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Erasmus-Studium : Nachhaltiges Trinken macht die Pflege der Fremdsprache entbehrlich

  • -Aktualisiert am

Internationale Erfahrung oder permanentes Trinkgelage? Erasmus-Jahre haben zwei Gesichter. Bild: dpa

Erasmus-Stipendien gelten als Maß der Internationalität im Hochschulsystem. Für viele ist das Auslandsstudium aber nur eine einzige Party - mit ungeahnten Abgründen.

          Inmitten der Kürzungswüste des neuen EU-Budgets sind die Bildungsprogramme, darunter das Studentenaustauschprogramm Erasmus, Oasen der Zuwächse. Kaum ein Budgetposten ist so wenig umstritten wie das Subventionsprogramm für Auslandssemester: interkulturelle Kompetenzen, Völkerverständigung, die Förderung junger Menschen, eine Investition in die Zukunft Europas.

          Die Berichte der Erasmus-Studenten selbst sind feuchtfröhlicher. Aus deren Mündern klingt der Erasmus-Austausch wie das funktionale Äquivalent zum amerikanischen Spring Break, den kurzen Frühlingsferienfeiern aus Alkohol und Promiskuität, die Gegenstand vieler Collegefilme sind.

          Niemand stört die Partylaune

          Der erste Schritt des Austausches ist die Abgrenzung. Die Erasmus-Studenten werden meist in einem speziellen Wohnheim isoliert, wo sich niemand an ihrer robusten Partylaune stört, außer die Erasmusstudenten, die zum Studieren gekommen sind. Einheimische gibt es dort nicht. Die Austauschstudenten lernen schnell das Prosten in der Landessprache, aber oft bleibt es dann bei dieser einen Vokabel. Schlechtes Englisch ist die Sprache des guten Erasmus-Studenten, ein Englisch des kleinsten gemeinsamen Nenners. Und der Erasmus-Austausch ist so erfolgreich, dass man an jedem Studienort Europas immer eine eingeschworene Gruppe der eigenen Nation findet.

          Das Wörtchen „Erasmus“ dient der täglichen Entschuldigung des Katers und ist auch akzeptierte Ausrede dessen, der beim Pubcrawl als Erster auf allen vieren geht. Erasmus-Partys gelten als die härtesten. Europa ist im Suff vereint. Man hat allen Grund, auf den Frieden zu trinken.

          Auf der neuen Website erasmusconfession.com können Austauschstudenten anonym ihre Erfahrungen hinterlassen. Nummer 467 gesteht: „Ich war auf einer Party und trank Wodka, den ein polnischer Junge gemischt hatte. Ich trank so viel wie er - die halbe Flasche. Dann musste ich ins Krankenhaus. Er hat mich dorthin getragen.“ Nummer 418 begeistert sich: „Ich bin Französin, ich hatte eine Duschparty mit fünf Mädchen und einem glücklichen, gutaussehenden, sexy Boy! It was fucking awesome. Und wir haben das ganze Shampoo verbraucht!“ Nummer 375 ergeht sich in Nostalgie: „Im Erasmus habe ich gelernt, Alkohol zu trinken. Ich habe eine neue Kindheit entdeckt. Und ich möchte nicht, dass es aufhört. Für immer jung! Für immer Erasmus!“

          Doch es gibt auch Kommentare von Spielverderbern, wie etwa Nummer 437: „Aus allem, was ich bisher auf dieser Seite gelesen habe, kann ich nur schließen, dass ihr alle geistlose und oberflächliche Menschen seid . . . Gibt es irgendetwas anderes, dass ihr machen wollt, während ihr in diesem fremden Land seid, außer Geschlechtsverkehr zu haben und euch die Kante zu geben? Erbärmlich.“

          Ein Konzept für mehr Verantwortung

          In die Kerbe dieser Spielverderber schlägt auch eine Initiative des internationalen Erasmus-Studentennetzwerks und des Spirituosenherstellers Pernod Ricard: „Responsible Party“. Seit drei Jahren betreiben sie Aufklärung, „um den sozialen Aktivitäten der Erasmus-Studenten eine Nachhaltigskeitsdimension hinzuzufügen“. Auf der Website kann man sich entsprechendes Aufklärungsmaterial bestellen. Poster etwa mit Botschaften wie: „Iss, bevor du ausgehst!“, „Don’t drink and drive!“, „Sei smart, trink auch Wasser.“

          Allerdings gibt es noch keine entsprechenden Lehrveranstaltungen, für die Credit Points vergeben werden. Zumindest Trinkerfahrungen sind noch vor EU-verordneter Verschulung sicher. Das Responsibility-Konzept lässt sich wunderbar auf jede herkömmliche Party aufschnallen. Es müssen nur reichlich Infomaterial und kostenloses Wasser verteilt werden. Weiterhin kann man die ersten hundert Gäste damit locken, dass sie kostenlosen Schnaps kriegen, denn sie trinken ihn ja nun verantwortungsvoll.

          Als Beitrag zu der Kampagne hat das örtliche Erasmus-Netzwerk in Trondheim eine Cover-Version des Hits „Hangover“ von Taio Cruz aufgenommen (http://vimeo.com/41205953): „Ich habe einen Kater / Nein, habe ich nicht / weil ich zur verantwortungsvollen Party gegangen bin / wir haben ein paar Fotos gemacht / und wir haben sehr viel Wasser getrunken / und als ich aufwachte am Morgen danach / fühlte ich mich so gut, so verantwortungsvoll / und ich erinnerte mich an alle Dinge, die passiert sind / Ich möchte weiter Wasser trinken / Come on / Wasser, Wasser, Wasser . . .“ Auf den Responsible Parties stehen dann gelangweilte Philosophen in der Ecke und diskutieren in Erasmus-Englisch, ob es sich bei „Responsible Party“ um eine contradictio in adiecto handelt. „Spaß, Abenteuer und der aphrodisierende Effekt eines fremden Akzents“, so fasste der „Economist“ kürzlich die Gründe für ein Auslandssemester zusammen. Und da amerikanische Studenten zögern, ins Ausland zu gehen, gab es noch zwei Gründe speziell für sie: „niedrigere Studiengebühren und niedrigere Altersgrenzen für Alkoholkonsum“.

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