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Der Bachelor im Test (6) : Im Career Center bebrüten Brains Soft Skills

  • -Aktualisiert am

Zukunft ist nicht planbar - und Erfolg? Bild: fotolia.com

Nirgendwo sonst tritt die Verschulung der neuen Studiengänge so offensichtlich zutage wie bei den berufsorientierenden Angeboten. „Allgemeine berufsqualifizierende Kompetenzen“: Wem nützt das?

          Mit der Universität Hamburg hatte Nicole Willnow in ihrem Arbeitsleben bislang nur wenig zu tun. Ein paar Kurse für den AStA, mehr Berührungspunkte gab es nicht. Bis zum vergangenen Sommer. Denn da erhielt die Diplom-Kauffrau und Job-Beraterin ein Angebot für einen Lehrauftrag. Nicht etwa in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, sondern für die Geisteswissenschaften. Ihre Aufgabe: die Bachelor-Studenten fit für den Beruf zu machen.

          Die Hochschulen wollen Ernst machen mit ihrer Ankündigung, den Arbeitgebern jüngere und näher an den Anforderungen der Berufswelt ausgebildete Absolventen zu übergeben. Fünfzehn Prozent des gesamten Studiums sind an der Universität Hamburg für die sogenannten "Allgemeinen Berufsqualifizierenden Kompetenzen" (ABK) reserviert. Jeder Fachbereich hat diese Quote zu erfüllen. Und deshalb kommt Nicole Willnow, die ansonsten als "Life & Business Coach" Rat für alle Lebens- und Berufslagen anbietet, nun jeden Mittwoch von acht bis zehn Uhr zu den Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaftlern und von zwölf bis zwei Uhr zu den Historikern und Philosophen.

          Wie, wo und ab wann bewirbt man sich am besten bei welchem Unternehmen?

          In beiden Seminaren bereitet Willnow ihre Kursteilnehmer auf das in der Studienordnung festgeschriebene Berufspraktikum vor. Konkret bedeutet das: Während vierzehn Wochen lernen die Studenten bis ins kleinste Detail, wie, wo und ab wann man sich am besten bei welchem Unternehmen bewirbt - und damit im Grunde genau das, was sich vorangegangene Studentengenerationen in Eigenregie erarbeiten mussten. Oder sollte man vielleicht besser sagen: erarbeiten durften?

          Denn nirgendwo sonst tritt die Verschulung der neuen Studiengänge derart offensichtlich zutage wie bei den berufsorientierenden Angeboten. Wo in Magister- und Diplomstudiengängen Praktika eingefordert wurden, ohne dass sich die jeweiligen Fakultäten um die konkrete Umsetzung gekümmert haben, werden die Bachelor-Studenten von Beginn an an die Hand genommen. Niemand soll auf der Strecke bleiben. Andererseits kann aber auch keiner so leicht auf die Überholspur wechseln. Denn diese Kurse muss jeder belegen - ganz gleich, ob jemand bereits mehrere Praktika absolviert hat oder Novize in diesem Bereich ist.

          An diesem Mittwoch steht das Thema "Recherchestrategien" auf dem Programm. Zehn Studenten haben sich im Medienraum der geschichtswissenschaftlichen Fakultät versammelt. In jedem Tisch sind Monitore eingelassen, doch benutzt werden sie nicht. Stattdessen erzählt Nicole Willnow anderthalb Stunden lang von Betrieben, Spezialpublikationen für Praktika und den effektivsten Wegen der Recherche. Nach einer halben Stunde bindet sie die Studenten erstmals mit in den Unterricht ein. Sie sollen von ihren bisherigen Erfahrungen mit Praktika berichten. Die Ergebnisse der kleinen Diskussion fasst Willnow in zwei Tabellen zusammen. Dann ist die Sitzung zu Ende.

          Keine Zeit für grundlegende Fragen

          Das Vorbereitungsseminar zum Berufspraktikum fungiert in den Departments Philosophie und Geschichtswissenschaft als Scharnier zwischen zwei weiteren obligatorischen Veranstaltungen im Bereich der ABKs. Im ersten Jahr erlernen die Neuankömmlinge im Kurs "EDV für Geisteswissenschaftler" die Grundlagenkenntnisse der gängigen Officeanwendungen wie Word und Exel. Als Abschlusseminar im fünften oder sechsten Semester steht Projektmanagement auf dem Programm.

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