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Flüchtling als Mitbewohner : „Die WG ist meine deutsche Familie“

  • Aktualisiert am

Sarah, Luca, Saidou und Till leben zusammen in einer Studenten-WG in Berlin. Bild: Privat

Die Flüchtlingskrise nur im Fernsehen zu verfolgen - das war den Bewohnern einer Berliner Studenten-WG zu wenig. Deshalb haben sie kurzerhand Saidou aus Niger bei sich einziehen lassen. Hier erzählen sie im Interview von  ihrem Zusammenleben.

          Saidou ist 22 Jahre alt, kommt aus Niger und ist aus Libyen nach Deutschland geflohen. Mittlerweile wohnt er in einer Berliner Studenten-WG mit Geographie-Studentin Luca (22), Theater- und Regiestudentin Sarah (25) und dem Lehramts-Referendar Till (31). Das Zimmer vermittelt hat die Organisation „Flüchtlinge willkommen“, die mehr als 80 Flüchtlingen WG-Unterkünfte besorgt und zum Teil auch finanziert hat. Oft melden sich Studenten als WG-Gastgeber, manchmal auch Senioren oder Familien. Im Doppelinterview erzählen Saidou und Till über ihr WG-Leben.

          Saidou, wie bist du nach Deutschland gekommen?

          Mit dem Boot. Ich komme ursprünglich aus Niger. 2012 bin ich aus Libyen geflüchtet; dort habe ich damals als Schneider gearbeitet. Dann fielen Bomben auf unsere Stadt. Ich bin mit vielen anderen Menschen zusammen mit dem Boot über das Mittelmeer gefahren. Wir hatten Glück. Das Wetter war gut, und wir sind alle heil in Spanien gelandet. Von dort bin ich dann weiter nach Deutschland.

          Till, wie hast du Saidou kennengelernt?

          Bei einem Frühstück in unserer WG im Januar. Wir hatten hier noch ein Zimmer frei. Schon damals hat man viel darüber gehört, wie hart das Leben der meisten Flüchtlinge ist. Wir dachten, uns geht es so gut, und die haben nichts und schlafen in irgendwelchen Zelten. Aber vielleicht können wir ja was tun? Über Freunde und aus dem Internet haben wir dann erfahren, dass die Organisation „Flüchtlinge willkommen“ WGs und Flüchtlinge zusammenbringt. Da haben wir uns dann gemeldet, und die haben uns wenig später Saidou vorgestellt. Er kam zum Frühstück vorbei; die Chemie hat sofort gestimmt.

          Wie war das Kennenlernen für dich, Saidou?

          Wir haben uns gleich sehr gut unterhalten. Das Zimmer fand ich auch schön. Und die Atmosphäre in der WG. Seit ich in Deutschland bin, hatte ich noch nie ein eigenes Zimmer. Sarah, Luca und Till sind jetzt meine deutsche Familie. Hier bin ich zu Hause.

          Wer bezahlt denn das Zimmer?

          Saidou: Ich bezahle 100 Euro im Monat, mehr habe ich nicht.

          Till: Das Zimmer kostet eigentlich 300 Euro. Es gibt einen Mikro-Spenderkreis für die restlichen 200 Euro im Monat. Wir haben da ganz viele Leute aufgetrieben, die einen relativ kleinen Betrag im Monat geben. Unsere Freunde, Familien, Bekannte. Es hätte die Möglichkeit gegeben, dass „Flüchtlinge willkommen“ die Finanzierung für uns organisiert. Das war aber in unserem Fall gar nicht nötig, weil wir es selbst gut hinbekommen.

          Kümmert sich die Organisation sonst noch irgendwie um euch?

          Till: Ja, jede WG bekommt einen sogenannten Paten. An den kann man sich jederzeit wenden, wenn man Fragen oder Probleme hat. Und es gibt halbjährliche Treffen, zu denen alle WGs aus der Region kommen, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Man lernt sich untereinander kennen und kann sich austauschen.

          Was macht ihr als WG in eurer Freizeit zusammen?

          Saidou: Wir kochen zusammen. Ich mache manchmal afrikanisches Essen für meine Mitbewohner. Aber leider mögen sie es nicht so scharf.

          Till: Das ist so übel scharfes Zeug, das kann eigentlich keiner von uns essen. Aber wir essen es trotzdem.

          Saidou: Ich mache inzwischen ein Praktikum in einem Restaurant. Jetzt kann ich auch deutsches Essen ganz gut. Salate, Kartoffelgerichte und so.

          Wobei helft ihr euch gegenseitig?

          Saidou: Sarah und Luca lernen Deutsch mit mir. Till hilft mir, wenn ich Briefe bekomme oder Formulare ausfüllen muss. Dann übersetzt er mir alles ins Französische.

          Till: Wir lernen auch viel von Saidou. Er hat viele internationale Freunde, die wir durch ihn treffen. Wir hören ihre Geschichten und erfahren interessante Sachen über ihre Heimat. Saidou macht auch Musik. Er rappt phantastisch und lädt uns oft zu seinen Konzerten ein.

          Gibt es auch manchmal Streit über den Putzplan - so wie in den meisten WGs?

          Till: Nicht wirklich. Wir haben gar keinen Putzplan, wir machen alle was, dann gibt es auch keinen Streit. Ich würde sagen, wir sind eine sehr entspannte WG. Das Beste am Zusammenleben mit Saidou ist, dass es so normal ist. Dass er einfach ein Mitbewohner ist, wie die anderen auch.

          Saidou: Streit? Nein, warum? Ich bin doch so glücklich hier. Wie gesagt: Das ist meine Familie.

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