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Christliche Netzwerke : Nächstenliebe mit Nebeneffekt

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. / Tresckow

Das christliche Netzwerk ist nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der größten der Welt. Es kann auch Studenten von der Hochschule ins Berufsleben tragen.

          Eine Party an der Karl-Marx-Allee in Berlin: Die Musik ist wie überall elektronisch, die Lichter sind bunt und gedimmt. Ein paar Leute stehen im Kreis und unterhalten sich, andere halten sich an ihrem Bier fest. Ein ganz gewöhnliches Fest. Fast. Gleich neben dem Eingang steht ein junger Herr. Seine Jeans, das weiße Hemd und die selbstbewusste Haltung erfüllen alle Ansprüche an den Typ „erfolgreicher Young Professional“. Mit einem Lächeln streckt er die Hand aus. „Hallo, wie geht's?“, fragt er. „Ich bin Markus. Und du? Kann ich dir jemanden vorstellen?“ Die Party ist doch keine gewöhnliche Party, sondern ein Netzwerktreffen - und zwar ein christliches.

          Das macht Sinn, denn immerhin sind rund zwei Milliarden Menschen auf der Erde Christen. Die christlichen Kirchen bilden potentiell nicht nur eines der größten, sondern auch eines der ältesten Netzwerke der Welt. An den deutschen Hochschulen finden sich christliche Studenten vor allem in sieben großen Studentenorganisationen zusammen. Hier wird nicht nur die Bibel gelesen und diskutiert. Angeboten werden auch berufsrelevante Kongresse, Fachgruppen und Auslandsprojekte. Evangelische und katholische Studenten haben außerdem die Möglichkeit, sich auf besondere Stipendien der Kirchen zum Beispiel zu bewerben. Überdies stellen manche Unternehmen gerne Christen ein. „Bei einem Christen vertraut man darauf, dass er Eigenschaften wie Ehrlichkeit, einen guten Umgang mit seinen Mitmenschen und Verantwortungsbewusstsein mitbringt“, sagt jedenfalls Tanja Kessel von der Personalvermittlung „Christen im Personal-Service“. Das schätzen natürlich viele Arbeitgeber. Christen müssten also gute Karten auf dem Arbeitsmarkt haben.

          Unter Brüdern und Schwestern

          Auf der Berliner Party sitzt mittlerweile auf einem großen roten Sofa ein weiterer Markus. Kein „Young Professional“ diesmal, sondern ein leitender Manager mit blauem Anzug und Krawatte. „Natürlich sind mir Christen meist sympathisch“, gibt er unumwunden zu. Er sei schließlich selbst einer. Aber jemanden nur seines Glaubens wegen einzustellen? Der Manager schüttelt den Kopf. Das könne er sich gar nicht leisten. „Wirtschaft ist Wirtschaft. Ohne Fähigkeiten und Leistungsbereitschaft gibt es keinen Ertrag“, sagt er. Komme aber ein Student aus seiner Kirchengemeinde mit der Frage auf ihn zu, wie er sich am besten bewerben könne, widme er sich ihm vielleicht schon etwas mehr als einem Nichtchristen. „Unter Christen steht man nicht einem Fremden gegenüber, sondern einem Bruder oder einer Schwester“, sagt Markus. „Egal ob man ihn schon kennt oder nicht, aus welchem Land er kommt, aus welcher Schicht oder wie alt er ist.“

          Soziologen beschreiben diese Situation so: Christliche Netzwerke haben das Potential, dass in ihnen aus „schwachen“ Beziehungen leicht „starke“ werden. Martin Diewald, Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Bielefeld, erläutert das genauer: Als sogenannte schwache Beziehungen werden zum Beispiel flüchtige Bekanntschaften bezeichnet. Starke Beziehungen dagegen sind geprägt von einer intensiveren Verbundenheit und oft begleitet von langem persönlichem Umgang. Berufseinsteiger könnten solche Beziehungen beispielsweise für Empfehlungen nutzen. „Bestimmte Gefallen kann man nur von starken Beziehungen erwarten“, sagt Diewald.

          Schwache Beziehungen hingegen wirkten sich vor allem dann positiv aus, wenn jemand Zutritt zu neuen Kreisen erlangen wolle. „Über sie kann er Informationen zu ihm noch unbekannten Welten bekommen, da sich bei schwachen Beziehungen der Erfahrungshorizont der Beteiligten wenig deckt“, formuliert der Soziologe den Sachverhalt. Das ist wichtig für Hochschulabsolventen, die für den Berufseinstieg ihr Hauptlebensumfeld - die Universität - verlassen müssen.

          Aus allen Studienrichtungen und aus allen sozialen Schichten

          Im Vergleich zu nichtkonfessionellen Gruppen wie den Alumni-Vereinen der verschiedenen Hochschulen oder Stipendiatennetzwerken haben christliche Gruppen die Besonderheit, dass sie aufgrund ihrer Größe und weiten Verzweigtheit sehr viele dieser „schwachen Beziehungen“ aufweisen. Christen kämen schließlich aus allen Studienrichtungen und sozialen Schichten, erläutert Diewald. Hinzu komme, dass unter ihnen aus Fremdheit schnell Vertrautheit werde, selbst wenn die persönliche Bekanntschaft gering sei - eine sehr vorteilhafte Kombination für erfolgreiches Netzwerken.

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