganz anderen Weg, um schon als Minderjähriger im Hörsaal zu landen: Schulklassen überspringen, schneller Abitur machen und dann entsprechend früher studieren. Auch diese Möglichkeit existiert heute noch. „Die üblichen Schätzungen gehen aber davon aus, dass deutlich weniger Jugendliche diesen Weg wählen“, sagt die Pädagogin Claudia Solzbacher von der Universität Osnabrück. Dennoch: „Beide Wege des frühen Studiums haben ihre Vor- und Nachteile“, sagt Solzbacher. Es gebe auch Jugendliche, für die das Überspringen und ein anschließendes frühes Vollstudium besser sei als ein Studium parallel zur Schule.

          Ines ist so eine, eine quirlige junge Frau mit langen dunklen Haaren und wachen Augen. Sie trägt auffällige Ohrringe, die wie geometrische Körper geformt sind, ein sechsseitiger und ein zwanzigseitiger Würfel. Mit ihren 18 Jahren hat Ines an der Uni schon das zweite Semester Physik hinter sich. Ihren Nachnamen will sie lieber nicht im Zusammenhang mit ihrer Schul- und Unikarriere in der Zeitung lesen - aus Angst, das könnte wirken wie Prahlerei. Dabei sind ihre Leistungen beachtlich: Schon in der Grundschule übersprang sie eine Klasse, am Gymnasium übersprang sie ein weiteres Mal, machte mit 16 Jahren Abitur und konnte mit 17 ihr Studium beginnen. Zwar hat sie einen völlig anderen Weg ins frühe Studium beschritten als Felix Schmid, dennoch haben die beiden vieles gemeinsam. Auch Ines gehört laut IQ-Test zu den intelligentesten zwei Prozent der deutschen Bevölkerung, und auch Ines will ihren genauen IQ-Wert nicht verraten. Selbst was den Musikgeschmack angeht, würden sich beide gut verstehen: Ines trägt gleich drei Festivalbändchen um das Handgelenk, die alle mit Rock und Metal zu tun haben.

          Mit 13 zum ersten Mal an der Uni

          Stundenlang kann sie von den kleinen Stolpersteinen erzählen, die sie erwarteten, als sie mit 17 Jahren an die Uni kam: Wie ihr in der neuen Stadt in Baden-Württemberg niemand eine Wohnung vermieten wollte und schließlich ihre Mutter den Vertrag für ihr Wohnheimzimmer unterschreiben musste. Wie die Mitbewohner halb im Scherz den Schrank auf dem Flur abschlossen, weil da ein paar Schnapsflaschen drin waren. Und wie die Stadtbibliothek ihr den Ausweis verweigerte, mit dem brüsken Hinweis, sie sei noch nicht geschäftsfähig. Trotzdem: „Ich bin heilfroh, dass ich die Schule hinter mir habe“, sagt Ines. Jetzt an der Uni sei sie „endlich mal“ richtig gefordert. „Für manche Übungsblätter muss ich mich sogar mit einer Lerngruppe zusammensetzen, um die Sachen überhaupt zu verstehen.“ Ein fast schon vergessenes Gefühl für sie.

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