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Finanzwirtschaft : Mit Sicherheit ins Amt

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Finanzbeamter werden, das klingt nicht sexy. Doch die Anwärter studieren im Schloss, bekommen sichere Stellen und haben gute Chancen, in die freie Wirtschaft zu wechseln.

          Kommt ein Beamter in die Tierhandlung: „Tut mir leid, ich muss den Goldfisch zurückgeben. Der hat so viel Hektik ins Büro gebracht.“

          Lennart Domnick musste sich einige Witze dieser Art anhören, als er sich beim Finanzamt Herford auf einen Posten im gehobenen Dienst beworben hat. Mittlerweile sind seine Freunde aus der Schulzeit aber recht still geworden, denn der zwanzig Jahre alte Domnick scheint keine verkehrte Berufswahl getroffen zu haben. Er bekommt vom Land Nordrhein-Westfalen ein Diplom-Studium zum Finanzwirt finanziert, dazu ein monatliches Gehalt von mehr als 1000 Euro - und das Beste: er wohnt auf einem Schloss.

          Denn jeder, der einmal Beamter im gehobenen Dienst eines Finanzamts in Nordrhein-Westfalen werden will, absolviert zunächst ein Duales Studium an der Fachhochschule für Finanzen im Schloss Nordkirchen. Hier wollte auch Domnick schon hin, als er seine Bewerbung losschickte. Ihm war es wichtig, dass er schon während des Studiums wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht. „Ich kann mir ein Auto leisten, ich habe meine eigenen Versicherungen. Wenn ich da meine Freunde sehe, die in einer Großstadt um eine Studentenwohnung kämpfen müssen, dann habe ich es richtig gut.“

          Wie in einem Internat

          Domnick und alle anderen Studenten der Fachhochschule für Finanzen zahlen nur 115 Euro pro Monat als Wohnungsmiete, und dafür wohnen sie mitten auf dem Campus, einem westfälischen Schloss aus dem 18. Jahrhundert. Für lange Spaziergänge in den prunkvollen Parkanlagen bleibt allerdings kaum Zeit, denn das Studium zum Diplom-Finanzwirt ist nach Darstellung der Studenten hart. „Sehr hart“, sagt auch Martin Stirnberg, der Leiter der Hochschule. Von halb acht bis mittags um eins haben die Studenten Unterricht, danach: gemeinsames Mittagessen, Hausaufgaben und Lernen. Das Tagesablauf ist fast wie in einem Internat, nur dass der Schulstoff sehr viel anspruchsvoller ist. Vor allem ist das Steuerrecht.

          Wer eine Stunde verpasst, muss aufpassen, dass er den Anschluss nicht verliert. Die „praktischen“ Wochen im Finanzamt, die in der Ausbildung immer zwischen den Hochschulblöcken liegen, sollen dagegen relativ entspannend sein. Insgesamt dauert das Duale Studium drei Jahre. Danach geht es in den Beamtendienst. Und wer möchte, bleibt dort bis zum Rentenalter.

          Auch die Steuerberatungsgesellschaften haben Interesse

          Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, denn auch die großen Steuerberatungsgesellschaften haben ein Interesse an den Diplom-Finanzwirten aus der Verwaltung. Marcus Reif, Recruiting-Chef der Gesellschaft Ernst & Young, sagt, er suche gezielt nach diesen Absolventen. „Das sind die Experten, die wir brauchen. Wer die Duale Ausbildung im Finanzamt gemacht hat, kennt die Zoll- oder Umsatzsteuergesetzgebung bis ins kleinste Detail.“ Ein Betriebswirt von der Universität habe dagegen meist nur wenige Vorlesungen über das Steuerrecht besucht.

          Ernst &Y oung und die anderen großen Steuerberatungsunternehmen kommen aber kaum heran an die jungen Experten. Denn Recruiting-Tage, wie an anderen Hochschulen, oder ein Praktikum in der freien Wirtschaft ist für die Studenten nicht vorgesehen. „Wir bilden ja für das Land aus und nicht für die private Wirtschaft. Ein Unternehmen bietet seine Auszubildenden ja auch nicht auf dem Arbeitsmarkt an, wenn es sie selbst übernehmen will“, sagt der Nordkirchener Schulleiter Stirnberg. „Dass unsere Absolventen einen so guten Ruf haben, dass sie auch bei großen Beratungsunternehmen begehrt sind, freut uns aber natürlich.“

          Die Finanzverwaltung konkurriert mit der freien Wirtschaft - auch um Jura-Studenten. Christian Völker hat beides schon gemacht: ein Praktikum im Finanzamt und eins in einer Anwaltskanzlei für Steuerrecht. Nach seinem ersten Staatsexamen schreibt er jetzt an der Universität Passau seine Dissertation. „Wenn ich auf Studentenpartys erzähle, ich mache Steuerrecht, dann ernte ich selbst unter Juristen ungläubige Blicke“, sagt Völker. Er aber findet Steuerrecht spannend: „Weil sich da jedes Jahr wieder was ändert und man so immer wieder gefordert wird, bei der Lösung eines Falls neue Wege zu gehen.“

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