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Wissenschaftliches Jahr : Die Hochschul-Schnupperer

Einsatz im freiwilligen wissenschaftlichen Jahr an der Uni Oldenburg - zum Thema Tierarzneimittel in Boden und Grundwasser. Bild: Universität Oldenburg

Erbkrankheiten erforschen, Baustoffe für Windparks entwickeln oder sich mit Walen und Robben in der Nordsee beschäftigen: Schon als frischgebackener Abiturient kann man an der Hochschule arbeiten – ehrenamtlich.

          Genug damit! Bloß nicht direkt in die nächsten Lehrbücher stürzen und Klausuren durchzittern. Das Studium soll schon noch folgen, aber nicht jetzt, nicht unmittelbar nachdem das Abi endlich überstanden ist. Doch was stattdessen anstellen mit der neuen Entscheidungsfreiheit? „Viele von meinen Freunden machen ein Jahr gar nichts“, erzählt Charlotta Struncius, „aber das braucht man auch nicht.“ Sie jedenfalls nicht. Die Abiturientin sucht sich etwas anderes aus. Sie geht nach Oldenburg an die dortige Carl von Ossietzky Universität. Allerdings nicht um zu studieren. Seit etwa einem Monat arbeitet sie an der Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften. In Vollzeit, ohne Studienabschluss und ohne wissenschaftliche Vorerfahrung. Die Stelle verdankt sie im Grunde ihrer Oma. Die lebt in Oldenburg, hat in der Zeitung von dem sogenannten Freiwilligen Wissenschaftlichen Jahr gelesen und ihrer Enkelin berichtet. Charlotta Struncius, die sich schon in der Schule für Biologie und Chemie begeistert hat, bewirbt sich also und bekommt die Stelle an der Universität.

          Das ehrenamtliche Jahr in der Wissenschaft ist eine noch recht junge Ergänzung zu den bekannteren Formaten, dem Freiwilligen Sozialen Jahr und dem Freiwilligen Ökologischen Jahr. Im Jahr 2011 starteten die ersten Schulabgänger in einem Pilotprojekt an der Medizinischen Hochschule Hannover. Dort ist das Programm zum Erfolg geworden. Mittlerweile hat die Hochschule für das Studienjahr 2018/2019 in mehr als 80 Projekten Plätze ausgeschrieben. Erforscht werden Erbkrankheiten im Labor, Baustoffe für zukünftige Windparks oder Wale und Robben in der Nordsee. Dabei bleiben die Freiwilligen zwölf Monate bei einem der Projekte, auf das sie sich zuvor gezielt beworben haben. Begleitet wird der Dienst durch pädagogische Seminare. Gleichzeitig hat der Dienst für die Schulabsolventen auch ganz praktische Vorteile, weil er in bestimmten Fällen als Vorpraktikum zählt. In jedem Fall bedeutet er zwei Wartesemester auf dem Konto der Studienanwärter. Ein richtiges Gehalt gibt es zwar nicht, nur ein Taschengeld in Höhe von 400 Euro im Monat. Und trotzdem werden mehr Plätze nachgefragt als angeboten werden können.

          Das ist auch an der Universität Oldenburg so. Dort hat im September der vierte Jahrgang begonnen, wenn auch in deutlich kleinerem Ausmaß als in Hannover. Mit Charlotta Struncius haben bisher neun weitere Freiwillige angefangen, einige Quereinsteiger könnten aber noch dazustoßen. Sie selbst unterstützt eine Studie am sogenannten „Departement für Versorgungsforschung“, die Teil eines größeren Forschungsnetzwerkes ist. In Oldenburg will das Team untersuchen, wie Menschen im hohen Alter mobil bleiben können und wie dem Funktionsabbau des Körpers sinnvoll und rechtzeitig entgegengewirkt werden kann.

          Viel Verantwortung für frischgebackene Abiturienten

          Die 19 Jahre alte Charlotta wird sich in ihrem Jahr um die Probanden kümmern, die allesamt Senioren sind. Sie wird sie anrufen, um sie für neue Erhebungen zu gewinnen, sie an bevorstehende Termine erinnern, sie betreuen, wenn sie zu den Versuchen in die Universität kommen, die medizinische Messtechnik bedienen und nicht zuletzt die Daten verwalten. Viel Verantwortung für eine frischgebackene Abiturientin – die in ihrem Fall allerdings durch eine gute Einarbeitung aufgefangen wurde. „In das Team wurde ich super schnell integriert, man wird wirklich auf Augenhöhe behandelt“, sagt sie. Die enge Zusammenarbeit mit dem Team verschafft ihr einen realistischen Einblick in den Alltag wissenschaftlicher, insbesondere empirischer Arbeit. Denn die berühmte Frage – „Und was wird man damit?“ – ist meist gar nicht so leicht zu beantworten, wenn die Studiengänge „Marine Umweltwissenschaften“ oder „Engineering Physics im Praxisverbund“ heißen. Im Freiwilligendienst gibt es darauf plötzlich anschauliche Antworten. Zudem profitieren die Freiwilligen über ihre Projektarbeit hinaus von den Bildungsangeboten, die eine Universität bietet. Sie können sich als Gasthörer in Vorlesungen setzen, Recherchekenntnisse erarbeiten und kostenlos Englisch-Sprachkurse besuchen.

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