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Cusanus Hochschule : Eine Universität für Querköpfe

Der Philosophie-Professor Harald Schwaetzer und die Ingenieurin und Ökonomin Silja Graup haben eine Ökonomie-Hochschule gegründet. Bild: Jan Grossarth

Credits, Evaluationen, weltfremde Forschung – nein danke, sagten sich zwei Hochschullehrer und gründeten ihre eigene Uni. Eines ihrer Ziele: Sie wollen die Ökonomie neu erfinden.

          Bernkastel-Kues am schönen Weinfluss Mosel hat gewisse Ähnlichkeit mit Heidelberg, der großen Universitätsstadt. Die Bausubstanz mit Sandstein und Türmchen erinnert daran, der Fluss, die Hügel mit ihren Burgen, die von japanischen Touristen okkupierten German Restaurants. Ja, und auch eine Universität gibt es hier. Weil sie noch neu ist und erst im Krabbelstubenalter, ist sie klein und im Stadtbild nicht zu sehen. Das Verwaltungsgebäude liegt in einer Büroetage über einer Naturheilpraxis. Lesesäle gibt es im Rathaus, wo auch das Bürgermeisterbüro und der TÜV sind. Weitere Räumlichkeiten bietet eine ehemalige Synagoge, eine alte Jugendherberge hoch über dem kleinen Heidelberg.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Etwa 90 Studierende hat die Cusanus Hochschule, sie haben den Altersschnitt von Bernkastel-Kues nur leicht gesenkt – zumal die wenigsten hier wohnen. Das Studium ist in wochenweise Blockseminare aufgeteilt, niemand muss hier wohnen, auch wenn es ein romantischer Ort ist. Studenten kommen aus Berlin, Frankfurt oder Dresden, für die meisten gibt es Schlafräume in der Jugendherberge.

          Der Sinn der Neugründung besteht darin, die alte Universität zu retten. Hier sollen sich Persönlichkeiten ausbilden und nicht standardisierte Baukastenmodulköpfe produziert werden. „Seit Bologna droht, dass die Universität nicht mehr ihre Aufgaben freier Bildung für die Gesellschaft wahrnehmen kann“, meint der Mitgründer und Vizepräsident der Cusanus Hochschule Harald Schwaetzer.

          Studieren lässt sich hier Philosophie oder Ökonomie, beides als Bachelor- oder Master-Studiengang. Der Blick auf den Modulplan verrät, dass zum Beispiel der Ökonomiestudiengang sich inhaltlich stark von dem an anderen Universitäten unterscheidet. Das liegt nicht nur daran, dass die Seminare alle in kleinen Gruppen stattfinden und wochenweise, sondern auch an der inhaltlichen und methodischen Breite. Neben der reflektierten Vermittlung ökonomischen Standardwissens und ideengeschichtlichen Grundlagen stehen Seminare wie Gemeinwohl, Kommunikation und Kulturwissenschaft auf dem Lehrplan (siehe Kasten).

          Wissen soll hart erworben werden

          Am Anfang eines Semesters steht eine Woche Studium Generale, das hier „Studia humanitatis“ heißt. Hier kann die Philosophie des Deutschen Idealismus ein Gegenstand des Unterrichts sein, die Existenzphilosophie, Schriften über das sogenannte humanistische Menschenbild, wobei sich die Hochschule auch auf ihren Namenspatron und den großen Sohn der Stadt, Nikolaus von Kues, bezieht. Er steht hier für den Wissens- und Forschungsdrang der Renaissance, für die Reflexion persönlicher Perspektive im wissenschaftlichen Erkenntnis- und Abstraktionsprozess. Das Ideal der Hochschule ist damit und in Abgrenzung gegenüber der modularisierten Massenuniversität beschrieben. „Wir sind aber keine Träumer, sondern schaffen neue Denkräume für wichtige Gegenwartsfragen“, sagt die Vizepräsidentin und Mitgründerin Silja Graupe. Wissen soll hier hart erworben werden, nicht aber streberhaft antrainiert und via „Multiple-Choice“ ausgespuckt.

          Aber es geht nicht nur um akademische Freiheitsversprechen. In Bernkastel-Kues soll die Volkswirtschaftslehre ganz anders verstanden und vermittelt werden. Silja Graupe, Ingenieurin und Ökonomin mit zunehmendem Hang zur Philosophie, hat eigentlich deshalb die Cusanus Hochschule gemeinsam mit dem Philosophie-Professor Harald Schwaetzer gegründet. Beide lehrten zuvor in Bonn an der privaten und anthroposophisch orientierten Alanus-Hochschule.

          Graupe unterrichtete dort Volkswirtschaftslehre nach ihrer Art, wollte diese jedoch im gesamten Ökonomiestudium verankern. „Wichtig ist mir“, sagt sie, „das Wirtschaftsstudium grundlegend inhaltlich wie strukturell zu reformieren, insbesondere auch in den Kernfächern selbst.“ Dem ökonomischen Mainstream, wie er heute weltweit standardisiert an Hochschulen gelehrt wird, wirft sie letztlich vor, verkappte Ideologien zu transportieren. Dabei lehnt sie diese Modelle oder neoliberale Theorien nicht per se ab. Aber sie würden oft und in aller Regel kultur- und geistesgeschichtlich unvermittelt und nicht eingeordnet gelehrt. Kritische Reflexion unterbleibe, so dass es zur unbewussten Übernahme von Grundüberzeugungen bei Studierenden kommen könne.

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