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Bummelstudenten : Studieren ohne Ende

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Bachelor- und Masterstudiengänge sind auf Effizienz getrimmt. Wer die Regelstudienzeit überschreitet, gilt schnell als Bummelstudent. Doch meist gibt es gute Gründe.

          Endlich geschafft! Als Lisa Schmidt im Herbst dieses Jahres ihre Bachelor-Arbeit fix und fertig getippt, ordnungsgemäß gebunden und pünktlich zum Abgabetermin in den Händen hielt, war die Kunsthistorik-Studentin stolz - und sehr erleichtert. Denn die Abschlussarbeit war für die 27-Jährige, die ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, auch ein Schlussstrich unter einen schwierigen Lebensabschnitt. Endlich: Keine Rechtfertigungen mehr dafür suchen, warum sie immer noch nicht den Abschluss geschafft hat. Keine Vergleiche mehr mit Kommilitonen, die wie sie im Sommer 2006 ins erste Semester gestartet waren und inzwischen längst ihre Abschlüsse in der Tasche hatten. Keine Fragen mehr, wann es denn nun endlich so weit sei. Oder ob sich das überhaupt noch lohne: ein Bachelor-Abschluss in Kunsthistorik nach mehr als zwölf Semestern? Was wohl die Personaler im Bewerbungsgespräch dazu sagen werden? Lisa Schmidt interessieren solche Vorbehalte nun nicht mehr: „Jetzt bin ich bereit für einen Neustart“, sagt die Studentin aus Köln.

          Wer wie Lisa Schmidt statt der üblichen sechs Semester für den Bachelor und rund vier Semester für den Master deutlich längere Zeit an der Uni verbringt, bekommt schnell einen wenig schmeichelhaften Stempel aufgedrückt: den des Bummelstudenten, der seine Zeit wohl hauptsächlich beim Feiern und Faulenzen verbringt und auf dem Arbeitsmarkt sowieso keine Chance hat. Mit diesem Image lebte es sich schon zu Magister- und Diplomzeiten nicht leicht - zahlreiche Universitäten führten extra Studiengebühren für Langzeitstudenten ein, um sie zur Eile anzutreiben. Studienförderung in Form von Bafög bekommt nur, wer die Regelstudienzeit nicht allzu weit überschreitet. Universitäten werden von Hochschulpolitikern und in Rankings danach bewertet, wie viele Studenten ihren Abschluss in der vorgesehenen Zeit schaffen. Und besorgte Eltern warnen ihre Sprösslinge vor kopfschüttelnden Personalern, die Bewerbungen von Langzeitstudenten gleich in den Papierkorb werfen.

          Noch mehr Kopfschütteln als früher

          In Zeiten der streng durchgetakteten Bachelor- und Master-Studiengänge löst die vermeintliche Bummelei nun noch mehr Kopfschütteln aus als früher; der Druck, in der vorgesehenen Zeit den Abschluss zu machen, steigt. „Es ist schon ein bisschen verrückt. Die meisten Studenten sind tatsächlich fest davon überzeugt, dass sie unter allen Umständen in sechs Semestern fertig werden müssen“, sagt Peter Schott, Leiter der Zentralen Studienberatung an der Universität Münster. Viele seien der Idee verfallen, dass Arbeitgeber nur Turbo-Studenten eine Chance geben. Und dass als Versager gelte, wer die Regelstudienzeit nicht einhält. „Wenn sie merken, dass sie auch nur ein oder zwei Semester länger brauchen, verfallen viele Studenten in Panik.“ Was wiederum oft kontraproduktiv sei: „Nicht selten resultieren aus dieser Panik regelrechte Depressionen, das Selbstwertgefühl dieser Studenten ist oft sehr gering. Sie machen sich selbst Vorwürfe, dass sie zu faul oder nicht gut genug seien“, sagt Schott. „Das sind nicht eben die besten Voraussetzungen, um gute Leistungen zu bringen.“

          Dabei seien solche Panikreaktionen meist unbegründet, denn ein, zwei oder auch drei Semester länger seien weder aus Sicht der Hochschulen noch aus Sicht der Arbeitgeber ein Problem - das habe im alten Studiensystem ebenso gegolten wie jetzt, sagt Schott. „Problematisch wird es erst, wenn man über mehrere Semester nicht mehr wirklich studiert und den Anschluss an den Unialltag verliert“, sagt Schott. Aus Spaß oder Faulheit werde jedoch kaum jemand zum Langzeitstudenten. „Da spielen oft zunächst persönliche Gründe eine Rolle, etwa eine Krankheit, eine Schwangerschaft oder ein privates Problem, das die Studenten kurzzeitig aus der Bahn wirft. Oder die Studierenden sind an einer wichtigen Prüfung im ersten Anlauf gescheitert und zweifeln danach an ihren Fähigkeiten.“ Hängt man erst mal mehrere Semester hinterher, droht ein Teufelskreis aus Selbstbeschuldigungen, schlechtem Gewissen und dem beschämenden Gefühl, nun als fauler oder unfähiger Langzeitstudent zu gelten.

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