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Experimentelle Wirtschaftsforschung : Wie die Leute ticken

Experimente in kleinen Computerkabinen: VWL und BWL sind nicht mehr so theorielastig wie früher Bild: Edgar Schoepal / F.A.Z.

Wer heute Ökonomie studiert, kommt am Labor nicht vorbei. Das gilt nicht nur für die Volkswirtschaftslehre. Auch Betriebswirte simulieren mittlerweile Marketing, Vertrieb oder Unternehmensführung im Labor.

          Das Lehrbuch tut noch so, als habe die Revolution gar nicht stattgefunden. Die Wirtschaftswissenschaften seien keine experimentellen Disziplinen, heißt es auf Seite 23 von Gregory Mankiws Klassiker „Makroökonomik“; Versuche seien nur in seltenen Fällen möglich, wie Astronomen und Evolutionsbiologen müssten sich die Ökonomen mit den von der Geschichte angebotenen Naturexperimenten begnügen und diese im Nachhinein analysieren. „Das Buch ist ansonsten recht gut“, formuliert Joachim Weimann seinen Einspruch. „Aber hier irrt Mankiw.“ Weimann, der an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg Professor für Volkswirtschaftslehre ist, spricht dabei zugegebenermaßen auch in eigener Sache: Er ist seit gut vier Jahren Vorsitzender der Gesellschaft für experimentelle Wirtschaftsforschung, war selbst ein Schüler des Spieltheoretikers und Nobelpreisträgers Reinhard Selten und hat in Magdeburg das größte wirtschaftswissenschaftliche Labor aufgebaut, das es in Deutschland gibt.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In den beiden „Maxlab“ genannten Räumen finden dreißig Probanden Platz; zum Teil in schalldichten Kabinen, zum Teil an durch Stellwände voneinander abgetrennten Computerarbeitsplätzen. In den Experimenten verfügt jeder Teilnehmer nach gemeinsamen Regeln über ein Kapital, typischerweise zehn Euro, das in Abhängigkeit vom eigenen Verhalten und dem der anderen Teilnehmer in mehreren Spielrunden zu- oder abnimmt - und am Ende wirklich ausgezahlt wird. Die klassische Frage ist, ob die Teilnehmer ihr Heil im Egoismus suchen oder die Kooperation mit ihren unbekannten Nebenleuten wagen.

          Alles in einen Topf?

          An diesem Tag steht im Maxlab eine Premiere an. Um gleichzeitig mit hundert Probanden arbeiten zu können, werden Labore in Bonn, Göttingen und Essen zugeschaltet. Seit einer Woche laufen die Vorbereitungen für das Großexperiment, die Leinwand für die Live-Übertragung aus den drei anderen Städten hängt an der Wand, die Spielregeln liegen bereit. In jeder Runde können die Spieler wählen, wie viel Kapital sie in einen gemeinsamen Topf geben. Die darin enthaltene Summe wird verdoppelt und dann gleichmäßig an alle Spieler ausgezahlt.

          Wenn alle alles in den Topf einzahlten, wäre der Gewinn am größten. Aber wer weniger gibt als der Durchschnitt, kann die anderen übervorteilen. „Nur mit so vielen Spielern können wir die einzelnen Summen niedrig genug halten, um wirklichkeitsnah den Umgang von Individuen mit einem öffentlichen Gut zu simulieren“, erläutert Weimann. Geplant sind 64 Durchläufe, mit immer wieder leicht veränderten Regeln und anderen Probanden.

          „Zwei Kästen und ein Pfeil dazwischen, das ist vorbei“

          Zu viel Aufwand für eine bloße Simulation? „Das Experiment ist neben der Umfrage und der Nutzung von Datenbanken die dritte Möglichkeit, um die Wirtschaftswissenschaften auf eine empirische Basis zu stellen“, verteidigt Martin Weber den Aufwand. Er ist Professor für Betriebswirtschaftslehre in Mannheim. „Und so viel Empirie wie heute war nie“, fasst er die Lage in seinem Fach zusammen. Rein theoretisch und beschreibend lasse sich BWL nicht mehr betreiben. „Zwei Kästen und ein Pfeil dazwischen, das ist vorbei“, sagt er in Anspielung auf althergebrachte Lehrbuchpraxis. Grob geschätzt, gründeten fünf Prozent der zurzeit publizierten wissenschaftlichen Literatur allein auf mathematischen Modellen, der Rest baue auf empirischen Befunden auf. „Im Marketing ist das schon lange so, inzwischen aber auch im Vertrieb, bei den Steuerfachleuten, in der Unternehmensführung - bei allem, was mit Entscheidungsverhalten zu tun hat.“ Dass die Teilnahme an einer Übung mit Experiment im Bachelorstudium nicht mehr verpflichtend sei, liege nur an der Zunahme der Studentenzahl - das Labor habe Grenzen.

          „Wir sind gut gebucht“, versichert auch Joachim Weimann in Magdeburg. Für den Pilotdurchlauf des aktuellen Großexperiments ist das Labor schon lange reserviert. Pünktlich sind die Probanden da, allesamt Studenten, deren Teilnahme in einer Kartei registriert wird. In zehn Runden fällt der durchschnittlich in den Gemeinschaftstopf gezahlte Betrag von 36 auf 7 Euro. „Daran lernt man, wie die Leute ticken“, sagt Weimann. Höchste Zeit, dass davon bald etwas in den Lehrbüchern steht. Sebastian Balzter

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