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Ethik an der Uni : Die Frage nach der Moral

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z./Tresckow

Studenten möchten immer häufiger über ethische Themen diskutieren. Erste Hochschulen reagieren auf diesen Wunsch. Doch vor allem in den Wirtschaftswissenschaften bleibt noch viel zu tun.

          „Macht euch die Erde untertan“: Der Moses-Spruch aus dem Alten Testament sei lange falsch verstanden worden, moniert Sebastian Kistler. Nicht erst seit der Atomkatastrophe von Fukushima sei den meisten Menschen klar, dass es unethisch sei, die Natur schonungslos auszubeuten - gerade auch aus christlicher Sicht. Kistler ist Philosoph und katholischer Theologe und berät Studenten, die sich für den neuen Masterstudiengang Umweltethik an der Universität Augsburg einschreiben wollen. Seit vergangenem Herbst bietet ihn die katholische Fakultät an. Angemeldet haben sich bislang aber nur drei Studenten. „Es muss sich wohl erst herumsprechen, dass es ihn gibt“, meint Kistler.

          Der interdisziplinäre Studiengang richtet sich an Theologen, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. „Klimawandel und Armutsbekämpfung sind die dringendsten Fragen überhaupt“, findet Kistler. Und: „Ethisch argumentieren muss man lernen.“ Deshalb verschaffen die einzelnen Module nicht nur Einblick in die Ethikgeschichte, sondern auch in technische und rechtliche Fragen. Sie sollen die Kandidaten debattenfest machen.

          „Wir treffen offenbar den Nerv der Zeit“

          Ethik ist ein Thema, das sich an den Hochschulen langsam einen neuen Status erobert. Es bleibt nicht länger auf die Seminare philosophischer oder theologischer Fakultäten beschränkt. Das Thema sei nicht neu, sondern nur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „aus der Mode“ gekommen, meint der amerikanische Bioethiker Peter Singer. Und nun kommt es mancherorts wieder in Mode. „Angewandte Ethik“ heißt zum Beispiel ein Masterstudiengang, den die Universität Münster zusammen mit dem Zentrum für Nonprofit-Management (NPM) anbietet. Seit dem Beginn im Jahr 2004 haben mehr als 50 Absolventen zwischen 25 und 70 Jahren den „Master of Advanced Studies in Applied Ethics“ absolviert. „Und die Zahlen wachsen weiter“, sagt NPM-Geschäftsführerin Ilona Agoston. Sie spricht von einem in ganz Deutschland einzigartigen Angebot. „Wir treffen damit offenbar den Nerv der Zeit.“ Immerhin kostet der Studiengang 6900 Euro und ist berufsbegleitend. Zu 80 Prozent sind die Teilnehmer Ärzte, es sind aber auch Sozialarbeiter, Pflegepädagogen und Mitarbeiter aus Wirtschaftsunternehmen dabei. „Viele fühlen sich im Beruf mit schwierigen Entscheidungen überfordert. Vor allem im medizinisch-pflegerischen Bereich häufen sich die Probleme“, sagt Agoston.

          Die Geschäftsführerin selbst ist über Umwege zur Ethik gelangt. Das gilt für viele, die sich in diesem Bereich bewegen. Zunächst unterrichtete sie in Rumänien Grundschulkinder, später studierte sie Diakoniewissenschaften in Heidelberg, arbeitete nebenher in der Altenpflege und schrieb, weil sie „das Thema innerlich so bewegt“ habe, ihre Doktorarbeit zum Thema „Menschenwürde in der Pflege“.

          Frauen ist Image und Ethik im Berufsleben wichtig

          Hat die neue Konjunktur von Ethik auch damit zu tun, dass immer mehr Frauen im Berufsleben aktiv sind? Eine Langzeitstudie der Universität Bochum unter Leitung des Psychologen Heinrich Wottawa legt diese Vermutung nahe. Die im März veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass Frauen im Berufsleben Image und Ethik besonders wichtig sind, Männern Geld und Macht. Doch formiert sich auch in den Wirtschaftswissenschaften, die traditionell viele Männer anziehen, starker Widerstand gegen die Vernachlässigung ethischer Aspekte. Das Studentische Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik (Sneep) kämpft für eine feste Verankerung dieses Themas an den Hochschulen. In einer Netzwerk-Umfrage Ende 2009 plädierten zwei Drittel der befragten Studenten dafür, dass Wirtschafts- und Unternehmensethik Pflichtfächer in der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung sein sollten. Bislang sei jedoch „wenig geschehen“, beklagen die Netzwerker. Der Bremer Ökonom Rudolf Hickel findet diesen Zustand „unverantwortlich“. Die viel beschworene „gute Kinderstube“ reiche nicht aus. Ethisches Verhalten müsse an komplexen Entscheidungsbeispielen geübt werden.

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