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Ethnologie : Die Sehnsucht nach dem Fremden

  • -Aktualisiert am

Der Exot hat mehr zu bieten als er selber ahnt Bild: fotolia.com

Ethnologie studieren, das ist das Ticket in die Arbeitslosigkeit. Diese Vorstellung ist verbreitet - aber sie ist falsch. Beratung, Kommunikation, Politik: So schlecht sind die Aussichten für Völkerkundler nicht.

          „Was sagt ein arbeitsloser Ethnologe zu einem Ethnologen, der Arbeit hat? Bitte einmal Pommes mit Mayo.“ Derart zynische Witze sind in Ethnologenkreisen nicht unbekannt. Aber verbirgt sich dahinter bitterböse Realität, sind die Berufsaussichten für Ethnologen wirklich so düster? Keineswegs.

          Die Chancen der Ethnologen sind gar nicht so schlecht. Allerdings müssen dafür sowohl Unternehmen und auch die Ethnologen selber die Qualitäten dieser Ausbildung erkennen. Dann könnten beide Seiten voneinander profitieren. Das ist auch notwendig. Denn allein die wissenschaftlichen Stellen in Deutschland reichen nicht aus, um alle hier ausgebildeten Völkerkundler in Arbeit und Brot zu bringen.

          Im Wintersemester 2005/2006 gab es insgesamt 3864 Ethnologiestudenten, zu viele um an den 19 ethnologischen Universitätsinstituten und 21 Völkerkundemuseen in Deutschland unterzukommen. Dennoch hält sich das Interesse an der Ethnologie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf konstantem Niveau.

          Mal im Ernst: Ist das eine Ethnologin?

          Besonders Frauen schätzen das Studium der Völkerkunde: ihr Anteil lag in den vergangenen Jahren bei 70 Prozent. „Der Andrang ist nach wie vor vorhanden. Unter den kleinen Studienfächern ist die Ethnologie zweifellos eines der größten“, sagt Karl-Heinz Kohl, Professor am Institut für Historische Ethnologie in Frankfurt.

          Verführerische Themen

          Aber was macht den Mythos der Völkerkunde aus? „Als ein Beweggrund für das Ethnologiestudium spielt nach wie vor die Sehnsucht nach dem kulturell Fremden eine wichtige Rolle“, erklärt Kohl. Dies sieht Mark Münzel, Professor der Völkerkunde an der Marburger Philipps-Universität ebenso. Es ist ein Fach mit interessanten Themen und daher verführerisch. „Die Studenten haben heute im Vergleich zu früher aber weniger Illusionen, vor allem über ihre Berufsaussichten“, sagt Münzel. Dabei werden die Qualitäten der Ethnologen unterschätzt.

          Vielen Arbeitgebern sind die Kompetenzen der Völkerkundler eher unbekannt. Das Image der Ethnologie in der Öffentlichkeit ist widersprüchlich. „Auf der einen Seite existiert das Bild von der Orchideenwissenschaft, die sich mit obskuren Riten beschäftigt, und zudem nicht sehr aktuell ist“, beschreibt Münzel. „Das andere, sehr positive Bild ist, dass die Völkerkundler als einzige in der Lage sind, eine fremde Kultur zu erforschen und zu verstehen.“ So zählen neben Universitäten und Museen auch Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit zu den klassischen Arbeitgebern. Viele Ethnologen sind auch im Medienbereich, Bildungssektor, Verlagswesen, Tourismus oder Kunst- und Kulturbereich zu finden. „Die Mehrzahl der Ethnologieabsolventen arbeiten aber fachfremd“, berichtet er.

          Fähigkeit zum Perspektivenwechsel

          Es gibt jedoch Arbeitsbereiche, für die Ethnologen besonders geeignet wären. Das teilnehmende Beobachten und Einlassen auf die Lebenswelt von Anderen, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, um die Welt mit den Augen des Anderen zu sehen und zu verstehen, lässt sich zum Beispiel in der Unternehmensberatung und der Personalentwicklung einbringen. „Vor allem in den Vereinigten Staaten gibt es die Tendenz, Ethnologen als Unternehmensberater einzustellen“, sagt Kohl. „Diese machen ja im Grunde ethnografische Forschung, man bedient sich des Blicks von außen.“

          So sucht zum Beispiel McKinsey in Deutschland zwar nicht gezielt nach Ethnologen, engagiert aber grundsätzlich Bewerber aller Fachrichtungen. „Nur 52 Prozent unserer Berater sind Wirtschaftswissenschaftler“, sagt Pressesprecherin Kirsten Best-Werbunat. „Es geht bei uns um die Fähigkeit, analytisch zu denken und systematisch an Probleme heranzugehen, da können auch Ethnologen aktiv sein.“ Auch der weltgrößte Chemiekonzern BASF beschäftigt Ethnologen, die zum Beispiel im Personalwesen oder der Unternehmenskommunikation arbeiten.

          International gut einsetzbar

          Vor allem Unternehmen, die international arbeiten, wissen die Fähigkeiten der Ethnologen zu schätzen. So auch der Ölmulti Shell: „In bestimmten Regionen steht Shell vor der Herausforderung, mit indigenen Völkern zusammenzuarbeiten, um den Erfolg seiner Projekte zu sichern. Gleichzeitig sollen die traditionellen Existenzgrundlagen und Lebensweisen dieser Gruppen durch die Arbeit nicht geschädigt werden“, erklärt Matthew Bateson, Kommunikationschef von Shell Europa. „Ethnologen helfen Shell, sicher zu stellen, dass das Unternehmen zuhört und versteht, welche Sorgen bestehen.“

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