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Die Öko-Studiengänge : Umweltschutz 2.0

Bild: FAZ/Tresckow

Mit sauberer Energie und Ökologie lässt sich viel Geld verdienen. An einigen Hochschulen gibt es dafür schon spezielle Studiengänge. Doch noch hat „Green Management“ einen schweren Stand.

          Am Ende des Tages ist Sören Trautmann enttäuscht. Für die Job- und Bildungsmesse Erneuerbare Energien ist er eigens aus Mainz nach Gelsenkirchen gekommen. Doch als Betriebswirt fühlt er sich hier auch nach ein paar Stunden immer noch fehl am Platz. „Die meisten Unternehmen suchen nur Techniker“, sagt er. „Da habe ich kaum Chancen.“ Dabei hatte er sich doch mit seiner Diplomarbeit, einer Wirtschaftlichkeitsstudie zur Geothermie, geradezu maßgeschneidert spezialisiert. Als er im März das Diplom der Mainzer Fachhochschule in der Tasche hatte, rechnete der Neunundzwanzigjährige mit einem raschen Berufseinstieg als Projektentwickler oder Finanzierungsfachmann - immerhin betont die Branche unermüdlich ihre Wachstumsraten und stellt sich gern als krisenfester Jobmotor dar. Guter Dinge ist Trautmann nun zwar immer noch, aber ein Dämpfer waren die vergangenen Wochen schon. Einen Job hat er noch nicht.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wo Sören Trautmann hinwill, ist Ulf Ehlers schon angekommen. Seit seiner Schulzeit begeistert sich der heute 31 Jahre alte Flensburger fürs Energiesparen, außerdem faszinieren ihn seit jeher technische Fragen. Auf der Suche nach dem dazu passenden ökonomischen Sachverstand fand er den Studiengang Energie- und Umweltmanagement an der Universität seiner Heimatstadt am nördlichen Rand Deutschlands. „Im ersten Semester wollte noch jeder von uns am liebsten die ganze Welt allein retten“, räumt Ehlers heute ein. Schnell habe die Realität solche Träume über den Haufen geworfen. „Stattdessen stößt man auf die tausend kleinen Möglichkeiten, die jeder Einzelne hat.“ Er selbst suchte für seine Abschlussarbeit nach Methoden, um die aus Windkraft gewonnene und deshalb heftigen Schwankungen unterworfene Energie ins deutsche Stromnetz zu integrieren. Dabei konzentrierte er sich auf die Nutzung von Druckluftspeichern, zu denen sich Salzstöcke im Inneren der Erde ausbauen lassen.

          Anzug und Laptop statt Birkenstock-Schuhen

          Seine erste Stelle fand Ehlers danach beim Hamburger Stromhändler Lichtblick; seit fast drei Jahren arbeitet er nun für das Unternehmen Windkraft Nord (WKN), das Windparkprojekte plant, finanziert und verwaltet. „Unsere Kunden sind längst keine alternativen Landwirte oder Ökos mehr“, sagt Ehlers. Windkraftanlagen seien Millionenprojekte und würden von den Investoren wie jede andere Kapitalanlage behandelt. „Häufiger als Birkenstocks haben sie Anzug, Laptop und Blackberry dabei.“ Umweltschutz der zweiten Generation, so nennt Ehlers das Geschäft, das inzwischen auch auf die Sonnen- und Wasserkraft, auf Biogas und Geothermie übertragbar ist.

          Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Meuser zieht den Kreis noch weiter: „Wenn die Umwelt wirklich knapp wird, dann wird es auch wirklich teuer, sie zu verschmutzen oder zu verbrauchen“, argumentiert der Professor an der privaten Wirtschaftshochschule BiTS in Iserlohn. „Und dann sind Ökonomen gefragt, egal in welcher Branche. Das ist Umweltschutz 2.0.“ Und weil sich hinter der Verbindung von Ökologie und Ökonomie ein „Milliardengeschäft“ verbirgt, wie der Iserlohner Hochschulpräsident Dietrich Walther in seinem gleichnamigen Buch vorgerechnet hat, hob die BiTS vor einem Dreivierteljahr den Bachelorstudiengang „Green Management“ aus der Taufe.

          Weder bürokratisch noch ideologisch

          Weder als bürokratisch legitimierte Umweltschutzbeauftragte noch als ideologisch motivierte Weltverbesserer stellt sich Meuser, der als Prodekan für den neuen Studiengang zuständig ist und Anfang der neunziger Jahre zu dem Thema promoviert hat, die künftigen Absolventen vor. Stattdessen sieht er sie als Projektmanager und Berater mit dem Blick für umweltverträgliche Marktchancen. Dafür müssen sie sich zuvor sechs Semester mit betriebswirtschaftlichen Grundlagen genauso vertraut machen wie mit nachhaltigen Geschäftsmodellen, ökologischem Marketing und Umweltmanagement. Das Konzept klingt schlüssig, hat doch auch die Warwick Business School, eine der angesehensten britischen Managerschmieden, jüngst einen „Global Energy MBA“ in ihr Programm aufgenommen, haben Personalberater auf „Renewable Energy“ spezialisierte Abteilungen gegründet, werben sogar Finanzdienstleister für Produkte mit „grüner Rendite“.

          Thomas Meuser ist von den Zukunftschancen seiner künftigen Absolventen unverdrossen überzeugt, der große Bewerberstrom blieb in Iserlohn zunächst jedoch aus: Maximal 35 Erstsemester hätte die Hochschule im vergangenen Oktober aufnehmen können, vergeben wurden mangels geeigneter Bewerber nur zwölf Plätze. Die Studiengebühren von rund 22.000 Euro für sechs Semester lässt Meuser als Erklärung nicht gelten. „Wir konkurrieren mit Fächern wie Medienwirtschaft oder Sport- und Eventmarketing“, sagt er stattdessen. „Das klingt in den Ohren vieler Abiturienten verlockender.“

          Die zweite Generation von Studiengängen

          Tatsächlich gilt es offenbar nicht nur die zweite Generation des Umweltschutzes zu entdecken, sondern auch eine zweite Generation von Studiengängen, die Umweltmanager ausbilden sollen. Denn als die erste grüne Welle in den achtziger und neunziger Jahren durch die Hochschulen schwappte, galt es beim Umweltschutz erst in zweiter Linie ans Geldverdienen zu denken, wenn überhaupt. Gefragt waren fast ausschließlich Tüftler und Techniker.

          So werden von den rund 250 Studiengängen mit einem Bezug zu den erneuerbaren Energien, die der Wissenschaftsladen Bonn in Deutschland gezählt hat, mehr als vier Fünftel von den Ingenieurwissenschaften angeboten, nur magere 5 Prozent von den Wirtschaftswissenschaften. Nicht immer stecke hinter dem grünen Etikett auch ein entsprechender Inhalt, bemängelt Theo Bühler vom Wissenschaftsladen, der auch die Job- und Bildungsmesse in Gelsenkirchen organisiert. „Das Angebot wurde zum Teil schneller ausgebaut als die Lehrkapazität.“ So gebe es in Deutschland nur 30 Vollzeitprofessuren, die explizit der Sonnen-, Wind- oder Wasserkraft gewidmet seien. Noch nicht professionell genug ist seiner Ansicht nach auch die Personalarbeit in vielen Unternehmen der Branche. „Vor fünf Jahren war das Thema meistens noch ein Feierabendgeschäft“, berichtet er. „Das ändert sich nun. Die Branche ist schließlich keine Nische mehr.“

          Ein internationales Geschäft

          Ein Vorreiter dafür ist das Mainzer Unternehmen Juwi, das als Projektentwickler für alle Sorten der „Erneuerbaren“ auftritt. In Gelsenkirchen präsentieren sich die Juwi-Referenten betont geschäftsmännisch: Christoph Breuer, der Personalchef des Unternehmens, trägt einen dunklen Anzug, ein Hemd und eine orangefarbene Krawatte - das „corporate image“ stimmt. Knapp 90 Prozent der Neueingestellten von Juwi seien Akademiker, überschlägt Breuer bei seiner Präsentation im Konferenzsaal der Wissenschaftsarkaden. Seine Worte kommen gut an im Publikum: Vor zu viel Routine müsse sich niemand fürchten, weil sich Wind-, Sonnen- und Wasserprojekte munter abwechselten. Und für den internen Qualifikationsbedarf habe das Unternehmen ein eigenes Fortbildungszentrum für Quereinsteiger.

          „Ich bin Ingenieur, was muss ich können, um bei Ihnen anfangen zu können?“, fragt ein Zuhörer. Breuers Antwort kommt ohne Zögern: „Sprachen, Sprachen, Sprachen - und Sprachen.“ Der Umweltschutz 2.0 ist ein spannendes internationales Geschäft, so lautet seine Botschaft. Auch Sören Trautmann hat sie gehört: Er hat seine Diplomarbeit bei Juwi geschrieben. Ein Stellenangebot war bislang jedoch nicht die Folge. Vielleicht liegt das aber auch einfach am gestiegenen Konkurrenzdruck: Viele Abtrünnige oder Abservierte aus der kriselnden Automobilindustrie suchen derzeit nach besseren, grüneren Aussichten. „2008 hatten wir noch knapp 400 Bewerbungen im Monat“, berichtet Breuer. „In diesem Februar waren es 1200.“

          Grüne Studien

          - Eine Übersicht der Studiengänge mit Bezug zu den erneuerbaren Energien hat der Wissenschaftsladen Bonn erstellt: www.jobmotor-erneuerbare.de

          - Einen Einblick in die Branche gibt das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien auf seiner Internetseite: www.iwr.de

          - Berater, Manager und Ingenieure für die Solarenergie will die TU Berlin in ihrem neuen Masterstudiengang „Global Production Engineering for Solar Technology“ ausbilden; auf die Kombination von ökonomischer, technischer, naturwissenschaftlicher und juristischer Kompetenz setzt das neu gegründete Kompetenzzentrum für Klimaschutz und Klimaanpassung in Kassel. Auf eine langjährige Erfahrung mit Umweltmanagement-Studiengängen können die Universitäten in Lüneburg und Trier verweisen.

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