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Einblick für Studenten : Praktikum bei den Generälen

Sternkunde: Lukas Schnabel, Masterstudent aus Darmstadt, lernt in der Clay-Kaserne die amerikanische Arbeitskultur kennen. Seine Chefin, Elke Herberger, ist seit mehr als 20 Jahren Pressereferentin der Army. Bild: Cornelia Sick

Die amerikanische Armee in Europa ist um mehr Transparenz und Offenheit bemüht. Deshalb gewährt sie Studenten in ihrem Wiesbadener Hauptquartier einen Einblick in den militärischen Alltag.

          Nur langsam öffnet sich die schwere Metalltür zur Presseabteilung. Lukas Schnabel geht hindurch, an seinem Hals baumelt ein Ausweis mit der Aufschrift „US Army“. Eigentlich studiert der Vierundzwanzigjährige in Darmstadt Governance und Public Policy als Masterfach. Doch jetzt arbeitet er für drei Monate als Praktikant im Europa-Hauptquartier der Army und lernt in der Clay-Kaserne in Wiesbaden den Alltag bei den amerikanischen Streitkräften kennen.

          Seit Anfang des Jahres bietet die Army in Deutschland Praktika für Studenten an, Schnabel ist einer der ersten Teilnehmer des Programms. Er arbeitet in der Presseabteilung, und Elke Herberger ist gewissermaßen seine Chefin. Als zivile Mitarbeiterin der Armee ist die Deutsche seit mehr als 20 Jahren als Pressereferentin für die Amerikaner tätig. Ein bisschen geheimnisvoll findet Schnabel seinen Arbeitsplatz schon: Es gebe da zum Beispiel einen verschlossenen Raum, in dem die Server stünden, berichtet er. Außerdem gebe es auf dem ganzen Kasernengelände keinen Orientierungsplan, mit dessen Hilfe sich Neuankömmlinge zurechtfinden könnten. Und auf den Stützpunkt selbst könnten die Praktikanten nur mit ihrem Fingerabdruck und zwei Geheimnummern gelangen.

          Schnabel ist nicht der einzige Student in der Clay-Kaserne. Noch drei weitere sind derzeit dort beschäftigt. Mit diesem Angebot verfolgt das amerikanische Heer eine Reihe von Zielen: Es will Transparenz schaffen, Vorurteile abbauen und Kontakte zur deutschen Bevölkerung knüpfen. So beschreibt es der Stabschef der Army in Europa, Brigadegeneral Marcus Laubenthal. Der Bundeswehr-Offizier ist seit 2014 die rechte Hand von Generalleutnant Ben Hodges, dem Oberkommandierenden der Army in Europa, und der erste Nicht-Amerikaner, der dieses wichtige Amt bekleidet. Auch seine Ernennung steht für die Öffnung der Army und das Bemühen, enger mit den europäischen Verbündeten zusammenzuarbeiten. „Die Vereinigten Staaten werden keine Missionen mehr im Alleingang unternehmen“, erklärt Herberger. Die Deutschen und das Headquarter in Wiesbaden seien deshalb von zentraler Bedeutung für die Army.

          Praktikum als Übersetzer, Personaler oder Pressesprecher

          Auf dem großen Militärstützpunkt am Rande des Stadtteils Erbenheim können die Studenten während ihres Praktikums als Übersetzer, Personaler oder Pressesprecher arbeiten. An anderen Standorten in Deutschland gibt es auch Stellen für Ingenieure, Chemiker und Umweltwissenschaftler, wie Chris Macri, der Praktikums-Beauftragte in Wiesbaden, berichtet. Mit einem Praktikum bei der Army hätten die Studenten gute Chancen, später eine Arbeit im internationalen Feld zu finden; eine Absolventin habe schon eine entsprechenden Job bekommen.

          Auf jeden Fall sei das Praktikum etwas Besonderes, sagt auch David Gehrein, der in Mainz Politikwissenschaft studiert. „So nah wie hier kann man der Außenpolitik sonst nicht sein, vor allem nicht fremder Außenpolitik“, meint er. Der 24 Jahre alte Student arbeitet in der Politischen Abteilung der Army und hat schon einige interessante Konferenzen miterlebt - worum es dabei ging, ist natürlich streng vertraulich.

          Die Plätze des Praktikumprogramms sind begehrt: Für dieses Jahr haben sich um die Stellen in der Clay-Kaserne etwa 50 Studenten beworben, vier haben einen Platz bekommen. Die Auserwählten gehörten zur künftigen Führungselite, sagt Chris Macri. „Und der Job der Army ist es, die Führungskräfte von morgen auszubilden.“ Von Ende des Jahres an können sich die nächsten Interessenten für ein Praktikum im nächsten Jahr bewerben.

          „Das internationale Umfeld hat mich gereizt“

          Bei Marlene Paetzold hat es schon in diesem Jahr geklappt. Sie studiert Businessmanagement in Frankfurt und hatte mit Militär oder Bundeswehr „vorher nichts am Hut“, wie sie sagt. „Aber das internationale Umfeld hat mich gereizt.“ Und tatsächlich können die Praktikanten in der Clay-Kaserne nicht nur die Army kennenlernen, sondern auch erleben, wie in den Vereinigten Staaten grundsätzlich gearbeitet wird, denn der Militärstützpunkt ist eine kleine amerikanische Welt für sich: Es gibt eine Kantine, in der mit Dollar gezahlt wird; die Häuser für die Familien der Soldaten ähneln jenen in amerikanischen Vorstädten; es gibt ein Fitnesscenter, eine Kapelle und einige Läden und Geschäfte. Und alles sei lockerer als in mancher deutschen Behörde, meint David Gehrein. „Keiner steht um fünf vor acht da und schaut, ob wir pünktlich sind.“

          Doch nicht nur die Arbeitskultur ist eine andere, die Army hält für die Praktikanten auch ein paar Überraschungen bereit. „Das Militär hat ein total großes Umweltbewusstsein, das hätte ich vorher nie gedacht“, berichtet zum Beispiel Lukas Schnabel. Auch die Gesundheit spiele eine große Rolle. In der Kantine forderten zum Beispiel Schilder dazu auf, reichlich Gemüse und wenig Frittiertes zu essen. Die Wirkung solcher Pädagogik scheint aber begrenzt zu sein: Auf den meisten Tellern landet am Ende trotzdem ein Burger.

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