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Frauen und Technik : Selbst die Mathematik wird weiblich

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Bild: F.A.Z.

Die vielstimmige Klage, dass sich Mädchen „überproportional häufig für typisch weibliche Berufsfelder oder Studienfächer“ entschieden, stimmt so pauschal nicht. Wie man den „Girl's Day“ überflüssig machen kann.

          Heute ist "Girl's Day" - "Mädchen-Zukunftstag". Wenn also an diesem Donnerstag wie schon seit sechs Jahren in ganz Deutschland Tausende Mädchen in Universitäten, Forschungseinrichtungen und Technologieunternehmen gelockt werden, wo man sie für Wissenschaft und Technik begeistern möchte - dann ist das fast schon ein Anachronismus. Denn mangelndes Interesse von Mädchen und jungen Frauen an naturwissenschaftlich-technischen Ausbildungen und Studiengängen ist längst kein umfassendes Problem mehr.

          Die Klage der Veranstalter, eines Verbunds von Bundesregierung, Wirtschaftsverbänden und Wissenschaftseinrichtungen, dass sich Mädchen "im Rahmen ihrer Ausbildungs- und Studienwahl noch immer überproportional häufig für typisch weibliche Berufsfelder oder Studienfächer" entschieden, stimmt so pauschal nicht. Längst sind die meisten neuen Biologen weiblich. Frauen besetzen damit das zukunftsträchtige Feld der Gen- und Biotechnologie. Kräftig nach oben weisen die Kurven auch in der Chemie. Selbst die deutsche Mathematik wird weiblich: Seit neuem stellen Frauen die Mehrzahl der Absolventen. Anders sieht es nur in den Disziplinen Physik und Informatik aus.

          Kein generelles Desinteresse der Mädchen

          Ein generelles Desinteresse von Mädchen an den Naturwissenschaften gibt es also nicht. Die Überlegenheit von Mädchen in der Schulausbildung setzt sich auch in klassisch männlichen Disziplinen an den Universitäten fort. Die eigentlichen Probleme beginnen mit dem universitären Abschluss, auf dem Weg zu den Professuren. "Es ist für mich leichter, einen Ruf in das patriarchale Japan zu bekommen, als an eine deutsche Universität", klagte kürzlich eine Naturwissenschaftlerin bei einer Zusammenkunft deutscher Nachwuchsforscher, die nach Amerika ausgewandert sind. Dort spiegele sich der Erfolg von Frauen in der universitären Ausbildung in der Berufungspolitik. In den Fakultäten seien weibliche Professoren Normalität. Vier der großen amerikanischen Eliteuniversitäten werden inzwischen von Frauen geführt, darunter auch das ingenieurwissenschaftliche MIT in Boston.

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          Für Deutschland zog Bundesforschungsministerin Annette Schavan in der vergangene Woche eine ernüchternde Bilanz. Zwar seien 48 Prozent aller Studierenden Frauen. Bei den Promotionen schrumpfe ihr Anteil aber schon auf 39, bei den Habilitationen auf 23 Prozent. "Nicht einmal jede zehnte C-4-Professur ist von einer Frau besetzt", klagt Schavan. Bei den Führungspositionen in außeruniversitären Forschungseinrichtungen liege ihr Anteil nur bei sieben Prozent. Auch in der industriellen Forschung seien Frauen - mit zwölf Prozent - krass unterrepräsentiert.

          Familienphase beendet die Ausbildung

          Manche Forschungsstrategen wollen zu Mitteln greifen, die längst aus der Mode gekommen sind. "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich einmal für eine Frauenquote werben würde", sagt Ernst-Ludwig Winnacker, der neun Jahre lang die Deutsche Forschungsgemeinschaft geführt hat, die wichtigste Geldquelle der Universitätsforschung. Seit Anfang des Jahres ist er Generalsekretär des neuen Europäischen Forschungsrats ERC. "Wenn der Marsch der Frauen die Hierarchiestufen hinauf so lange dauert wie derzeit, herrscht erst in 250 Jahren Gerechtigkeit." Winnacker weiß aber auch, dass gerade ambitionierte junge Wissenschaftlerinnen Quoten eher ablehnen: "Sie haben Angst, dass keiner eine Quotenprofessorin ernst nimmt."

          Wie lässt sich das Potential, das junge Frauen in der universitären Ausbildung erwerben, dauerhaft entfalten und nutzen? Die Ursachensuche konzentriert sich auf Faktoren, über die zurzeit heiß debattiert wird. Die Ausbildung endet meist dann, wenn Frauen an Familiengründung denken. Vielen Frauen erscheint es mangels Kinderbetreuungsmöglichkeiten und mangels Verständnisses ihrer Vorgesetzten unmöglich, die Balance zwischen Beruf und Familie zu halten. Lange Auszeiten von drei oder mehr Jahren führen in der Wissenschaft fast automatisch zu einem Fadenriss. Man ist nicht mehr drin in der Fachliteratur - und in den kleinen Kreisen, in denen wichtige strategische Entscheidungen fallen. Für viele hochbefähigte Wissenschaftlerinnen bedeuten Kinder noch immer das Ende der Karriere.

          Allerdings wird Familienfreundlichkeit angesichts des wachsenden Anteils von Frauen am Nachwuchs für Universitäten, außeruniversitäre Institute und Forschungsabteilungen von Firmen zur Überlebensfrage. Kinderbetreuungsangebote am Institut, familienfreundliche Arbeitszeiten, Bemühungen, die jungen Mütter weiter in den Kommunikationsfluss am Arbeitsplatz zu integrieren - das sind keine "weichen Faktoren" mehr. Nicht umsonst hat Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard eine Stiftung gegründet, die Frauen mit Zuschüssen zur Kinderbetreuung und für Haushaltshilfen unterstützt. Wenn solche Schwierigkeiten beseitigt sind, bewerben sich viele Frauen auf Spitzenpositionen. Und wenn die Wissenschaft frauenfreundlicher wird, dann braucht man auch keinen "Girl's Day" mehr.

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