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Design-Thinking : Wenn Erklärbären ins Schwitzen kommen

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So sieht die neue Art des Denkens aus: Design-Thinking-Studenten in Potsdam Bild: Andreas Pein

Wie gehen Tierhaare von der Kleidung? Wie konserviert man Wissen? Design-Thinking-Studenten klären kuriose Fragen auf neuen Wegen.

          Wie können ältere Mitarbeiter ihr Wissen an jüngere weitergeben? Diese Frage stellt sich ein mittelständisches Unternehmen. Etliche Angestellte gehen demnächst in Rente. Es besteht die Gefahr, dass mit ihnen wertvolle Kenntnisse aus dem Betrieb verschwinden. Wie etwa ist zu interpretieren, wenn eine Maschine ein bestimmtes Geräusch von sich gibt? Wie reagiert sie auf Ölmischungen? Wie kann die Arbeit mit ihr am besten organisiert werden? Das alles ist Erfahrungswissen, das man kaum aufschreiben kann.

          Um gute Lösungen zu finden, kooperiert der Mittelständler mit der School of Design Thinking, die zum Hasso-Plattner-Institut an der Uni Potsdam gehört. An dem 1998 gegründeten, privat finanzierten Institut werden eigentlich IT-Fachleute ausgebildet. Die School of Design Thinking bietet aber einen Studiengang für Menschen an, die Vorkenntnisse aus unterschiedlichen Fachrichtungen mitbringen. Sie sollen eine ganz neue Art des Denkens kennenlernen, von der viele Fachleute glauben, dass sie ganz hervorragend zur digitalisierten Arbeitswelt passt: Die kreative, portionsweise, iterative Art zu denken, die Designer und Architekten schon immer nutzen, soll im Design Thinking auf alle möglichen Fragen auch außerhalb dieser Gebiete angewendet werden – etwa auf Management-Probleme.

          Design Thinking wurde Ende des 20. Jahrhunderts entwickelt, um Konsumgüter zu verbessern.Die Kursteilnehmer an der School of Design Thinking sind an zwei Tagen je Woche vor Ort; manche arbeiten nebenbei oder studieren noch ein weiteres Fach. Sie kommen aus aller Herren Ländern; Unterrichtssprache ist Englisch. Dass bei einem Design-Thinking-Projekt Menschen mit unterschiedlicher Ausbildung und Erfahrung auf eine Sache schauen, soll dazu beitragen, dass ungewöhnliche Ideen entstehen. Das schätzt man in der Wirtschaft.

          „Die Menschen sind geerdet“

          Die School of Design Thinking bekommt regelmäßig Anfragen von Unternehmen, die mit der Methode komplexe Probleme bewältigen möchten. „Viele unserer Projektpartner wollen mit uns zusammenarbeiten, weil sie wissen, dass sie betriebsblind geworden sind“, sagt Claudia Nicolai. „Sie haben erkannt: Ich sehe nicht mehr, woran es hakt.“ Die Ökonomin leitet die School zusammen mit einem Innovationswissenschaftler.

          Um das Wissensproblem des Mittelständlers kümmert sich ein fünfköpfiges Team: ein IT-Fachmann, eine Ingenieurin, eine Musikwissenschaftlerin, ein Mann aus der Filmbranche und der 33 Jahre alte Norman. Er hat Betriebs- und Politikwissenschaft studiert und arbeitet für Berliner Start-ups. Zunächst einmal, so erzählt Norman, hätten die fünf den Betrieb besucht und ausführliche Interviews mit Angestellten geführt. „Das war eine schöne Erfahrung“, resümiert er. „Die Menschen sind geerdet, und im Gespräch mit uns waren sie sehr offen.“ Was er bei diesem Projekt lerne, könne er für seine Arbeit mit den Start-ups gut gebrauchen. Auch dort gehe es darum, dass viele Menschen ihr Wissen miteinander teilten.

          An diesem Montag hat sich das Team zusammengefunden, um die Interviews auszuwerten und daraus weitere Fragen zu entwickeln. Auf derselben Etage sind acht weitere Teams mit ihren Design-Thinking-Projekten beschäftigt. Jedem steht ein Coach zur Verfügung. Stifte, Scheren und Magnete für das Befestigen von Zetteln an Stellwänden liegen bereit, außerdem quaderförmige Sitzhocker, die sich zusammenschieben lassen, um sich spontan zu einem Gespräch zu versammeln.

          Kuddelmuddel in Regenbogenfarben

          Die Teilnehmer können ihre Ideen mit Puppen oder Fotos veranschaulichen, ihre Sitzungen an die frische Luft verlegen oder in einem Raum Tischfußball spielen, um den Kopf frei zu bekommen. Claudia Nicolai und mehrere weitere Mitarbeiter halten sich im Hintergrund bereit, um Fragen zu beantworten. Dass sie den Prozess nicht dominieren, sei Teil der Methode und ein „Unterschied zur traditionellen universitären Lehre“, betont Nicolai.

          Über den Köpfen der Studierenden hängen Zettel auf Englisch und Deutsch an der Wand, die an die Grundsätze des Design Thinkings erinnern: beim Thema bleiben, nutzerorientiert denken, Prozesse bildlich darstellen, Kritik an anderen Teilnehmenden zurückstellen, auf ihre Ideen aufbauen. „Früh und oft scheitern!“ mahnt ein Zettel: Die Studierenden sollen keine Scheu vor Fehlern haben und aus ihnen lernen.

          Das Wissensteam hat Plakate und Klebezettel an mehrere Stellwände gehängt – ein Kuddelmuddel in Regenbogenfarben. Norman zeigt Bilder von vier „Personas“, die die fünf gezeichnet haben. Das sind Prototypen von Angestellten des Mittelständlers. Eine „Persona“ trägt eine blaue Arbeitshose. Der Mann arbeitet an einer Maschine. Er ist ein Familienmensch, wie das symbolische Bild einer Frau mit Kind veranschaulicht. „Ich liebe meine Arbeit“ und „Ich möchte meinen Kollegen helfen“ verkündet die „Persona“ via Klebezettel. „Dieser Mann denkt auch zu Hause noch darüber nach, wie er sein Wissen an andere weitergeben kann“, sagt Norman.

          Viele Zwischenschritte nötig

          Die nächste „Persona“ ist eine Führungskraft mit Brille und Krawatte. Das Foto eines Föhns symbolisiert den Wind, der ihr entgegenschlägt: die Konkurrenz in China, die Wünsche der Kunden, die Notwendigkeit, Kosten zu begrenzen. Norman zeigt noch zwei weitere „Personas“: Ein 21 Jahre alter Mann hat eben seine Ausbildung abgeschlossen und wird bald Verantwortung für eine Maschine übernehmen. Ein älterer Arbeiter mit Warnweste gehört zu der Gruppe im Betrieb, die ihr Wissen an Jüngere weitergeben soll. Das Team nennt diese Leute scherzhaft „Erklärbären“. „Der Mann nimmt wahr, dass die junge Generation anders tickt als er“, sagt Norman. Nichtsdestotrotz hätten sich auch die Älteren mit moderner Technik angefreundet. Ihre Schichtübergaben organisieren sie mit einem Instant-Messaging-Dienst.

          Die Zeichnungen helfen dem Team, die Angestellten und ihre Bedürfnisse zu verstehen. Ihnen ist klargeworden, wie wissbegierig der Azubi ist. Er will seine Maschine genau verstehen. Er bewundert den Kollegen, der ihn als Mentor betreut. „Doch er ist unsicher“, sagt Norman. „Wann darf er diesen vielbeschäftigten Mann ansprechen?“ Oft fehle Zeit für ausführliche Erklärungen.

          Bei manchen herkömmlichen Methoden präsentieren Berater nach einer festgesetzten Zeit eine Lösung des Problems. Design Thinking sieht hingegen viele Zwischenschritte vor. Das Team informiert den Mittelständler über seine bisherigen Überlegungen, erhält ein Feedback, arbeitet mit einer präziseren Fragestellung weiter. Ende des Monats hat das Wissensteam einen solchen Präsentationstermin. Auch der Austausch mit anderen Studierendenteams ist vorgesehen.

          Lösungen statt Probleme

          Die fünf sitzen mit Sherif Osman zusammen, der an der School of Design Thinking als Wissensmanager arbeitet. An einer Stellwand hängen wieder viele Klebezettel, und sie diskutieren auf Englisch: Wie erwerben Menschen überhaupt Wissen? Durch Zuhören, Zuschauen, Reden? Reicht bei dem Mittelständler die Zeit dafür aus? Was geschieht, wenn „Erklärbären“ mit ihrer Rolle nicht zurechtkommen? Wie können sie didaktisches Wissen erwerben? Könnten die Mentoren den jungen Arbeitern länger zur Verfügung stehen? Die Angestellten sollten nicht als Kostenfaktor gesehen werden, sondern als Potential, sagt jemand. „Menschen wertschätzen“ steht auf Englisch auf einem Klebezettel. „Ich bin glücklich mit diesem Projekt, weil es so greifbar ist“, sagt Norman.

          Auch im Team nebenan sind glückliche Menschen am Werk. „In meinem Studium der Sozialwissenschaften haben wir uns eher auf Probleme konzentriert“, sagt Teammitglied Fenja. „Hier arbeiten wir an Lösungen. Das gefällt mir.“ Es geht um Menschen, die Katzen und Hunde halten und jede Menge Tierhaare von ihren Sachen entfernen müssen. Ein lästiges Problem, weiß Mylo aus Großbritannien: „Ich hatte selbst mal eine Katze, und ich gehe manchmal Gassi mit den Hunden meiner Freunde.“

          Er hat Politik, Philosophie und Wirtschaft studiert, arbeitet als Szenograph und als Manager kleiner Kulturprojekte. „Da nutzen wir Design Thinking schon, um zu überlegen, was die nächsten Schritte sind, was unsere Vision ist.“ In Potsdam wolle er seine Kenntnisse über die Methode vertiefen. Sie führe alle seine Fähigkeiten zusammen, sagt Mylo und zählt auf: „in einem Team arbeiten, etwas aufbauen und gestalten, kreativ sein und dabei wirtschaftlich denken“. Die Dozentin Claudia Nicolai formuliert es so: „Innovation entsteht aus einer Kombination von einer Idee und der Vorstellung davon, wie man diese in die Realität überführen kann.“

          „Vielleicht ist der Schmutz ein Geschenk?“

          Genau daran arbeitet das Team jetzt. Sie haben Tierhalter befragt: Wie gehen sie bisher mit dem Problem um? Sie baten sie, ihre Traummaschine zur Beseitigung von Haaren zu zeichnen. „Anhand der Bilder haben wir besser verstanden, was sie sich wünschen“, sagt Mylo. Zwar hat die School of Design Thinking die Idee für das Tierhaar-Projekt zusammen mit einem Staubsaugerhersteller entwickelt. Doch die Studierenden wollen sich nicht auf Ideen für ein besseres Gerät beschränken. Aus den Interviews wissen sie, dass viele Tierhalter wenig Zeit zum Putzen haben, etwa, weil sie kleine Kinder haben oder einen anstrengenden Job. Ein effektiverer Staubsauger allein würde ihnen kaum helfen.

          Vor den mit Klebezetteln und Bildern bestückten Stellwänden steht Mylo und überlegt: Ist es denkbar, Katzen und Hunde vor Betreten der Wohnung maschinell von überschüssigen Haaren zu befreien? Kaum. „Meine Katze soll sich wohl fühlen“ lautet das Zitat eines Tierhalters auf einem Klebezettel. „Können wir eine Art Sieb verwenden?“, fragt jemand. Mylo erzählt: Ein Paar, das er befragt hat, betrachtet das Putzen als eine Art Meditation. Anschließend haben die beiden einen gelassenen und aufgeräumten Blick auf die Welt. Jemand sagt: „Vielleicht ist der Schmutz ein Geschenk?“

          Das Studium Das Studium an der School of Design Thinking dauert für Anfänger und Fortgeschrittene je ein Semester. Das erste Semester kostet 750 Euro, das zweite ist kostenlos. Bewerbungen für den Basic Track, der im Herbst beginnt, sind vom 31. Mai bis zum 31. Juli möglich. Außerdem veranstaltet die School regelmäßig „Global Design Thinking Weeks“, an denen auch Externe teilnehmen können. Informationen: https://hpi.de/school-of-design-thinking

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