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Bühnenbildner : Die Künstler hinter den Kulissen

Ein Schwarm von Kardinälen, ein Auge: Fertig ist die Bühne für Puccinis „Tosca” Bild: dpa

Bühnenbildner entwerfen Welten aus Pappmaché. Ihre Dienste sind gefragt in Theatern, beim Film und in der Werbung. Und manchmal auch von Politikern.

          Da saßen sie nun im Auto, irgendwo in Kuba, schauten im Jahr 2002 auf die Arche Noah und ängstigten sich vor den Löwen, die durch die Kulisse tapsten. Aus den Lautsprechern schallte Musik von A-ha, was die Szenerie noch unwirklicher erscheinen ließ. "Die Tiere hatten an diesem Tag noch nichts zu fressen", glaubt Pan Patellis noch heute. Der 42-Jährige arbeitet als Szenenbildner und hatte damals die Idee mit der neuzeitlichen Arche Noah für den Videodreh der norwegischen Popgruppe. Normalerweise ist seine Arbeit weniger gefährlich.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jahr für Jahr entstehen an deutschen Theatern 3000 Produktionen, auch der deutsche Film wird wieder erfolgreicher. Deshalb sind auch die Perspektiven für Szenen- und Bühnenbildner gut, egal ob sie freiberuflich oder als Festangestellte arbeiten. Sie entwerfen Kulissen für Film- und Fernsehproduktionen, für Werbeaufnahmen und Musikvideos oder für Inszenierungen an Opern- und Schauspielhäusern. Sie arbeiten im Hintergrund, ihre Namen erscheinen immer erst im Abspann. Aber sie verleihen den Produktionen ein Gesicht.

          Pragmatiker sind gefragt

          "Die Leute müssen richtig gut sein und eine gehörige Portion Glück haben. Dann können sie von ihrer Arbeit sehr gut leben", sagt Sebastian Hellwig, der Leiter des Bühnenwerks in Hamburg und Vorstandsmitglied der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft in Bonn. Das gelte für Bühnen- und Szenenbildner genauso wie für viele andere künstlerische Berufe. Deshalb sei es wichtig, bereits während des Studiums Kontakte zu knüpfen. "Oft werden Bühnen- und Szenenbildner von den Regisseuren ausgesucht. Die muss man kennen", sagt Hellwig.

          Phantasie, Kreativität, aber auch eine gehörige Portion Pragmatismus sind weiterhin Dinge, die Szenen- und Bühnenbildner für ihre Arbeit benötigen. Sie müssen ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen haben, Interesse an Kunst zeigen, architektonisches Wissen vorweisen und eine gute Allgemeinbildung, Organisationstalent und Verhandlungsgeschick besitzen. Wer freiberuflich arbeitet, muss zudem Auftraggebern seine Ideen anpreisen können.

          Dann geht es los. Vieles ist Kopfarbeit. Während der Recherchen, mitunter auch bei einem Spaziergang im Wald entstehen die Bilder in den Gedanken. Skizzen werden gemacht, wieder verworfen, neu gemacht. Tage, Wochen, manchmal Monate kann dieser Prozess dauern. Es ist ein Beruf zwischen Handwerk und Kunst. Das Ergebnis sind Erlebniswelten, aufgebaut für den Moment oder eine Spielzeit. Szenen- und Bühnenbildner erfinden ihre eigene Wirklichkeit.

          Fünf Jahre Studium

          Die Kulisse soll das Auge des Betrachters einfangen und den Blick nicht mehr loslassen, sie soll faszinieren, der Handlung und dem Gesang auf der Bühne einen passenden Rahmen geben oder ein Produkt in der Werbung in den Mittelpunkt stellen. Seit einigen Jahren greifen auch Parteien auf solche Dienste zurück.

          Bühnen- und Szenenbildner lernen ihr Handwerk in Deutschland in der Regel an einer Kunstakademie, das Studium dauert fünf Jahre und endet mit einem Diplom. Aber nicht jeder kommt in den Genuss einer klassischen Ausbildung. Wer an einer Hochschule aufgenommen werden möchte, muss zeigen, dass er eine besondere künstlerische Begabung besitzt. Wohl auch deshalb gilt, was Jakob Niedermeyer, künstlerische Lehrkraft an der Universität der Künste in Berlin, sagt: "Die Ausbildung ist hierzulande sehr fundiert und umfassend."

          An der Universität der Künste in Berlin gibt es seit der Neugründung der Hochschule 1945 eine Klasse für Bühnenbild. Weitere Studienorte sind unter anderem die Hochschulen für bildende Künste in Hamburg und Dresden, die Kunstakademie Düsseldorf und die Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Die Technische Universität Berlin bietet eine viersemestrige Weiterbildung an; Voraussetzung ist ein Hochschulabschluss in den Fächern Architektur oder Bauingenieurwesen. Szenenbildner lernen etwa an der Staatlichen Schule für Gestaltung in Karlsruhe, an der Internationalen Filmschule Köln oder an der Filmakademie Baden-Württemberg.

          Assistenzen als Berufseinstieg

          Ein Bühnenbildner beginnt nach dem Studium in der Regel zunächst als Assistent an einem Theater. Dort sammelt er Erfahrungen und kann für kleinere Produktionen seinen Ideen freien Lauf lassen. "Oftmals sind das dann die Weihnachtsmärchen", sagt Hellwig. Die Assistentenstellen werden jedoch immer seltener. Damit sinken auch die Möglichkeiten, nach dem Studium zusätzliche Qualifikationen zu erwerben. Dennoch ist eine Assistenz an einem Schauspiel- oder Opernhaus noch immer wichtiges Bindeglied zwischen Ausbildung und Beruf.

          Viele Bühnenbildner arbeiten freiberuflich, festangestellte können sich beinahe nur noch die großen Häuser leisten. Ähnliches gilt auch für Szenenbildner, die sich zumeist selbständig machen und ihre Arbeit Produktionsfirmen und Werbeagenturen anbieten. Und manch einer wagt gar einen Spagat zwischen Arbeit im Theater und in der Werbung, die weniger zum Genuss als vielmehr zum Konsum verführen will.

          Oft bleibt die Kunst ein Traum

          Die Umsetzung der Ideen eines Bühnenbildners ist Aufgabe der Handwerker. Sie formen Landschaften aus Pappmaché, bauen antike Säulen aus Holz oder zeichnen alte Schriften nach. Bühnenmaler und -plastiker lernen in den Theatern, bei Fernsehanstalten oder in Bildhauer- und Malerateliers. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Viele Kulissenbauer aber haben zuvor als Tischler, Schreiner, Maler oder Gerüstbauer gearbeitet und machen das noch immer.

          Für viele nämlich bleibt die Kunst ein Traum, der am Verdienst scheitert. Dazu sagt Bob Leisner von der Künstlervermittlung der Bundesagentur für Arbeit: "Viele meinen, dass Armut zu einem guten Künstler dazu gehört. Aber das ist Unsinn."

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