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Duale Ausbildung : Wenn das Gleis zur Sackgasse wird

  • -Aktualisiert am

Hervorragende Ausbildung - aber zu spezialisiert? Bild: Marcus Kaufhold

Ist das deutsche duale Ausbildungssystem wirklich so gut wie alle sagen? Die berufsspezifische Ausrichtung erleichtert den Eintritt in den Arbeitsmarkt. Aber es gibt auch einen gewichtigen Nachteil.

          Deutschland ist zu Recht stolz auf sein System der dualen beruflichen Ausbildung. Wegen seiner hohen Qualität wird es weltweit bewundert. Die Vorteile: Wer Elektriker, Maler oder Einzelhandelskaufmann gelernt hat, schafft meist schnell den beruflichen Einstieg. Durch die Ausbildung in Betrieben und Berufsschulen kommen die Absolventen gut ins Gleis von der Schul- in die Arbeitswelt. Doch die berufsspezifische Ausbildung kann auch Schattenseiten haben. Zum Problem wird es, wenn das Gleis sich später als Sackgasse entpuppt. Einige einst beliebte Ausbildungsberufe – beispielsweise Schneider, Weber, Drucker, Modistin, Foto- oder Filmlaborant – sind heute kaum noch gefragt.

          In einer Studie, die gerade im „Journal of Human Resources“ erscheint, zeigen Eric Hanushek (Stanford), Guido Schwerdt (Konstanz), Lei Zhang (Schanghai) und ich, dass eine berufsspezifische Bildung den Eintritt der Absolventen in den Arbeitsmarkt in der Tat erleichtert, mit zunehmendem Alter aber die Beschäftigungsperspektiven verringert. Der anfängliche Beschäftigungsvorteil gegenüber allgemeinbildenden Abschlüssen kehrt sich im Laufe der Zeit in ein höheres Beschäftigungsrisiko um. Im immer schnelleren technischen und strukturellen Wandel werden viele erlernte berufsspezifische Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt. Dieser Konflikt im Lebensverlauf findet sich übrigens genauso, wenn wir nur Berufe betrachten, die körperlich wenig fordernd sind. Es geht also nicht darum, dass ältere Arbeitnehmer ihre Berufe aufgrund körperlich anspruchsvoller Arbeit nicht mehr ausüben können.

          Für die Studie wurden die Daten von 15.000 Personen aus dem International Adult Literacy Survey (IALS) aus den neunziger Jahren ausgewertet. Derselbe Zusammenhang ergibt sich auch 2012 im sogenannten „Erwachsenen-PISA“, dem Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC) mit 29000 Personen, wie ich in einer weiteren Studie mit Franziska Hampf gezeigt habe. Trotz der zwischenzeitlichen Reformen von Arbeitsmarkt und Rentensystem, die etwa eine Frühverrentung erschweren, fallen Personen mit berufsspezifischer Ausbildung mit zunehmendem Alter verstärkt aus dem Arbeitsmarkt.

          Schneider werden nur noch selten gebraucht

          Wer vor 30 Jahren eine hervorragende Ausbildung zum Schneider erhalten hat, hat es am heutigen deutschen Arbeitsmarkt schwer: Schneider werden einfach nicht mehr annähernd so viel nachgefragt wie damals. Das hat mit Veränderungen wie Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung zu tun. Deshalb weiß auch niemand, welche Kompetenzen in 30 Jahren – wenn die heutigen Azubis noch nicht einmal 50 Jahre alt sind – in der Wirtschaft gefragt sein werden.

          Unter den untersuchten 18 IALS- und 16 PIAAC-Ländern sind die Effekte in Ländern wie Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz besonders stark, die ein ausgeprägtes duales Berufsausbildungssystem haben. In diesen Ländern dreht sich der Beschäftigungsvorteil der Absolventen der beruflichen Ausbildung schon im Alter von 44 Jahren in einen Beschäftigungsnachteil um. Dabei geht es nicht um die Frage der Dauer eines Bildungsganges, denn deren Effekte werden in den Studien komplett herausgerechnet. Es geht darum, dass eine starke Fokussierung auf ein enges Berufsbild den Schritt von der Schul- in die Arbeitswelt erleichtert, aber gleichzeitig die Anpassungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer an eine sich wandelnde Wirtschaft verringert. Das gilt genauso für höhere Bildungsgänge. Deshalb ist die aktuell zu beobachtende Zersplitterung in eng ausgerichtete Studiengänge – zum Beispiel ein Bachelor in Cruise Tourism Management – auch sehr kritisch zu sehen.

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