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Berliner Luft : Schnüffeln für die Wissenschaft

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Molliger Mief oder frisches Frieren? Bild: Johannes Kasche

Sie entwickeln Konzepte zur Belüftung von Gebäuden und Fahrzeugen oder forschen an energieschonenden Kühlmethoden: Absolventen der Heiz- und Raumlufttechnik an der TU Berlin haben gute Aussichten auf einen Arbeitsplatz.

          Nur immer der Nase nach!" Das ist bei Annas Job das Wichtigste. Die 24 Jahre alte Architekturstudentin ist Testriecherin im Luftqualitätslabor der Technischen Universität Berlin. Für Spürnasen wie sie gibt es viel zu tun, denn hier laufen zukunftsweisende Forschungen zur Luftqualität in Innenräumen. So werden beispielsweise Baustoffe auf ihre Geruchsemission hin untersucht und bewertet. "In den vergangenen fünf Jahren hat das Thema Luftqualität deutlich an Bedeutung gewonnen", sagt Dirk Müller.

          Der Professor leitet das Hermann-Rietschel-Institut für Heiz- und Raumlufttechnik der Technischen Universität, zu dem auch das Luftqualitätslabor gehört. Vor allem von Seiten der Industrie gebe es immer häufiger Nachfragen, sagt der Ingenieur. Schließlich sei mittlerweile bewiesen, dass Schadstoffe in Baumaterialen die Gesundheit beeinträchtigen können und schlecht belüftete, klimatisierte oder temperierte Gebäude die Leistungsfähigkeit mindern.

          „Sick Building Syndrome“

          "Sick Building Syndrome" nennt sich dieses Phänomen. Um ihm entgegenzuwirken, tüfteln die Geruchsforscher an sogenannten elektronischen Nasen. Sensorsysteme, die die Raumluft in Büros, Flugzeugen und Zügen überwachen sollen. Bei ihrer Entwicklung sind die Wissenschaftler aber nach wie vor auf das menschliche Riechorgan angewiesen. Deshalb beschäftigt das Luftqualitätslabor zahlreiche Probanden wie Anna, die im Dienste der Wissenschaft schnüffeln.

          Unbestechlich: die elektronische Nase

          Heute sollen die Testriecher verschiedene Gerüche nach ihrer Intensität beurteilen. Denn die Geruchsforscher wollen einen universell gültigen Maßstab für Geruchsstärken erstellen - einen Zollstock für Düfte sozusagen. Bevor es im Versuchsraum jedoch ans wissenschaftliche Schnüffeln geht, müssen die Probanden ihre Nasen neutralisieren: Der Duft des Morgenkaffees, die Stadtluft, der Qualm einer Zigarette - all das muss die Nase vergessen. Deshalb sitzen Anna und acht andere Testriecher in einem Glaskasten, der aussieht wie ein riesiges Aquarium. Eine Klimaanlage bläst jede Menge frische und vor allem geruchsneutrale Luft zu ihnen herein. Nach zwanzig Minuten ist die Nase befreit, nun kann es losgehen mit dem Schnupperkurs.

          Oft erbärmliche Luft in Schulen

          Während sich Anna über gläserne Zylinder beugt, aus denen Geruchsproben in verschiedenen Stärken emporsteigen, legt Inga Eggers in einer anderen Werkshalle letzte Hand an ihren Versuchsaufbau. "Bei diesem Projekt geht es um die Belüftung von Unterrichtsräumen", erklärt die Gebäudetechnik-Studentin. Ein wichtiges Thema, denn die Luftqualität in Schulen sei oft erbärmlich. Das seit unzähligen Schülergenerationen praktizierte System, in den Pausen mal eben kurz die Fenster aufzureißen, bringe nicht genügend Frischluft und sei noch dazu Energieverschwendung. "Vor allem an kalten Tagen bekommen die Schüler schnell kalte Füße, und die Fenster werden schleunigst wieder geschlossen." Molliger Mief oder frisches Frieren sind also die Alternativen in den Klassenzimmern - Wohlfühlatmosphäre kommt bei beidem nicht auf.

          Doch genau diese "thermische Behaglichkeit", wie es im Fachjargon heißt, wollen die Gebäudetechniker vom Hermann-Rietschel-Institut erreichen. Hybride Lüftungstechnik heißt ihre Wunderwaffe: ein Verfahren, das verschiedene Techniken kombiniert, damit es in Räumen immer behaglich bleibt und trotzdem ohne Energieverlust genug Frischluft zur Verfügung steht. Dafür wollen die Gebäudetechniker ein spezielles Gerät bauen.

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