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Forschung : Die Umkehrung des humboldtschen Ideals

  • -Aktualisiert am

Aus dem Hause Fraunhofer stammt die Spezialbrille zur Visualisierung virtueller Realitäten. Bild: ddp

Lehre und Forschung sind in Deutschland traditionell getrennt. Das erschwert die Wettbewerbsfähigkeit und ist umstritten.

          Die Idee hörte sich so gut an: Die Universität Karlsruhe und das Energieforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft wollten zum „Karlsruhe Institute of Technology“ (KIT) verschmelzen. Man sprach davon, die Zwei-Klassen-Wissenschaft zu überwinden, in der deutsche Forscher leben. Die Anlehnung war deutlich: Mit einem „K“ statt dem „M“ im Namen dem amerikanischen „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT) Konkurrenz zu machen, das weltweit als eines der führenden Einrichtungen für naturwissenschaftliche Lehre und Forschung gilt. Den Juroren der Exzellenzinitiative im Wettbewerb der Hochschulen gefiel das Projekt sogar so sehr, daß sie Karlsruhe unter anderem deswegen zur Eliteuniversität kürten. Doch leicht geplant, schwer getan. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) erteilte dem ursprünglichen Projekt des KIT zuletzt eine Absage: Kooperation ja, aber ohne die bestehende Grenzen zwischen Universitäten und außeruniversitärem Forschungsinstitut zu überschreiten.

          90 Prozent der Finanzierung aus Steuermitteln

          „Was wir heute mit der fragmentierten Forschungslandschaft haben, ist eine Umkehrung des humboldtschen Ideals“, sagt Rüdiger vom Bruch, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit einer Einheit von Lehre und Forschung, für das Deutschlands Hochschulwesen vor den Weltkriegen berühmt war und mit der man sich auch heute auch noch gerne brüstet, hat die Trennung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und universitärer Forschung wenig zu tun.

          Heute fließt ein Großteil der öffentlichen Mittel für die Wissenschaftsförderung in die außeruniversitären Einrichtungen, die sich nur der Forschung widmen. Der Etat der Max-Planck-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft besteht zu 90 Prozent aus Steuererträgen, nur die Fraunhofer-Gesellschaft bezieht ihre Mittel überwiegend aus privaten Quellen, in der Regel aus der Wirtschaft.

          „Neid auf die Kollegen“

          Insgesamt hat die öffentliche Hand in Deutschland für die außeruniversitären Institute 13,1 Milliarden Euro ausgegeben, die Universitäten und Hochschulkliniken haben 18,6 Milliarden Euro erhalten. Während die Institute der Max-Planck-Gesellschaft oder der Helmholtz-Gemeinschaft Wissenschaftlern hohe Gehälter und gut ausgestattete Labore bieten können, kämpfen die Hochschulen mit chronischer Unterfinanzierung. Denn den Hochschuleinrichtungen, die neben der Forschung auch der Lehre verpflichtet sind, reicht das Geld bei weitem nicht.

          Überfüllte Seminarräume, zu wenig Studienplätze und fehlende Mittel für Forschungsprojekte gehören zum Uni-Alltag wie internationale Spitzenforscher zu den separaten Forschungsinstituten. Rüdiger vom Bruch kann aus eigener Erfahrung von der Diskrepanz der Arbeitsbedingungen berichten. „Man schaut schon mit einem gewissen Neid auf die Kollegen von den außeruniversitären Forschungseinrichtungen“, sagt der Historiker.

          So wird die Diskussion um das KIT und die institutionellen Grenzen paradigmatisch für die Grundprobleme der deutschen Wissenschaftslandschaft. In Deutschlands Forschung werden Finanzierungsquellen geteilt und damit auch die Chancen, eine viel versprechende Position im internationalen Wettbewerb zu gewinnen. Und dabei ist das genau das Ziel.

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