https://www.faz.net/-gyl-7lecm

Frauen-Studiengänge : Frauen und Technik

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

In Deutschland gibt es mehrere Studiengänge nur für Frauen. Die sollen ungestört Freude an technischen Fächern entdecken. Wie im Mädcheninternat geht es aber nicht zu.

          Marika Aigner hat schon als Kind gerne in der Werkstatt ihres Vaters gewerkelt. In der Schule interessierte sie sich vor allem für naturwissenschaftliche Fächer. Und als es dann um die Frage ging, was sie nach dem Abitur studieren will, war für die Schülerin die Antwort klar: Maschinenbau. Aber irgendwie erschien ihr dieser Wunsch doch unrealistisch. Maschinenbau - das ist doch was für Männer, dachte Marika. Ein Job, der mit großen Maschinen zu tun hat und für den man körperliche Kraft braucht. „Man bekommt Maschinenbau eben als Männerjob und Männerstudium vermittelt“, sagt die heute 22-Jährige. „Ich habe mich deshalb gefragt, ob ich das wirklich will: Vielleicht als einzige Frau unter Männern im Hörsaal sitzen. Und ob ich fachlich wohl mithalten könnte.“ Sie sah sich also nach Alternativen um - und stieß durch Zufall auf einen Ingenieurstudiengang, der versprach alles andere als ein typisches „Männerstudium“ zu sein: den Frauenstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Wilhelmshaven.

          Rund 30 Frauen pro Jahrgang beginnen hier ihr Studium. Die Studieninhalte sind die Gleichen wie diejenigen ihrer männlichen Kommilitonen. Doch Hörsäle und Seminarräume sind für die Studentinnen männerfreie Zonen. Sie studieren in reinen Frauengruppen. Die Idee: Junge Frauen, die sich für Technik interessieren, sollen hier ungestört von Macho-Sprüchen und Vorurteilen das nötige Selbstbewusstsein entwickeln, um sich in die vermeintliche Männerdomäne eines Technikstudiums zu wagen. „Auch wenn viele junge Menschen das nicht wahrhaben wollen: Bei der Berufswahl spielen Geschlechterklischees heute immer noch eine sehr große Rolle“, sagt Ulrike Schleier, Leiterin des Wilhelmshavener Frauenstudiengangs. „Und noch immer haben viele Frauen das Gefühl, dass sie nicht in die technische Berufswelt passen. Selbst dann, wenn sie sich selbst als emanzipiert und technikinteressiert bezeichnen.“

          So seien auch die noch immer niedrigen Frauenquoten in technischen Studiengängen zu erklären, sagt Schleier. Nur jeder fünfte Studienanfänger in Ingenieur- und Informatikstudiengängen ist eine Frau. „Zurzeit ist die Situation oft so: Nur die selbstbewusstesten und fachlich besonders guten Frauen trauen sich in diese Studiengänge hinein“, sagt Schleier. „Sie stellen sich dabei ganz bewusst der Herausforderung, sich als Frau in einer Männerdomäne durchzuschlagen.“ Viele technisch interessierte Frauen hingegen würden sich das nicht zutrauen, zweifelten an ihren fachlichen Fähigkeiten oder hätten schlicht keine Lust darauf, in Studium und Berufsleben eine Sonderrolle einzunehmen. „Mit dem Frauenstudiengang wollen wir es schaffen, auch diese Frauen für ein technisches Studium zu begeistern. Und ihnen das nötige Selbstbewusstsein mitzugeben, damit sie in diesem Berufsfeld ihren Weg gehen.“

          In den Vereinigten Staaten sind Frauenstudiengänge Tradition

          Vorbild für das Studium unter Frauen sind die amerikanischen „Women’s Colleges“: Eliteuniversitäten nur für Frauen - die stolz auf erfolgreiche Absolventinnen wie die frühere Außenministerin Hillary Clinton oder Amerikas erste Astronautin Pamela Melroy verweisen können. Was in den Vereinigten Staaten Tradition hat, ist in Deutschland eine recht junge Idee: Der Frauenstudiengang in Wilhelmshaven war bei seiner Einführung 1997 der erste seiner Art. Inzwischen bieten vier weitere Hochschulen technische Studiengänge nur für Frauen an: In Stralsund gibt es einen weiteren Bachelor-Frauenstudiengang für Wirtschaftsingenieurinnen. In Bremen, Berlin und Furtwangen können Frauen Informatik in männerfreien Hörsälen studieren. Reine Frauenhochschulen gibt es hierzulande jedoch nicht. Und im Gegensatz zu Amerikas Hochschulen, die Studentinnen bis zum Abschluss ein männerfreies Umfeld bieten, geben die deutschen Frauenstudiengänge den Studentinnen vor allem Starthilfe. Nach einigen Semestern in reinen Frauengruppen sollen sich die Studentinnen mit männlichen Kommilitonen messen.

          In Wilhelmshaven etwa treffen Studentinnen und Studenten nach dem dritten Semester wieder in gemeinsamen Kursen zusammen. Marika Aigner, die inzwischen im fünften Semester studiert, findet das gut. „In den ersten Semestern kommen schon manchmal blöde Sprüche von männlichen Studenten“, berichtet sie. Die „Mädchen“ bräuchten wohl eine Sonderbehandlung, die bekämen ja alles fünfmal erklärt, heißt es dann. Oder: Der Frauenstudiengang sei leichter als das „normale“ Ingenieurstudium. „Zum Teil werden wir belächelt, zum Teil aber auch beneidet, weil wir in kleineren Gruppen lernen können“, sagt die 22-Jährige. Dabei schreiben die Studentinnen dieselben Prüfungen wie die Studenten im gemischten Studiengang.

          Weitere Themen

          Ende der Zeitumstellung 2021? Video-Seite öffnen

          Abschaffung der Zeitumstellung : Ende der Zeitumstellung 2021?

          Der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments hat für eine Abschaffung der Zeitumstellung ab dem Jahr 2021 gestimmt. Darüber, dass künftig nicht mehr zwei Mal jährlich an der Uhr gedreht werden soll, herrscht weitestgehend Einigkeit. Streit gibt es jedoch beim Zeitplan.

          Reparationen gegen Rassismus?

          Wiedergutmachung : Reparationen gegen Rassismus?

          Mehrere demokratische Präsidentschaftskandidaten nehmen die Forderung auf, Afroamerikanern Reparationen für Sklaverei und Rassismus zu zahlen. Ein Konzept dafür haben sie nicht.

          Topmeldungen

          Anlegerschutz : Ach, ihr kleinen Dummerchen

          Vater Staat maßt sich an, besser zu wissen, was gut ist für das Depot der Kinder. Wie weit treibt es der Anlegerschutz noch mit der Entmündigung?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.