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Freiwilliges soziales Jahr : Erst mal was Praktisches

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Treschkow

Schulabgänger können im freiwilligen sozialen Jahr wichtige Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln oder schon gezielt auf die spätere Karriere hinarbeiten. Zwei Abiturienten erzählen ihre Geschichten.

          Von Kindern fürs Leben lernen

          Michael Mandelc ist 19 Jahre alt und arbeitet an der Robert-Blum-Grundschule im Frankfurter Stadtteil Höchst in der Kinderbetreuung. Obwohl das mit seinem Traumberuf gar nichts zu tun hat. Er hat in diesem Jahr seinen Realschulabschluss nachgeholt und wollte danach nicht einfach irgendeinen Job machen. Das freiwillige soziale Jahr, kurz FSJ, habe einen guten Ruf, findet er. „Da weiß auch jeder, man hat was Anständiges gemacht.“ Er hatte sich auch anderswo beworben, aber die Robert-Blum-Schule sagte sofort zu - froh über die männliche Unterstützung. Michael nahm an, obwohl seine Pläne ganz andere sind. „Eigentlich will ich später mal Filmregisseur werden, dafür muss man ja beruflich was erfahren haben.“ Im Herbst 2014 will er eine Ausbildung zum Mediengestalter in Bild und Ton beginnen. Seine ersten Bewerbungen für die großen Rundfunkanstalten liegen schon bereit.

          Michael Mandelc

          Seit September kümmert er sich aber erst mal in einer 40-Stunden-Woche um die Kinder und um die Organisation im Hort. Am Vormittag, wenn die Kinder im Unterricht sind, erledigt er im Büro Verwaltungsangelegenheiten. Er überwacht die tägliche Essenslieferung und macht dort die vorgeschriebenen Speisenkontrollen. Dann geht er einkaufen für die Nachmittagsverpflegung. „Ich bin hier sozusagen der Obst- und Gemüsemann.“ Er plant zusammen mit den Betreuerinnen kleine Projekte für die Nachmittagsbetreuung. Nach dem Essen steht eine Stunde Hausaufgabenbetreuung auf dem Plan und anschließend ist bis 17 Uhr offenes Programm. „Ich bin hier in viele Dinge eingebunden, das finde ich klasse.“ Dass es auch ein freiwilliges kulturelles Jahr gibt, bei dem er schon in seiner Traumberufrichtung Erfahrung hätte sammeln können, wusste Michael nicht. Aber er glaubt, dass ihm die Zeit in der Grundschule auch viel bringt. „Ich finde, das ist ein wichtiger Sozialdienst, den ich hier leiste. Und es macht mir Spaß. Die Kids beschäftigen mich ganz gut.“ Zudem hat er schon privat Erfahrungen im Hörfunk gesammelt. Zwei Jahre lang hat er in Eigenregie ein Internetradio für Freunde betrieben, das Programm stammte komplett von ihm. Außerdem hat er häufig in der Veranstaltungstechnik ausgeholfen und viel über Kameraführung und Bildmischung gelernt. Gerne würde er noch ein fachbezogenes Praktikum machen, bevor er im nächsten September wohl seine Ausbildung beginnt. Da sein FSJ ebenfalls bis September geht, wird das wohl eher schwierig. Aber es gibt ja noch die Ferien.

          Der Traum vom Theater

          Luzia Renner-Motz will Schauspielerin werden. Die 18-Jährige hat im Frühjahr ihr Abitur in Karlsruhe gemacht. Seit September macht sie ein freiwilliges soziales Jahr in der Kultur am English Theatre in Frankfurt. Sie will es nutzen, um den Theaterbetrieb, der mal ihre Arbeitswelt sein soll, von allen Seiten kennenzulernen. Dass es mit dem English Theatre als Einsatzstelle für Luzia geklappt hat, empfindet sie als großes Glück. Sie wollte diese Stelle unbedingt haben. Drei Jahre ist es her, da stand sie das erste Mal als Schauspielerin auf der Bühne in Karlsruhe mit der Jugendtheatergruppe am Badischen Staatstheater. Das Theater ist also kein Neuland für sie. Zuvor spielte sie Cello, tanzte Ballett und sang im Chor. Seit sie ein kleines Kind war, ist sie es gewohnt, aufzutreten.

          Luzia Renner-Motz

          Am English Theatre gefällt ihr vor allem, dass es ein recht kleines Haus ist. Dadurch bekommt sie im Laufe ihres freiwilligen Jahres die Möglichkeit, alle Bereiche kennenzulernen. In der aktuellen Produktion sitzt sie am Verfolgerscheinwerfer, während aller Proben und der meisten Aufführungen. Bei der letzten Produktion hat sie hinter der Bühne gearbeitet und dort in der Maske geholfen, hat Perücken zurechtgezupft und Bärte geklebt. Im Kartenverkauf half sie auch schon mit. Vor kurzem hat sie sich dort auch um die Koordination der Previews gekümmert - Vorpremieren, die vor allem für Lehrer gedacht sind. Luzia will auch als Schauspielerin wissen, wie in den anderen Abteilungen gearbeitet wird. „Es macht einen Unterschied, ob Schauspieler wissen, worum’s hier geht, oder nicht.“ Durch das kulturelle Jahr kann sie diese Erfahrungen sammeln. „Selber spielen darf ich nicht, aber zuschauen. Das bringt mir viel.“ Sie hatte auch überlegt, nach dem Abitur ins Ausland zu gehen. Jedenfalls wollte sie nicht direkt von der Schule an die Uni oder eben an eine Schauspielschule. Das FSJ Kultur ist für sie die perfekte Lösung. Sie findet wichtig, erstmals einen Eindruck vom Arbeitsleben zu bekommen. Außerdem kann sie nebenher zum Vorsprechen gehen. Das erste an der Schauspielschule in Stuttgart hat sie schon hinter sich. Sie ist nicht weiter gekommen. Auf die vier Plätze, die die Schule für Frauen anbietet, haben sich 400 Kandidatinnen beworben. Als Nächstes wird sie ihr Glück in Berlin versuchen. Schauspieler, denen sie von ihren Plänen erzählt hat, waren ehrlich zu ihr: Wenn es noch etwas anderes gebe, das sie sich vorstellen könne, dann solle sie lieber das machen. Aber Luzia ist sich darüber bewusst, was es bedeutet, Schauspielerin zu sein. „Im Moment bin ich sicher, dass die Schauspielerei das ist, was mich glücklich macht. Ich würde es bereuen, wenn ich es jetzt nicht probiere.“ Über Alternativen zur Schauspielschule will sie jetzt noch nicht nachdenken. Aber selbst wenn das sein muss, dann wird es mit Theater zu tun haben. Darin sieht sie sich durch ihr kulturelles Jahr bestätigt.

          Welche Freiwilligendienste es gibt

          • Klassisch: Wird gerne auch als Zivi-Pendant bezeichnet. Die Einsatzstellen sind unterschiedlich, von Integrationshelfer bis Assistent im Krankenhaus.
          • Kulturell: Deckt die ganze Bandbreite des kulturellen Tätigkeitsfeldes ab - vom Archiv bis zum Zirkus ist alles dabei, was das kulturelle Herz begehrt. www.fsjkultur.de
          • Ökologisch: Mehr als Vögel zählen und Froschwanderungen überwachen. Gearbeitet wird auf Bauernhöfen und in Naturschutzverbänden. www.foej.de
          • Sportlich: In Vereinen sowie Kinder- und Jugendeinrichtungen geht es um sportliche Betreuung. www.freiwilligendienste-im-sport.de
          • Politisch: In Organisationen und Einrichtungen politische Arbeit hautnah verfolgen. Noch in der Modellphase. www.ijgd.de, freiwilligendienste-kultur-bildung.de
          • Nachhaltig: Dem ökologischen Jahr ähnlich, aber eher in der Wissenschaft und Technik mit Bezug zur Nachhaltigkeit. www.ijgd.de
          • Schule: Hausaufgabenbetreuung, kulturelle Veranstaltungen an der Schule betreuen oder ein Projekt realisieren, etwa eine Schülerzeitung oder AG anbieten. www.freiwilligendienste-kultur-bildung.de
          • Denkmalpflege: In Handwerksbetrieben traditionelle Handwerkstechniken erlernen oder im Architekturbüro arbeiten. www.denkmalschutz.de/jugendbauhuetten, www.ijgd.de

          In der Regel beginnen die freiwilligen sozialen Jahre im Herbst und gehen sechs oder zwölf Monate. Bewerbungsschluss ist meistens im Frühjahr. Termine und Taschengeld variieren zwischen den einzelnen Trägern.

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