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Entwicklungsingenieure : Mit Leibniz zur Leuchtdiode

Erst wenn der Ingenieur den Chip entwickelt hat, kommt der Informatiker zum Zug Bild: Dieter Rüchel

Wie begeistert man Schüler für die Mikrosystemtechnik? Die Universität Hannover und Intel versuchen es mit einem Wettbewerb. 15 Jahre zu spät - aber besser spät als nie.

          Die "Profi-Aufgabe" hätte Gottfried Wilhelm Leibniz gefallen. Immerhin war der Universalgelehrte der Frühen Neuzeit nicht nur ein Philosoph, sondern auch ein begnadeter Konstrukteur. Seine Rechenmaschine, die er 1685 aus Messing baute, beherrschte dank einer ausgeklügelten Mechanik mit Kurbeln, Hebeln und Walzen alle vier Grundrechenarten. Einen Schaltplan erstellen, die Widerstandswerte berechnen und die Theorie dann auch noch auf einer Steckplatine in die Praxis umsetzen - wenn es die Computertechnik zu seiner Zeit schon gegeben hätte, wäre das eine hübsche Finger- und Gedankenübung gewesen. Stattdessen ist es nun die zweite Aufgabe eines nach ihm und dem Halbleiterhersteller Intel benannten Schülerwettbewerbs.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die "Intel-Leibniz-Challenge", eine Idee von Nikolaus Lange, der die Intel-Entwicklungsabteilung in Braunschweig leitet, ist eine späte Antwort auf den Fachkräftemangel - noch ein Begriff, über den zu Leibniz' Zeiten kaum diskutiert wurde. Heute aber ist er in aller Munde - in der Technik-Branche insgesamt, in der Mikrosystemtechnik ganz besonders. "Seit 15 Jahren hat die Branche schon das Problem, geeigneten Nachwuchs zu finden", sagt Lange. Seine Erklärung für den Engpass: "Das Berufsbild des Entwicklungsingenieurs ist im Alltag nicht bekannt, weil es nicht sichtbar ist. Man weiß eben nicht, wie es in einem Computer aussieht."

          719 Gruppen aus 438 Schulen registriert

          Deshalb hat Intel nun die zweite Auflage des Wettbewerbs aufgelegt, der Schüler aus den Klassen 9 bis 13 näher an Chips und Dioden heranbringen soll. Nach einem auf Niedersachsen beschränkten Probelauf im vergangenen Jahr (Tornado im Wassertank ) haben sich nun genau 719 Gruppen aus 438 Schulen dafür registriert, sogar eine Schule aus Mexiko ist darunter. 2768 teilnehmende Schüler machen die Initiative zum zweitgrößten Schülerwettbewerb nach "Jugend forscht" in Deutschland. In der ersten von insgesamt fünf Runden des Wettbewerbs, gegliedert in Einsteiger-, Fortgeschrittenen- und Profi-Aufgaben, mussten sie sich mit den grundlegenden Funktionen von Personalcomputern auseinandersetzen. Jetzt sind praktischere Aufgaben dran. Für den oben beschriebenen Bau einer LED-Schaltung haben die Gruppen jetzt noch knapp zwei Wochen Zeit. Die besten Teams werden Anfang Juli in Hannover ausgezeichnet, an der Leibniz-Universität natürlich.

          Ausdrücklich geht es den Initiatoren darum, die Schüler für Hardware zu begeistern. "Um einen Chip zu programmieren, brauchen wir zwar Informatiker. Aber um ihn zu entwickeln, brauchen wir Ingenieure", rückt Lange die seiner Ansicht nach häufig missverstandenen Bedürfnisse der Informations- und Telekommunikationsbranche ins Licht. Die Unternehmen hätten früher reagieren müssen, um den sich schon lange abzeichnenden Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu begegnen, räumt er ein. Warum sie es nicht getan haben? "Uns ist zu spät bewusst geworden, dass sich das Problem nicht von alleine löst. Vor acht Jahren schien uns eine Investition in Schüler eine zu langfristige Maßnahme", vermutet er.

          Am Image hapert´s

          Dabei entschieden diese sich oft schon in der Oberstufe für eine bestimmte berufliche Richtung. Und weil moderne Mikrosystemtechnik für viele noch viel unanschaulicher sei als die Mechanik à la Leibniz, habe sie kein besonders gutes Image. Vor diesem Problem stünden auch Mitbewerber wie Qimonda und Infineon, sagt Intel-Sprecher Mike Cato. Im Wahlpflichtbereich etwa würden meist Arbeitsgemeinschaften gewählt, deren Titel unmittelbar das Bild einer Tätigkeit hervorrufe - Jonglieren etwa oder künstlerische Fächer.

          Als Arbeitsgemeinschaft wird in vielen der teilnehmenden Schulen nun die "Intel-Leibniz-Challenge" angeboten, die Kultusministerien der meisten Bundesländer haben sie als einstündige Veranstaltung anerkannt. Das fördere die Akzeptanz unter Schülern und Lehrern, sagt Lange, denen Intel zudem einen Teil der Vor- und Nachbereitung abnehme. Die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade und der Praxisbezug sollen den Wettbewerb außerdem für möglichst viele Schüler attraktiv machen, unabhängig von ihren individuellen Begabungen.

          Den Kontakt zu den Schulen hält eine Stabsstelle der Universität Hannover. Intel finanziert dort die nötigen zusätzlichen Arbeitsstunden. Die Hochschule sei äußerst aufgeschlossen gewesen für diese Zusammenarbeit. "Da haben wir offene Türen eingerannt", berichtet Lange. Entscheidend dafür sei gewesen, dass Intel keinen Einfluss auf Forschung und Lehre nehme und sich in Sachen Marketing zurückhalte. Entsprechend zurückhaltend äußert sich der Unternehmenssprecher zu den Kosten des Projekts. Die Preise im Wert von mehr als 30 000 Euro würden zur Verfügung gestellt, ebenso die nötigen Bauteile für die praktischen Aufgaben, kleine Elektronik-Baukästen mit Widerständen, Transistoren und Leuchtdioden. Eine Gesamtsumme aber will er nicht nennen. "Wir tun das für den Standort Deutschland", sagt er.

          Dass der Wettbewerb nicht nur die Hemmschwelle gegenüber der Mikrosystemtechnik senkt, sondern auch Intel als potentiellen Arbeitgeber vorstellt, kommt den Organisatoren allerdings verständlicherweise entgegen. Von Betriebsbesichtigungen - auch sie können die Teilnehmer gewinnen - seien die meisten Schüler begeistert, berichtet Nikolaus Lange. "Nach einem halben Tag bei uns finden sie das total spannend und cool." Manche machten gleich danach ein Praktikum. Und in der besten aller möglichen Welten, so würde es Nikolaus Lange womöglich mit einem Konzept von Gottfried Wilhelm Leibniz beschreiben, werden sie ein paar Jahre später seine Kollegen.

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