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Nach dem Studium : Mit Musik Geld verdienen

Vom Straßenmusiker zum Chartstürmer: Mike Rosenberg, alias Passenger auf dem 48. Jazzfestival in Montreux, ist derzeit eines der beliebtesten Synonyme für solche Erfolgsgeschichten. Bild: dpa

Die Zahl der Musikstudenten steigt. Das Leben nach dem Abschluss des Studiums ist aber meist hart. Was sie tun müssen, um nicht auf der Straße zu enden: Zwei Beispiele, die es geschafft haben.

          Das Publikum ist schuld. Die Fans haben Menzel Mutzke in die populäre Musik getrieben. In diesen Wochen spielt der 29 Jahre alte Jazztrompeter vor Zehntausenden Menschen mit Moop Mama, als Vorband von Jan Delay, und auch wenn er mit der zehn Mann starken Band auf eigener Tour ist, sind die Hallen ausverkauft. Moop Mama macht zwar keine Popmusik, aber Mutzke spielt nun deutlich populärere Stücke als noch vor einigen Jahren.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Als Mutzke im Jahr 2012 zu der Band Moop Mama kam, war er dabei schon ein erfolgreicher Jazztrompeter. Er hatte sogar auf dem weltberühmten Jazzfestival in Montreux gespielt, bei namhaften Musikern studiert, Preise gewonnen, eigene Kompositionen geschrieben und ein Diplom in der Tasche. Aufgetreten war er aber meist vor gesetztem Publikum, dort herrschte Zurückhaltung statt Ekstase. Mutzke war unsicher, ob er in seinem Beruf dauerhaft nur Jazz spielen wollte.

          Die Wende kam so: Mutzke sollte eine Tour als Aushilfe begleiten, weil ein Trompeter die Band verlassen hatte. Ein paar Tourstopps für eine feste Gage, mit der Bedingung, 25 Lieder auswendig zu spielen. Er nahm sich vor, das als ein weiteres Engagement in seiner Freiberuflichkeit zu sehen, doch schon beim ersten Auftritt in Frankfurt merkte er, dass ihm Moop Mama etwas geben kann, was er damals vermisste. „Es hat mich beeindruckt, was für eine Energie diese Band hat und was das Publikum ihr zurückgibt“, sagt Mutzke heute.

          Manch einer unterrichtet mehr, als er selbst spielt

          Menzel Mutzke, ein Musiker, der in zwei Genres erfolgreich ist - und damit ein Sonderfall. Je nachdem, ob sich Musikstudenten auf Jazz, Orchestermusik oder Popmusik spezialisieren, treffen sie am „Arbeitsmarkt“ auf verschiedene Voraussetzungen, doch eins eint alle Studiengänge: Die Situation für Absolventen ist nicht gut. Die Bezahlung für Musiker ist oft schlecht, kaum einer kann allein vom Musikmachen leben. So arbeiten viele in einem „Patchwork-Verhältnis“, wie es der Deutsche Musikrat nennt, der die Interessen von Instrumentalisten bis Sängern vertritt. Das bedeutet, dass sie nicht nur musizieren, sondern auch unterrichten. Das aber liegt nicht jedem. Auch Menzel Mutzke hat während seines Studiums in Köln Trompete unterrichtet, aber nur einmal pro Woche. „Wenn ich vier Tage pro Woche unterrichten müsste, würde ich aufhören mit der Musik“, sagt Mutzke.

          Für Musiklehrer liegt das Durchschnittsgehalt bei 12 000 Euro pro Jahr. „Das ist doch skandalös“, sagt Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats. Auch wenn das Gehalt schlecht ist, so sieht Höppner, der selbst Violoncello unterrichtet, für den Lehrer daran viel Gutes: Musiker erweiterten ihren Horizont, wenn sie nicht nur ihr Instrument beherrschten, sondern es auch anderen vermitteln könnten. Er sieht eine enorme Diskrepanz in der Bedeutung von Kultur und deren Finanzierung: „Alle finden sie wichtig, aber gleichzeitig wird in vielen Bereichen von Ländern und Kommunen gekürzt.“

          Gleichzeitig nehmen die Zahlen der Studenten zu. Nach den aktuellsten Zahlen die das Deutsche Musikinformationszentrum erhebt, studierten im Wintersemester 2012/2013 knapp 32.000 junge Musiker in Deutschland, Tendenz steigend. Die Abbruchrate ist gering. Wer sich für das Studium entscheidet, hat meistens schon viel Zeit und Geld in die musikalische Ausbildung investiert. Insgesamt gab es im Jahr 2012 rund 75.000 erwerbstätige Musiker, davon arbeitete mehr als die Hälfte freiberuflich, Ende des vergangenen Jahres waren bei der Künstlersozialkasse (KSK) knapp 50.000 als selbständig gemeldet, vor zehn Jahren waren es noch rund 20 000 weniger. Das Problem: Wer über die KSK versichert ist, darf nur eine künstlerische Tätigkeit ausüben, also als Musiker höchstens Unterricht geben, aber nicht etwa zudem noch Taxi fahren.

          Glamour wirft nicht immer Geld ab

          Mutzke ist eine Ausnahme. Er muss weder Taxi fahren, noch Unterricht geben, aber auch seine neue Welt der Popmusik stellen sich viele Menschen glamouröser vor, als sie ist. Nachwuchsmusiker, die über Youtube-Videos zuerst an Plattenverträge und dann zu Weltruhm kommen, sind immer noch die Ausnahme. In der Popmusik gibt es zwar höhere Gagen als in anderen Genres, aber auch mehr Menschen, die davon bezahlt werden müssen. Zehn Leute auf der Bühne, zwei Techniker, ein Bus für die Tour - was glamourös klingt, muss nicht zwingend viel Geld abwerfen. Wichtig sind daher für Bands wie Moop Mama die Fanartikel: T-Shirts oder Vinylplatten, die sie nach den Konzerten verkaufen. Jazzclubs zahlen oft nur geringe Gagen, die Künstler finanzieren sich, indem sie in verschiedenen Combos auftreten und ihre Musik selbst verkaufen.

          So wie Jonas Pirzer. Der Jazz-Schlagzeuger hat mit zwei Freunden ein kleines Plattenlabel aufgemacht, auf dem sie ihre Musik über das Internet verkaufen. Doch Pirzer vertritt auch als Geschäftsführer der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) die Interessen seiner Branchenkollegen. Die setzt sich etwa dafür ein, dass Jazzclubs, die zu mindestens einem Drittel öffentlich gefördert werden, eine Mindestgage von 250 Euro pro Musiker und Auftritt bezahlen. Zudem will die UDJ auch die Jazzmusiker dazu ermutigen, sich nicht unter Wert zu verkaufen, denn viele Jazzer nehmen mangels Alternativen auch schlechtbezahlte Engagements an.

          Während seines Studiums hat der heute 28 Jahre alte Pirzer gemerkt, dass auch vielen seiner Kommilitonen eine Organisation fehlte, die ihre Interessen vertritt. Ein großes Problem vieler Kreativer: Sie vermarkten sich selbst nicht gut. Es mangelt an professionellen Webauftritten und unternehmerischer Denke. „Jazz ist Hochkultur, das frisst viel Energie und Zeit“, sagt Pirzer, „da kann ich verstehen, dass sich viele Musiker nicht um die Selbstvermarktung kümmern können.“ Ihm mache das Management aber Spaß, sagt Pirzer. Deshalb hat er an seine Jazzausbildung, die er in diesem Jahr abgeschlossen hat, noch einen Master in Kommunikations- und Kulturmanagement angehängt.

          In der Not gründen viele selbst ein Orchester

          Die Beobachtungen Pirzers decken sich mit Studien: Heiner Gembris, Professor für Musikpädagogik an der Universität Paderborn, hat im Frühjahr auf der „Zukunftskonferenz Musikhochschulen“ über den Stand im Arbeitsmarkt für Musiker berichtet. Gembris hatte 2005 seine Absolventen befragt, eine ähnliche Studie gab es in Österreich vor vier Jahren. Die Ergebnisse ähneln sich: Viele Musikstudenten und Absolventen fühlen sich von den Musikhochschulen nicht ausreichend auf „die Realität am Arbeitsmarkt“ vorbereitet. Angesichts der steigenden Zahl von Freiberuflern schlägt Dembris vor, dass an Musikhochschulen häufiger erfolgreiche selbständige Musiker lehren sollten. In seinem Diplomstudiengang hat Jonas Pirzer praktische Tipps für den Berufsalltag auch vermisst. Der Bedarf aber ist da.

          Den größten Anteil der Musikstudenten machen Orchestermusiker aus. Auch in der klassischen Musik wird der Arbeitsmarkt für Absolventen härter. Festanstellungen werden dort vor allem über Planstellen in Rundfunkorchestern vergeben. Doch die Planstellen werden von Jahr zu Jahr weniger, in diesem Jahr waren es nach Zahlen der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) noch 9925, das sind knapp 100 weniger als vor vier Jahren. Die Orchestervereinigung beklagt bereits, dass im Jahr 2016 noch mal 80 Stellen wegfallen, weil zwei Orchester des Südwestrundfunks zusammengelegt werden sollen. „Da stellt sich für viele junge Musiker die Frage, was mit ihnen passiert“, sagt Gerald Mertens, Vorsitzender der Deutschen Orchestervereinigung. Wie bekommen die nach dem Studium eine Stelle im Orchester?

          Manche junge Musiker wählen da einen besonderen Weg. Sie machen einfach selbst ein Orchester auf, wie Clemens Seemann mit dem Ensemble Kammerton. Dort spielen seit dem vergangenen Jahr knapp 40 ehemalige Musikstudenten aus Norddeutschland zusammen. „Wir wollten Musik machen, und zwar nicht auf der Straße gegen Kleingeld“, sagt Seemann. Im nächsten Jahr will das Ensemble Kammerton 15 Konzerte spielen, dazu CDs und vielleicht DVDs produzieren. Das Orchester bringt die klassische Musik näher an den freien Markt. Das ist zumindest das Ziel von Seemann und seinen Orchesterkollegen.

          Denn bislang sind Klassikorchester meist stark subventioniert. Das Ensemble Kammerton ist aus der Jungen Norddeutschen Philharmonie entstanden, die Seemann schon 2009 als Orchester für Musikstudenten mitgegründet hat. Er spielte damals im Bundesjugendorchester Klarinette und erdachte das Orchester mit zwei Freunden als Ausbildungsplattform für junge Musiker im norddeutschen Raum. Reich werden die Musiker im Ensemble Kammerton aber vermutlich auch nicht. Doch ist es ein zweites Standbein in Zeiten, in denen die Planstellen gekürzt werden. So schreibt die Bratschistin Kari Träder, genauso wie Seemann Jahrgang 1988, auf der Seite des Ensembles Kammerton: „Die Idee, auf dieser Arbeit einmal einen Teil der eigenen Existenz aufbauen zu können, macht absolut süchtig.“ Träder hat derzeit einen Zeitvertrag für ein Jahr bei den Philharmonikern in Bremen und spielt in ihrem eigenen Trio. Clemens Seemann aber, der Vorsitzende der Jungen Norddeutschen Philharmonie, hat sich selbst gegen ein Musikstudium entschieden. Er studiert Physik statt Klarinette und kümmert sich vor allem ums Netzwerken. „Ich bin an der Laptop-Tastatur stärker als an der Klaviatur“, sagt Seemann. „Doch ich verliere mein Musikerherz nie.“

          Flaute in der Klassik: Die Zahl der Stellen in Orchestern geht zurück. Mancher macht sich selbständig.

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