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Hochschul-Chefs : Der Uni-Präsident, das unbekannte Wesen

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Wissenschaftler und Gastgeber: Garabed Antranikian, früherer Präsident der Technischen Universität Hamburg, hat sogar Erstsemester bekocht. Bild: Ullstein

Auch Unis haben Chefs, doch kaum einer kennt sie. Wer steht da an der Spitze – und was macht er oder sie eigentlich?

          Preisfragen an Studenten: Wer leitet die von ihnen besuchte Hochschule an der Spitze? Ist es ein Mann oder eine Frau, und ist der Name bekannt? Die meisten würden da wohl passen, schätzt Isabel Roessler. Als die Sozialwissenschaftlerin noch an der Ruhr-Universität in Bochum studiert hat, hätte sie den Präsidenten ihrer Hochschule noch nicht einmal erkannt, wenn er ihr auf dem Campus begegnet wäre. Heute aber kann die Projektmanagerin am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh so ziemlich jede Leitung einer deutschen Universität namentlich benennen. Schließlich ist ihre Bestandsaufnahme mit dem Titel „Check – Universitätsleitungen in Deutschland“ noch nicht sehr alt. „Wir wollten überprüfen, ob die landläufige Meinung zutrifft, dass deutsche Hochschulleitungen männlich, alt und weiß seien“, sagt sie. Das Ergebnis der Analyse lässt sich in aller Kürze zusammenfassen: „Ja, das stimmt“, so die Autorin.

          Die Leitungskräfte der 81 vom CHE untersuchten deutschen Universitäten sind im Durchschnitt 59 Jahre alt, mehr als drei Viertel sind männlich, und fast alle kommen aus westdeutschen Bundesländern. Nur vier Personen haben einen Geburtsort im Ausland, jemand aus den neuen Bundesländern ist nicht vertreten. „Das hat uns schon überrascht“, sagt Isabel Roessler. Aber die Wende habe eben auch das Ende so mancher Hochschulkarriere im Osten bedeutet: Wer neu aus dem Westen berufen wurde, der brachte seinen Mittelbau, also Doktoranden und Dozenten, meistens mit – da waren viele Stellen erst einmal besetzt. Und wer im Osten die Überprüfung auf Unbedenklichkeit bestand, verlor dennoch ein Stück Identität und Selbstsicherheit und traute sich eine herausragende Leitungsposition oft nicht mehr zu. „Aber das wird sich ändern“, sagt die Autorin. „Unsere Auswertung ist ein Zufallsprodukt, eine Bestandsaufnahme vom Dezember 2018.“ Roesslers Überzeugung: Je heterogener die Studentenschaft von heute ist, desto vielfältiger ist auch der Kandidatenkreis für Rektoren oder Präsidentinnen von morgen. „Das ist eine Frage der Zeit.“

          Manchmal ist es aber auch eine Frage der Definition. Zu den vier deutschen Hochschulen mit ausländischer Leitung gehört beispielsweise die Technische Universität Hamburg – kurz: TUHH – unter dem Niederländer Hendrik Brinksma, ganz leger „Ed“ genannt. Hätte Isabel Roessler die Daten schon ein Jahr früher erhoben, dann hätte sie noch Brinksmas Vorgänger, einen Deutschen, der heute 67 Jahre alt ist, vorgefunden. So weit alles Schema F – das dieser Name allerdings sprengt: Garabed Antranikian ist nämlich ein in Jordanien geborener armenischer Flüchtling. Dass es Brinksmas Vorgänger bis nach Deutschland und für beinahe acht Jahre an die Spitze der TUHH geschafft hat, hat mit Ehrgeiz und Erfolg zu tun – und mit Zufall. Denn eigentlich wollte der frühere Masterstudent der Amerikanischen Universität Beirut ein Visum für die Vereinigten Staaten beantragen. Aber damals herrschte Bürgerkrieg im Libanon, und der Weg zur amerikanischen Botschaft war lebensgefährlich, während die deutsche etwas mehr „ab vom Schuss“ lag. Antranikian ging also nach Göttingen, habilitierte in Mikrobiologie und erhielt einen Ruf nach Hamburg.

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