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Erfolgreiches Projekt : Eltern-AG gibt armen Familien Hilfe zur Selbsthilfe

  • -Aktualisiert am

Kinder aus armen Familien schaffen häufig den Aufstieg nicht. Bild: dpa

Ein schlechter Start ins Leben mündet oft in Arbeitslosigkeit, Gesetzeskonflikte und neuerliche Armut. Deshalb haben Wissenschaftler eine Eltern-AG erfunden - in der sich Eltern aus unterprivilegierten Schichten gegenseitig helfen.

          In Armut geborene Kinder haben nur geringe Aussichten, ihrem sozialen Umfeld zu entkommen. Denn der schlechte Start ins Leben mündet vielfach in Schulabbrüche, Arbeitslosigkeit, Gesetzeskonflikte und neuerliche Armut. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, haben Wissenschaftler um den Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Meinrad Armbruster von der Hochschule Magdeburg-Stendal und die Sozialpädagogin Janet Thiemann vor einigen Jahren die „Eltern-AG“ ins Leben gerufen. Was als Pilotprojekt in Sachsen-Anhalt begann, ist mittlerweile in fast allen Bundesländern vertreten. Denn der Erfolg des Programms, das von der Jacobs Foundation jetzt mit dem „Best Practice Prize 2013“ ausgezeichnet wird, kann sich sehen lassen.

          Unterstützt von erfahrenen Pädagogen, den Mentoren, erhalten Mütter und Väter aus unterprivilegierten Schichten professionelle Hilfe zur Selbsthilfe. Sie lernen dabei, wie sie ihre Elternrolle zum Wohl ihrer Kinder besser wahrnehmen können. „Solche Eltern leben oft in sehr beengten Verhältnissen, sind mit der Erziehung überfordert und leiden unter ihrer sozialen Ausgrenzung. Nervt dann noch der Sohn oder die Tochter, verlieren sie leicht die Nerven“, erklärt Armbruster. „Im gemeinsamen Gespräch zeigen wir ihnen dann Wege auf, wie es ihnen trotz der erdrückenden Alltagssorgen gelingen kann, den Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden.“

          Mit der pädagogischen Kompetenz wachse zugleich das Selbstvertrauen. „Aus Scham, aber auch aus Angst vor unerwünschten Eingriffen des Sozialamts wagen es viele bedürftige Eltern nämlich nicht, die verfügbaren Hilfsangebote anzunehmen. Auch zu uns kommen sie in aller Regel nicht von allein.“

          „Eine Win-win-Situation“

          Den ersten Schritt machten daher meist die Mentoren. Gute Orte, um mit hilfsbedürftigen Eltern in Kontakt zu treten, sind laut Armbruster beispielsweise Spielplätze und Secondhand-Läden für Kinder. Auch von Kita-Mitarbeitern erhielten sie oft Hinweise, welche Eltern Hilfe benötigen könnten. Seit dem Startjahr 2004 haben mehr als 1630 Eltern mit zusammen 3800 Kindern an den Programmen der Eltern-AG teilgenommen. „Mehr als achtzig Prozent bleiben bis zum Schluss bei der Stange, und 77 Prozent treffen sich auch danach weiterhin mit den Mitgliedern ihrer Gruppe“, sagt Armbruster. „Für die Eltern ist das eine Win-win-Situation. Treten Probleme auf oder benötigen sie jemanden, der ihnen abends das Kind abnimmt, können sie sich gegenseitig unter die Arme greifen.“

          Die Eltern-AG operiert freilich nicht im Alleingang, sondern sie wird von mehr als fünfzig Kooperationspartnern tatkräftig unterstützt, darunter große überregionale Träger wie die Caritas und die Diakonie und kleinere Einrichtungen, etwa private Kindergärten.

          Welche weitreichenden Folgen Armut für die psychische, soziale und gesundheitliche Entwicklung von Kindern hat, illustrieren die Erkenntnisse des zweiten Preisträgers der Jacobs Foundation, des amerikanischen Wissenschaftlers Greg Duncan von der School of Education an der University of California in Irvine. Wie der Ökonom unter anderem zeigen konnte, leben Familien mit geringem Einkommen oft in riskanten, dem Kindeswohl wenig zuträglichen Nachbarschaften.

          Diese sind mitunter einflussreicher als die ökonomische Lage der Eltern selbst. Denn ziehen die Eltern aus den elenden in weniger arme Wohnviertel, geht es ihren Söhnen und Töchtern

          im späteren Leben psychisch und gesundheitlich meist deutlich besser - und zwar auch dann, wenn sich die finanzielle Situation der Familie im neuen Umfeld selbst gar nicht spürbar geändert hat.

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