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Wissen weniger wichtig : Der Kompetenz-Fetisch

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Kompetenzkompetenz: Heute heißt es in Schulen immer seltener „Was weißt du?“. Wichtiger wird der Terminus „Was kannst du?“ Bild: Lucas Wahl

Wissen wird in den Schulen weniger wichtig, Kompetenzen dafür umso mehr. Dadurch rückt auch der Schüler als Individuum mehr ins Zentrum. Aber wie gesund ist es, wenn alles nur noch um ihn kreist?

          Hannes Roth ist Referendar für Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen. Er staunt nicht schlecht, was von ihm verlangt wird, wenn die Prüfungskommission zum Unterrichtsbesuch angekündigt ist. Mehrfacher Methodenwechsel - Gruppenarbeit, Diskussion, Tafelbild, Videoeinspielung - und größtmögliche Zurückhaltung. „Der Lehrer soll so wenig wie möglich vorgeben“, sagt Roth. 45 Minuten Unterricht erfordern wochenlange Vorbereitung und ein 25-seitiges schriftliches Konzept.  Darin muss sehr oft das Wort Kompetenz stehen: Die Rede ist von Methoden- und Verfahrenskompetenzen, Handlungs-, Urteils-, Entscheidungs- und Sachkompetenzen.

          „Das Schlimmste, was du machen kannst, ist Frontalunterricht“, sagt Hannes Roth, der eigentlich anders heißt. Dabei habe er den früher als Schüler am liebsten gemocht. Die Ausbildung der Lehrer hat sich seit dem „Pisa-Schock“ vor 15 Jahren, als die Bildungsorganisation OECD deutschen Schülern schlechte Noten gab, stark verändert. Vom Lehrplan zum Kerncurriculum oder Bildungsstandard, von primär inhaltlicher zu sogenannter Kompetenzorientierung. „Output-orientiertes Lernen“ steht jetzt auf dem Plan.

          Das heißt, entscheidend ist nicht, was die Schüler wissen, sondern was sie können. In der Sprache der Bildungsbürokraten: Aus inhaltlichen werden kontextspezifische Leistungsvoraussetzungen. Begründet wird es so, wie hier im Bildungsplan des Saarlands: „Der stetige Zuwachs an wissenschaftlichen Erkenntnissen erfordert in zunehmendem Maße lebenslanges Lernen. Der Unterricht trägt dem Rechnung durch die besondere Betonung methodischer Kompetenzen und durch exemplarisches Lernen. Damit verbunden sind inhaltliche Reduktion sowie der zunehmende Einsatz schülerzentrierter Sozialformen.“ Der Lehrer wird zum Moderator.

          Der Lehrer wird zu Mentor oder Coach

          Selbständig Lernen können - Lernkompetenz - mag später im Leben nützlich sein. Anders vielleicht als Kenntnisse über die Punischen Kriege. Nicht mehr das Wissen, sondern die Bewegung dahin ist Gegenstand der Bewertung. Weg mit dem toten Wissen, her mit brauchbaren Fähigkeiten lautet die Devise. Seit Jahren und mit ungetrübtem Enthusiasmus von Seiten der Bildungspolitiker werden die Lehrpläne an Universitäten und Schulen neu geschrieben. Unter Professoren regt sich aber auch Protest. Einige haben sich vor einigen Jahren in einer „Gesellschaft für Bildung und Wissenschaft“ (GBW) zusammengetan. Konrad Paul Liessmann, Philosophieprofessor an der Universität Wien, ist einer von ihnen.

          Auf einer Frankfurter Tagung der GBW berichtete er kürzlich, seine Wiener Universität habe, um die Kompetenzorientierung in der Lehrerausbildung zu forcieren, eigens eine Expertengruppe eingerichtet. Zentral sei in der Wiener Lehrerausbildung nun die Aneignung von etwa 30 Kernkompetenzen wie zum Beispiel der Innovationskompetenz, der Reflexionskompetenz, der Prüfungskompetenz, des Durchhaltevermögens oder gar der Kompetenzorientierungskompetenz. Das letzte war kein Scherz. Die Aneignung von Fachkompetenz (vormals: „Wissen“) nehme nur noch einen erschreckend niedrigen Stellenwert ein, sagte Liessmann.

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