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Deutsche Studenten in Holland : Hier duzt man den Prof

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„De Duitsers komen”: Wiete Eichhorn (l.), Michael Jäger und Julia Langenohl Bild: dpa

Seit drei Jahren zieht kein anderes Land so viele deutsche Studenten an wie die Niederlande. Das hat Gründe: Einen NC gibt es nicht, die Hochschulen sind gut ausgestattet, Gebühren niedriger, die Atmosphäre persönlicher.

          „Hoi“, grüßt der schlaksige junge Mann und stellt sein Tablett auf einen Tisch, an dem schon zwei blonde Kommilitoninnen sitzen. „Hallo... goeie dag“, grüßen die beiden noch etwas zögerlich in gebrochenem Niederländisch. Der Junge blickt kurz auf und lächelt. Er hat sich offenbar schon daran gewöhnt, dass die Mensa der Universität Nimwegen in letzter Zeit sehr stark von Deutschen besucht wird. An diesem Tag ist es besonders extrem, weil viele niederländische Studenten in Urlaub sind, aber die deutschen Studienanfänger einen Intensivkurs Niederländisch absolvieren.

          Seit drei Jahren zieht kein anderes Land so viele deutsche Studenten an wie die Niederlande. 2005 stand der Nachbar nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erstmals an der Spitze: Knapp 12.000 oder annähernd 16 Prozent aller deutschen Auslandsstudenten waren dort eingeschrieben. Für das Studienjahr 2008/2009 schätzt Peter Stegelmann, Chef der Website www.studieren-in-holland.de, die Zahl bereits auf 19.000 bis 20.000. „Das spricht sich rum, und der NC in Deutschland steigt ja auch“, sagt er. In den Niederlanden dagegen gibt es keinen NC.

          „Mein Land wollte mich nicht“

          „Mein Land wollte mich nicht“, sagt Jens von Keitz (18) aus Solingen mit vorwurfsvollem Unterton. Seine Abiturnote war zu schlecht für ein Psychologie-Studium, aber nun hat er sich einfach in Nimwegen eingeschrieben. Die einzige Hürde: Er muss erstmal Niederländisch lernen. „Am Anfang wird man schon ziemlich ins kalte Wasser geworfen“, erinnert sich Christopher Rosenthal (22) an seinen Studienbeginn vor zwei Jahren. „Es ist ein gewisser Nervenkitzel, hierherzukommen und nichts zu verstehen.“ Aber schon nach dem dreiwöchigen Intensivkurs könne man im Alltag gut zurechtkommen und den Vorlesungen folgen.

          Christopher führt Besucher aus Deutschland immer gern über den gerade neugestalteten Campus mit Cafés und vielen Bäumen und dann zur naturwissenschaftlichen Fakultät im raumschiffartigen Huygens-Gebäude, das mit großen Glasfronten eher an die Zentrale eines Multinationals erinnert. In den Vorlesungssälen hat jeder Student ein Anrecht auf einen Sitzplatz. Der Professor wird geduzt, und wenn man eine Frage hat, schreibt man eben eine Mail oder ruft ihn auf dem Handy an.

          Viele der deutschen Studenten in Nimwegen pendeln täglich über die Grenze nach Kalkar oder Kleve am Niederrhein. Nimwegen kooperiert mit der Universität Essen-Duisburg und hat sogar einen Pendelbus dorthin eingerichtet - die Fahrt ins Ruhrgebiet dauert nur eine knappe Stunde. Was Judith Arns von der Beratungsstelle für deutsche Studenten bei einem Besuch in Duisburg allerdings gewundert hat: „Die waren ganz stolz darauf, wie groß ihre Vorlesungssäle sind - „für 800 Leute“, haben sie gesagt. Hier sind wir gerade stolz darauf, wie klein die Vorlesungen sind.“ Psychologie-Studentin Hannah Nohlen (23) berichtet: „Einmal hatte ich ein Seminar, da kam auf jeden Studenten ein Dozent.“

          Für jeden Studenten 6500 Euro vom Staat

          Die niederländischen Universitäten werben aktiv in Deutschland. Ihr Motiv: Sie bekommen für jeden Studenten 6500 Euro vom niederländischen Staat. „Wenn denen die Studenten weglaufen, gibt's entsprechend weniger Geld“, erläutert Stegelmann. „Dann müssen sie Stellen streichen.“ Judith Arns betont aber, dass es nicht nur ums Geld gehe: „Die deutschen Studenten stellen eine kulturelle Bereicherung dar und sind auch deshalb willkommen. Sie haben oft einen anderen Blickwinkel, das macht viele Diskussionen interessanter.“

          Überall auf dem Campus in Nimwegen liegt zurzeit die neue Ausgabe der Universitätszeitschrift „Vox“ aus, und diesmal ist das Heft ein „Duitsland-Special“ mit der Titelschlagzeile „De Duitsers komen!“ Dazu sieht man ein Gehirn mit einer deutschen Flagge, in dem
          bestimmte Bereiche mit den Begriffen „gründlicher“, „schneller“ und „besser“ markiert sind. Sollte es tatsächlich noch irgendwo in den Niederlanden antideutsche Ressentiments geben - hier sicher nicht. In der Zeitschrift werden die Deutschen den Niederländern als Vorbild in puncto Fleiß und Effizienz empfohlen - und locker seien sie inzwischen auch, so liest man zumindest. Zum Beweis werden mehrere deutsch-niederländische Liebespaare porträtiert.

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