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Hochschul-Chefs : Der Uni-Präsident, das unbekannte Wesen

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„Frauen haben sich stärker professionalisiert als Männer“

Dass er es dort erst zum Leiter des Instituts für Technische Mikrobiologie, dann zum Vizepräsidenten der Lehre und schließlich, im Jahr 2010, zum Präsidenten brachte, führt Antranikian auf seine Fähigkeit als Netzwerker zurück: „Wissenschaftler zu sein, das reicht überhaupt nicht“, sagt er. „Als Präsident musst du die Leute mitnehmen.“ Der Professor spricht fünf Sprachen, er kann begeistern und Projekte managen, wie er vor seiner Berufung in einer EU-Initiative mit 58 Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft bewiesen hatte. „Wissenschaft allein war mir nicht genug“, sagt er. „Da war immer die Frage: Was mache ich mit den Erkenntnissen?“ Als die Kollegen ihn zu einer Bewerbung überreden wollten, hatte Antranikian allerdings eine Bedingung: „Ich kann das nur machen, wenn ich etwas verändern darf.“ Der frisch gewählte Präsident wollte damals seine Universität im Ranking nach vorne bringen, mehr Innovation und Kooperation initiieren: „Die Herausforderungen der Zukunft sind so komplex, und Forschung ist interdisziplinär geworden“, sagt er. „Keiner kann das mehr allein machen.“ Aber Zusammenarbeit von oben anordnen, das funktioniert in einem Wissenschaftsbetrieb nicht, das war Antranikian klar. Also schuf er Anreize durch neue Programme und Budgets, mehr Campusleben durch zusätzliche Sitzecken, Begrünungen oder präsidentielle Kochkurse für Wissenschaft und Wirtschaft – etwa für Studierende, Banker oder die Wissenschaftssenatorin der Stadt. „Ich habe versucht, Orient und Okzident zusammenzubringen. Alles fördert Kommunikation, und dann schafft man die Dinge viel leichter“, sagt der leidenschaftliche Koch und lacht. „Man muss auch neue Wege gehen.“

Ursprünglich wollte Garabed Antranikian an seinen Amerika-Plänen festhalten – und hat sich dann doch für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden: „Ich bin hier glücklich, weil wir Frieden und Freiheit haben. Während meiner Doktorarbeit habe ich so manche Nacht durchgearbeitet, aber das war mir egal, solange niemand geschossen hat.“

Dennoch tun es ihm nicht viele internationale Wissenschaftler nach und bewerben sich auf Präsidentenstellen, wie sie gerade die Universität Göttingen für den Januar 2020 ausgeschrieben hat, die „mehrjährige Leitungserfahrungen an einer Forschungseinrichtung, internationale wissenschaftliche Reputation und Erfahrungen mit internationalen Wissenschaftskooperationen“ voraussetzt. Isabel Roessler erklärt den Mangel an Internationalität in der Umsetzung mit der Komplexität der deutschen Sprache: „Ein Präsident muss auch Behördenerlasse verstehen können.“

Antranikian kann das bestätigen: „Man verhandelt ja auch mit Senatoren und Beamten, da kommt man mit Englisch nicht weit.“ Ein zweites Hindernis sieht der Mikrobiologe in der geringen Flexibilität und Risikobereitschaft klassischer Universitäten hierzulande – und in einer Berufungspolitik, die lieber Kollegen befördert, als Querdenker von außen dazuzuholen. „Wenn wir international sein wollen, müssen wir auch externe Fachkräfte aus der Wirtschaft in die Findungskommission holen, die Managementkompetenzen viel besser als Wissenschaftler beurteilen können.“ Göttingen hat das gerade getan, Kienbaum-Berater begleiten die Arbeit der Findungskommission. Diese muss eine Nachfolge für Ulrike Beisiegel finden, die erste Frau an der Spitze der im Jahr 1737 gegründeten Universität.

Dabei hat Soziologin Roessler geschlechtsspezifische Unterschiede festgestellt: „Frauen haben sich stärker als ihre männlichen Kollegen für die Leitung einer Universität professionalisiert“, sagt sie. Sie waren vorher häufiger im Ausland, an einer anderen Hochschule und in unterschiedlichen Leitungspositionen, etwa als Dekanin oder Vizepräsidentin tätig. Als Beispiel nennt die Autorin Ada Pellert, Rektorin der Fernuniversität in Hagen, die vorher schon in Graz, Berlin oder sogar Peking Führungspositionen an Hochschulen innehatte: „Sie hat bewiesen, dass sie in verschiedenen Kontexten funktioniert.“

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