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Hochschul-Chefs : Der Uni-Präsident, das unbekannte Wesen

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Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat einst über die Entwicklung von Expertenorganisationen habilitiert. „Da lag es nahe, das Forschungswissen auch mal in der Praxis zu erkunden“, sagt Ada Pellert. Und siehe da, die Wirklichkeit bestätigt die Theorie, dass gutes Management sich von guter Wissenschaft erheblich unterscheidet. „Manager entwickeln eine Organisation und bringen Menschen zur Zusammenarbeit, sie müssen viel kommunizieren, Themen besetzen und Ideen vorantreiben. Wissenschaftler liefern Beiträge für ihre Disziplin. Das sind andere Aufgaben.“ Die sich aber bei der Leitung einer Hochschule wiederum verbinden müssen: „Man muss die Logik des Forschungssystems schon gut kennen, sonst wird man nicht akzeptiert“, so die Professorin.

Die drei goldenen Regeln, für alle, die ins Präsidium einer Uni wollen: Sie sollten sich erstens die Unterschiede zwischen Wirtschaft und Wissenschaft bewusstmachen. „In einer Schuhfabrik müssen alle zusammenarbeiten. Aber einer Universität wird auch schon mal nachgesagt, dass sie nur von der Zentralheizung zusammengehalten werde: Die Mitarbeiter verstehen sich in erster Linie als Physiker oder Historiker“, so Pellert. Zweitens sollten sie sich selbst genau prüfen und ausprobieren, ob der Job als Prorektor oder Dekan glücklich macht: „Das ist ein Perspektivenwechsel und anders als Forschung.“ Fühlt sich die neue Funktion gut an, gilt es – drittens – in Sachen Kommunikation ein hohes Tempo vorzulegen: „Man sollte die Fakultäten sehr ernst nehmen, sich ständig austauschen und Verbündete gewinnen“, rät die Hochschulmanagerin.

Dreißig Prozent Repräsentation, der Rest harte Arbeit

Eigentlich alles Eigenschaften, die man Frauen gemeinhin nachsagt: Rektorin Pellert sieht zumindest österreichische Hochschulen auf einem guten Weg. „Als ich 1999 Vizerektorin der Universität Graz wurde, gab es noch keine einzige Rektorin in Österreich. Heute ist das Bildungsmanagement dort schon gut zwischen Männern und Frauen verteilt“, sagt sie. Und auch Deutschland verändert sich: Sogar die Universität der Bundeswehr in München hat eine Präsidentin, die Fernuniversität Hagen mit einer Kanzlerin eine weibliche Doppelspitze. Und wie genau die Lage an bundesdeutschen Fachhochschulen aussieht, will das CHE im Herbst veröffentlichen. „Die Hochschulleitung sollte so bunt sein wie die Hochschule selbst“, findet Ada Pellert.

Nachholbedarf gibt es auch bei der Altersstruktur, aber selbst die ist in Bewegung: Mit 36 Jahren schaffte es der Anglist Joybrato Mukherjee, gebürtiger Rheinländer und Nachfahre indischer Einwanderer, bereits vor 10 Jahren an die Spitze der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Den Jugend-Award hat er inzwischen an den Rektor der Technischen Universität Chemnitz, Gerd Strohmeier, abgeben müssen. Der ist 43 Jahre alt. Bleiben also jüngere Führungskräfte einfach länger im Amt? Professor Antranikian ist wieder Leiter des Instituts für Technische Mikrobiologie, obwohl er auch in den Ruhestand hätte wechseln können: „Das war mein Deal“, sagt er. „Ich wollte nach der Amtszeit wieder zurück. Forschung ist mein Traumjob.“

Dennoch möchte er die Jahre als Präsident nicht missen: „Ich habe viele interessante Leute kennengelernt. Und es ist schön, wenn man das erste Mal in die Elbphilharmonie eingeladen wird“, sagt er und lacht wieder sein jungenhaftes Lachen. Aber alle, die das amerikanische System kennen, wo der Uni-Präsident von einer Gala zur nächsten reist, warnt er vor: „Nur Sekt trinken ist nicht.“

Allenfalls 30 Prozent der Zeit eines bundesdeutschen Hochschulleiters sei Repräsentation, „der Rest ist harte Arbeit“. Professorin Pellert empfindet es als Privileg, dass sie immer wieder auf neue Inhalte und Leute trifft, etwa bei den Absolventenfeiern. Spätestens von da an dürften die meisten Fernhochschüler den Namen ihrer Rektorin kennen. Die TUHH legt noch einen drauf: Garabed Antranikian hat seine Studenten nicht nur verabschiedet. Er hat alle Erstsemester mit einer Rede begrüßt, und mit einigen hat er gekocht. Zumindest die dürften seinen Namen immer noch kennen.

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