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Fächerübergreifendes Arbeiten : Erstsemester im Praxistest

  • -Aktualisiert am

Elegant: Die Brücke über die Havel in Rathenow, die über die Bundesgartenschau trägt, wurde von Studenten entworfen. Bild: dpa

Sie bauen Brücken, konstruieren Roboter oder erfinden Tische, die sich selbst reinigen. Studenten arbeiten immer früher an handfesten Projekten. Gerade Abi und schon Praxisschock? Wie sinnvoll ist das?

          Rechts ein Baukran, links ein Baukran, in der Mitte ein gläserner Neubau mit stimulierender Aussicht auf Elbe und Hafen: Es ist die Hamburger Universität für Baukunst und Metropolenentwicklung, bekannt unter ihrer Standortbezeichnung „Hafen City Universität“ (HCU). Der Bezug zu einer überregional bekannten Baustelle ist ebenso gewollt wie die Vereinigung der zuvor getrennt untergebrachten Disziplinen Architektur, Bauingenieurwesen, Geomatik und Stadtplanung unter einem Dach. Die fachübergreifende Zusammenarbeit sei „konzeptionell“, sagt Michael Staffa. Der Professor für Tragwerksentwurf leitet die sogenannte Arbeitsgruppe A+I, Architekt und Ingenieur, die schon Drittsemester an der HCU zu interdisziplinären Entwurfsseminaren einlädt.

          „Bauingenieure lernen zu gestalten, Architekten beschäftigen sich mit ingenieurbautechnischen Fragen. Das hat einen hohen Praxisbezug.“ Und bisweilen handfeste Folgen: Die Brücke über die Havel in Rathenow, die aktuell über die Bundesgartenschau trägt, wurde von Studierenden im Rahmen eines A+I-Seminars entworfen. „Völlig untypisch“, meint der Bauingenieur. Zum einen, weil der Preisträgerentwurf eines studentischen Wettbewerbs normalerweise nicht realisiert wird. Zum anderen, weil Bauingenieure und Architekten selten in einem Seminar zusammensitzen. „Interdisziplinarität ist ein Schlagwort, aber bei Lichte besehen, wird das außer an der HCU noch wenig umgesetzt“, sagt Staffa.

          Aber es gibt weitere Beispiele. An der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Coburg sitzen angehende Bauingenieure und Innenarchitekten in der Fakultät Design zusammen und belegen gemeinsame Seminare. Im zweiten und dritten Fachsemester treffen sie in ihrem Praxisprojekt auf Kommilitonen aus drei anderen Fakultäten - um etwa das Altenheim der Zukunft zu entwerfen, ein Sportprogramm für Schulen aufzustellen oder die E-Bike-Tauglichkeit Coburgs zu prüfen. „Es ist recht hügelig hier, Steigungswinkel von 20 Prozent sind nicht selten“, erklärt Professor Marc Krüger sein Projekt. Aber es ist auch nicht die Landschaft, die ihn von Hannover nach Franken geführt hat, sondern der „Coburger Weg“. So nennt sich der fachübergreifende Ansatz der Hochschule, der interdisziplinäre Projektarbeit in Kooperation mit externen Partnern erprobt - und damit frühe Berufspraxis fördert.

          Fachübergreifendes Arbeiten

          Ist das E-Bike wirklich eine Alternative für das Stadtmarketing, gesund, ökologisch und wirtschaftlich zugleich? Und wie motiviert man Unternehmen, Pendler und Touristen dafür? Das sind die Kernfragen, die der Bürgermeister in Auftrag gegeben hat. Studierende aus der Sozialen Arbeit, BWL, Gesundheits- und Versicherungswirtschaft recherchieren dazu. Architekten und Bauingenieure sind nicht dabei. „Die Studierenden suchen sich Projekte, die zu ihren Interessen passen“, sagt Krüger, ein Professor für Bildungswissenschaft. Wobei es in erster Linie nicht um E-Bikes oder Machbarkeitsstudien geht. „Die Studierenden arbeiten fachübergreifend im Team an einem gemeinsamen Projekt und lernen zugleich das wissenschaftliche Arbeiten.“

          Viele der Studienanfänger kommen über den zweiten Bildungsweg nach Coburg und kennen die Konfliktfelder zwischen sozialen, wirtschaftlichen oder ästhetischen Interessen aus der Praxis. „Der Coburger Weg gibt ihnen die Schlüsselkompetenzen, diese Konflikte zu lösen“, sagt Krüger. Für ihn ist das Projekt einzigartig. Mehr als die Hälfte aller Studienanfänger nehmen daran teil. Die andere Hälfte studiert an naturwissenschaftlichen oder technischen Fakultäten. „Man muss ein paar Zähne ziehen, wenn man so viele unterschiedliche Disziplinen an einen Tisch bringen will“, sagt Krüger. Den Zahn einer einheitlichen Definition beispielsweise, was denn nun unter Interdisziplinarität verstanden werde.

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