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BWL 4.0 : Wenn Forschung und Lehre verschmelzen

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Smartphone im Hörsaal - na klar! Doch wie wäre es mal mit Smartphone statt Hörsaal? Bild: dpa

Betriebswirtschaftslehre gilt oft als verstaubtes Fach mit Frontalvorträgen und überfüllten Hörsälen. Dabei hält die BWL 4.0 längst Einzug: Studenten chatten mit Dozenten, gucken Vorlesungen im Netz und lernen per Smartphone-App.

          Überfüllte und fensterlose Hörsäle, Frontalvorträge von Professoren - in vielen Köpfen findet sich noch heute diese Vorstellung vom klassischen BWL-Studium an Universitäten. Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hält jedoch auch hier die digitale Transformation Einzug. Die Digitalisierung von Lehrinhalten erlaubt ganz neue Formen der universitären Interaktion zwischen Hochschullehrern und Studierenden. Damit wird das Humboldtsche Bildungsideal einer Einheit von Forschung und Lehre nicht konterkariert, sondern gerade erst beflügelt. Denn der Einsatz digitaler Lernmedien ist eine Chance für die Lehre: Statt in der Massenvorlesung Grundlagenwissen zu referieren, können Wissenschaftler durch digital unterstützte Lehrveranstaltungen intensiver als bisher mit Studierenden in einen interaktiven Diskurs treten und spannende Einblicke in die Forschung an den aktuellen Fragen ihres Fachs geben. Das bringt Vorteile für die Studierenden, die auf diese Weise im Sinne eines forschenden Lernens deutlich besser und nachhaltiger ausgebildet werden als bisher, aber auch für die Lehrenden selbst. Denn die fachliche Auseinandersetzung mit der unverbrauchten und neugierigen Perspektive der Studierenden ist ein idealer Nährboden für neue Forschungsideen und das Heranziehen begeisterter wissenschaftlicher Nachwuchskräfte.

          Das Spektrum der digitalen Lernmedien, die in betriebswirtschaftlichen Lehrveranstaltungen an Universitäten genutzt werden, ist breit. Es umfasst webbasierte Lernplattformen wie Ilias oder Moodle, elektronische Hausaufgaben- und Klausursysteme, Online-Tutorien, smartphonebasierte Voting-Systeme (TED), Professoren-Chats, Aufzeichnung von Vorlesungssequenzen, aber auch den Einsatz von Wikis oder Blogs bis hin zur Bündelung von unterschiedlichsten digitalisierten Lehrmaterialien auf einem virtuellen eCampus. All diese Maßnahmen setzen darauf, das Potential der heutigen Studierendengeneration, als Digital Natives kompetent und selbstgesteuert mit neuen Medien umzugehen, für die Lehre nutzbar zu machen.

          Ein besonders innovatives Beispiel für die gelungene Umsetzung der digitalen Transformation in der Hochschullehre ist das Konzept des Inverted Classroom, mit dem nicht nur die Kleingruppenübung, sondern auch die traditionelle Großveranstaltung zu einem lebendigen Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden wird. Praktisch dreht der Inverted Classroom die herkömmliche Lernsequenz „Vorlesung - Übung - Selbststudium“ um: Anders als bisher erarbeiten sich die Studierenden zunächst eigenständig die fachlichen Grundlagen zu einer betriebswirtschaftlichen Themenstellung. Erst dann folgt der auf interaktives und forschendes Lernen setzende Präsenztermin im Hörsaal, der im Idealfall auch noch per Live- oder Videostream ins Internet gestellt wird. Dieses Vorgehen ist möglich, weil durch den Einsatz digitaler Lernmedien der vorgeschaltete eigenständige Lernprozess strukturiert begleitet wird. Zusätzlich zu den klassischen Lehrbuchtexten werden im Vorfeld nämlich auch Video-Tutorials und Übungen elektronisch bereitgestellt. Mit ergänzenden Vorlesungsaufzeichnungen und webbasierten Tests können die Studierenden den behandelten Stoff wiederholen und vertiefen - ganz nach dem Motto: Lernen Sie, wann, wo und wie Sie wollen.

          „Begeisterte und gut vorbereitete Studierende“

          Einer der Pioniere in der BWL für dieses Konzept ist Stefan Helber an der Universität Hannover, der seine Grundlagenveranstaltung im Fach Produktion mit mehr als 700 Studierenden als Inverted Classroom gestaltet. Sein Fazit ist uneingeschränkt positiv: „Ich erlebe begeisterte und gut vorbereitete Studierende, Unterrichtsgespräche statt Frontalunterricht, sehr anspruchsvolle Fragen aus dem Auditorium, motivierte Zuhörerinnen und Zuhörer und ein erfreuliches Prüfungsergebnis“, so Helber. Es zeige ihm, dass der Einsatz digitaler Lernmedien eine ganz neue Chance für die Einheit von Forschung und Lehre der BWL an Universitäten biete. Auch die Scientific Community hat er überzeugt: Gleich drei Wissenschaftliche Kommissionen im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft haben Stefan Helber für die Auszeichnung mit dem VHB-Lehrbuchpreis vorgeschlagen, der auf der jährlichen Pfingsttagung des Verbands, die in diesem Jahr vom 27. bis 29. Mai an der Wirtschaftsuniversität Wien stattfindet, vergeben wird.

          Intelligent umgesetzt, ist die digitale Transformation damit eine wichtige Voraussetzung, um forschendes Lernen zu ermöglichen. Dies spielt gerade im universitären BWL-Studium eine große Rolle. Hier geht es nämlich nicht nur darum, kaufmännische Techniken zu vermitteln. Die BWL-Studierenden müssen sich vielmehr in abstrakte und komplexe Fragestellungen und Denkweisen einarbeiten. Denn als Universitätsabsolventen müssen sie in der Lage sein, den betriebswirtschaftlichen Werkzeugkasten kritisch zu reflektieren und auch neuartige Problemstellungen erfolgreich zu lösen. Gerade das setzt voraus, dass sie in ihrem Studium gelernt haben, mit der aktuellen betriebswirtschaftlichen Forschung, die tradierte Praktiken immer wieder in Frage stellt, umzugehen und deren Erkenntnisse gestaltungsorientiert im betrieblichen Umfeld umzusetzen. BWL-Absolventen, die von Unternehmen heute händeringend gesucht werden, brauchen deshalb mehr denn je die interaktive Auseinandersetzung mit akademischen Lehrern, die auch in der Forschung engagiert sind. Damit diese sich wiederum in ihren Veranstaltungen auf das forschende Lernen, also die Erarbeitung von Lösungsvorschlägen für anspruchsvolle und weiterführende betriebswirtschaftliche Fragestellungen, konzentrieren können, bietet die digitalisierte Vermittlung von standardisierten Techniken und Grundlagenwissen die notwendige Begleitung. Und ganz nebenbei erlaubt die Digitalisierung der Lehre auch noch die vielfach geforderte Binnendifferenzierung innerhalb der Studierenden-Community. In Abhängigkeit von Vorwissen, Lerntypus oder Aufnahmefähigkeit können digitale Lerninhalte nämlich beliebig oft und mit individueller Geschwindigkeit und Intensität abgerufen werden.

          Kein Kostensparmodell

          Wer allerdings glaubt, die digitale Transformation in der Lehre im Sinne einer BWL 4.0 sei gleichzeitig ein Kostensparmodell für Universitäten, liegt falsch - und das nicht nur bezogen auf die erheblichen Anfangsinvestitionen, die getätigt werden müssen, um die bestehenden Inhalte für digitale Lernmedien didaktisch effektiv aufzubereiten. Gerade die Kosten einer laufenden Nutzung dürfen nämlich nicht außer Acht gelassen werden. Was passiert, wenn sich digitale Umgebungen weiterentwickeln und bereits produzierte Medien auf neuen Systemen nicht mehr nutzbar sind? Wie häufig müssen digitale Lerninhalte aktualisiert werden? Wie werden bestehende digitale Lernmedien vernünftig archiviert, was auch prüfungsrechtlich bedeutsam sein kann. Und last, but not least: Wie werden Lehrende hochschuldidaktisch begleitet, um die große Vielfalt digitaler Lernmedien sachgerecht einzusetzen? Wenn Universitäten und die Bildungspolitik das Thema Digitalisierung in der Lehre ernst nehmen, dann tun sie gut daran, die dafür erforderlichen Ressourcen ehrlich einzuschätzen und auch dauerhaft zur Verfügung zu stellen.

          Die digitale Transformation in der Lehre ist ein Thema, das unter dem Motto „Einheit von Forschung und Lehre - up-to-date oder obsolet“ auch auf der Agenda der Hochschullehrer und -lehrerinnen für Betriebswirtschaft im Rahmen ihrer diesjährigen Pfingsttagung steht, die an diesem Mittwoch beginnt. Expertise aus der Unternehmenspraxis für dieses Thema bringt unter anderem die Schmalenbach-Gesellschaft ein. Mit deren Präsidenten, dem Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Stefan Krause, dem Roche-Finanzvorstand Alan Hippe sowie dem Vorstandsvorsitzenden von Audi, Rupert Stadler, diskutieren sie, welche Chancen und Risiken sich aus der digitalen Transformation ergeben. Und was wäre ein besserer Rahmen dafür als die Wirtschaftsuniversität Wien. Für sie ist in den letzten Jahren in der Nähe des Praters mit Baukosten von fast 500 Millionen Euro eines der weltweit modernsten Campusgelände für rund 20 000 Studierende bereitgestellt worden - mit allen technischen Raffinessen digitaler Lehr- und Lerninfrastrukturen, die heute zur Verfügung stehen.

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